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Dass es in Österreich keine Linkspartei gibt, liegt nicht an den Wählern

Analyse |
28. Juni 2017, 12:24

Im politischen Wettbewerb gilt: Die Nachfrage allein schafft noch nicht das Angebot

Teile der Jungen Grünen bilden für die Wahl im Oktober mit der KPÖ eine Wahlplattform. Schon bei früheren Wahlen gab es Zusammenschlüsse im linken Spektrum, etwa Bündnisse von KPÖ, Piratenpartei und anderen bei den Wahlen zum Europäischen Parlament 2014 und zum Wiener Gemeinderat 2015.

Doch alle Versuche, links von SPÖ und Grünen eine bundesweite politische Kraft zu etablieren, sind bislang erfolglos geblieben. Warum aber hat Österreich keine Linkspartei wie es sie in Deutschland, Schweden, Dänemark oder Spanien gibt? (Natürlich sind SPÖ und Grüne Parteien links der Mitte – unter dem Begriff "Linkspartei" verstehe ich hier eine Kraft, die vor allem in ökonomischen Fragen noch weiter links davon steht.)

Eine mögliche Hypothese wäre, dass die Nachfrage auf der Wählerseite in Österreich nicht groß genug ist. Wenn die Faktoren, die anderswo zur Wahl von Linksparteien führen, in Österreich schwächer ausgeprägt sind, dann wäre das eine logische Erklärung: Wo kein Wählerpotenzial, da auch keine relevante Partei.

Wie kann man nun das Wählerpotenzial für eine österreichische Linkspartei im Vergleich zu anderen Staaten, wo es solche Parteien gibt, abschätzen?

Im ersten Schritt erstellt man ein statistisches Modell, das die Wahl einer Linkspartei in anderen Staaten vorhersagt. Die Daten dafür kommen vom European Social Survey 2014, das auch einige Länder umfasst, wo es relevante Linksparteien gibt (nämlich Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, die Niederlande, Norwegen und Schweden). Die Charakteristika, die in dem Modell Erklärungskraft haben (d.h. statistisch signifikant sind), sind:

  • Sozialstruktur: Geschlecht, Alter, Beruf, Bildungsgrad, Wohnort, Einkommen
  • Einstellungen zu Themen: Umverteilung, Gleichstellung von Homosexuellen, Europäische Integration, Zuwanderung
  • Andere Faktoren: Religiosität, Gewerkschaftsmitgliedschaft, Links-Rechts-Selbsteinstufung, Vertrauen ins politische System

Ein solches Modell produziert eine mathematische Gleichung, die für jeden Befragten in Abhängigkeit von den oben genannten Charakteristika eine individuelle Wahrscheinlichkeit für die Wahl einer Linkspartei berechnet. In einem zweiten Schritt kann man diese Gleichung dann auf andere Länder (wie eben Österreich) übertragen und analog für alle Befragten Wahrscheinlichkeiten berechnen.

Die Grafik unten zeigt, welcher Anteil der Wählerschaft pro Land eine vorhergesagte Wahrscheinlichkeit für die Wahl einer Linkspartei größer 10, 20 und 30 Prozent hat. Dabei muss man bedenken, dass solche statistischen Modelle nicht alle relevanten Erklärungsfaktoren beinhalten können und deswegen die vorhergesagten Wahrscheinlichkeiten in Summe wohl zu niedrig sind. Die modellbasierte Median-Wahrscheinlichkeit eine Linkspartei zu wählen beträgt selbst bei tatsächlichen Linkspartei-Wählern in den sieben Ländern nur rund 19 Prozent.

Dennoch geben uns diese Daten einen guten Eindruck davon, ob sich Österreich in den Struktur seiner Wählerschaft substanziell von Staaten unterscheidet, die eine relevante Linkspartei haben. Die Grafik zeigt, dass das Wählerpotenzial für eine Linkspartei in Österreich ähnlich hoch ist wie in Deutschland. Etwa 12 Prozent der Befragten haben vorhergesagte Wahrscheinlichkeiten größer 20 Prozent, bei sechs Prozent sind es sogar Werte größer 30 Prozent. Diese Zahlen legen nahe, dass Österreich in punkto Wählerschaft nicht strukturell ungünstigeres Terrain für die dauerhafte Etablierung einer Partei links von SPÖ und Grünen ist.

Wenn es also nicht an der Wählern liegt, dann müssen andere Gründe dafür ausschlaggebend sein. Auf dem Wählermarkt schafft sich die Nachfrage eben nicht automatisch ein Angebot. Wie der Politologe Manès Weisskircher anhand des Grazer Beispieles schön gezeigt hat, braucht es auch Akteure, die durch politisches Geschick und strategisches Handeln das vorhandene Wählerpotenzial heben. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 27.6.2017)

Laurenz Ennser-Jedenastik ist Politikwissenschaftler an der Universität Wien.