Foto: Paul Landon

Ausstellung: Der Architekt als Krisenmanager

1. Juli 2017, 10:00

Wie ist es um die Zukunft des Bauens bestellt? Gar nicht gut. So zumindest sieht es eine aktuelle Ausstellung in Graz

Es regnet an diesem Nachmittag in Montreal. Die Häuser sind so grau und so farblos wie der heulende Himmel. Doch plötzlich tut sich vor der Baugrube in der Rue Sainte-Catherine ein kleines Paradies auf. Immobilienentwickler bauen gerade an einem neuen Stückchen Luxus für die Superreichen. Mit Efeu, mit Pool, mit wie zufällig über den Liegestuhl drapiertem Badetuch. Unweigerlich blickt man auf den planschenden Bewohner links im Fenster und möchte sofort in eine Zeitmaschine steigen und dieser hässlich verregneten Realität mit Baukran und Parkometer entfliehen.

"Mich faszinieren diese Bautafeln schon seit vielen Jahren", sagt der kanadische Foto- und Videokünstler Paul Landon, "denn sie transportieren eine Stimmung und eine künftige Wunschwirklichkeit, die so niemals eintreten wird. In diesem Spagat zwischen Sehnsucht und Realität ist meine Arbeit zu Hause." Rund 500 Fotografien aus aller Welt hat der 54-Jährige, dessen Fotozyklus kürzlich von der Future Architecture Platform im Rahmen eines internationalen Calls ausgewählt und ausgezeichnet wurde, zusammengetragen: Wohnungen, Penthouses, Luxusapartments, Bürotürme und exklusive Shoppinggalerien.

"Es geht hier nicht nur um eine visualisierte, computergenerierte Vorwegnahme der Architektur, sondern auch um eine ganz bestimmte Konstruktion von Zukunft", meint Landon, der in seiner Heimatstadt Montreal vor zehn Jahren die atmosphärischen Tricks der Immobilienbranche zu dokumentieren begann und mittlerweile schon einen ganzen Immo-Weltatlas damit füllen könnte. "Dissolving Futures", auf Deutsch am besten mit dem Begriff "Zukunftsauflösungen" zu umschreiben, nennt sich Landons Kompendium.

Country-Chic und Nostalgie

"Es gibt große geografische Unterschiede, denn je größer und je futuristischer die Stadt, desto traditioneller und nostalgischer werden die künftigen Bauprojekte dargestellt", erzählt der Fotograf. Am stärksten sei dieser Trend in China zu beobachten, wo das neue Wohnen mit Country-Chic und Gipsstuck beworben wird. "Da ist es manchmal schon schwer zu sagen, was das Neue und was das Alte ist. Im Kontext einer wachsenden, sich ständig verändernden Gesellschaft finde ich diese Entwicklung hochgradig verwirrend."

Vor allem aber, erklärt Landon, habe sich in letzter Zeit die Darstellungsweise gewandelt. Ging es früher um eine lebendige, städtische Stimmung mit Menschen, Bäumen und Schanigärten (im Fachjargon spricht man auch von People-Washing, Green-Washing und Mood-Washing), so dominieren auf den Bautafeln heute Sicherheitsaspekte und Wohnkomfort. "Offenbar haben die Konsumenten nach den politischen Ereignissen der letzten Jahre genug von sozialer Öffentlichkeit. Sie sehnen sich nach kontrolliertem Rückzug, nach Alarmanlage und Videoüberwachung." Und die Immobilienbranche reagiert darauf mit entsprechenden Bildern.

Auswirkungen von Stillstand

"Genau das ist der Punkt", sagt die Grazer Kuratorin Ana Jeinic. "Die heutige Architektur befindet sich in einer tiefen Krise, weil sie keine Visionen mehr hat, sondern nur noch auf funktionale und kapitalistisch bedingte Scheinbedürfnisse reagiert. Das ist ein Zusammenbruch jeglicher Zukunftsvorstellungen sowie des Zukunftsbegriffs an sich. Wie es scheint, haben wir heute Angst vor zukunftsorientiertem Denken. Wir stehen still."

Um auf dieses soziale wie auch kulturelle Defizit hinzuweisen, hat Jeinic im Haus der Architektur (HDA) in Graz vor wenigen Tagen eine zum Nachdenken anregende Ausstellung eröffnet. "Architecture after the future", so der Titel der Schau, beschäftigt sich mit der Frage, welche Auswirkungen der Stillstand der postfuturistischen Gesellschaft künftig auf Architektur und Städtebau haben wird. Gezeigt werden acht ganz unterschiedliche, teils aktiv gestaltende, teils kritisch beobachtende Arbeiten, die von der Future Architecture Platform – einem europaweiten Netzwerk, dem auch das HDA angehört – aus insgesamt 330 Projekteinreichungen ausgewählt wurden. Paul Landons Fotodokumentation ist eine davon.

Angst vor Amazon

"Wir schrecken davor zurück, die Zukunft in die Hand zu nehmen", sagt Jeinic. "Viele Architekten bauen nichts mehr, sondern setzen sich nur noch reflexiv oder im besten Fall provisorisch mit der Welt auseinander." Und so gibt es in der Ausstellung temporäre Pop-up-Zelte für Menschen in Not, geopolitische Lösungsansätze für den Territorialkonflikt zwischen Chile und Peru und süffisante Gedankenkonstrukte zu einer Archäologie der Europäischen Union. Man muss schon viel Zeit und viel Hirnschmalz in die Ausstellung mitbringen, um im mitunter verkopften Textdschungel den Überblick zu bewahren.

Spannend, weil so naiv wie auch bösartig hinters Licht führend ist Florian Bengerts Entwurf für einen Paketsilo mitten in der Stadt. Unter dem Titel "Space in Time. The Future of Logistic Landscapes" liefert der 27-jährige Architekt aus Karlsruhe eine zugleich praktische wie auch zutiefst verstörende Antwort auf den zunehmenden Onlinehandel und auf das damit verbundene, bevorstehende Verschwinden traditioneller Handelsstrukturen aus der Stadt. Seine mit Werbung illuminierten Betonsilos, die sogar über Kapelle und Kapselhotel verfügen, sind eine dystopische Reaktion auf Amazon und Zalando.

Nur zur Hälfte errichtet

Und im sehr kontemplativen Projekt "I would prefer not to" – ein Zitat aus Herman Melvilles Buch "Bartleby, The Scrivener" – trägt der slowenische Architekt Milos Kosec unterschiedliche Fälle aus der Vergangenheit zusammen, in denen sich Architekten verweigert haben zu planen und zu bauen. Da gibt es Fassaden, die bewusst nicht entworfen wurden (Jean Nouvel), Häuser, die bewusst nur zur Hälfte errichtet wurden (Alejandro Aravena), oder Platzgestaltungen, bei denen die Architekten bewusst entschieden haben, alles so zu belassen, wie es ist (Lacaton & Vassal).

So nihilistisch wie die zusammengetragenen Projekte ist auch die Ausstellung an sich. Inmitten der inszenierten Verweigerung kriegt man als Besucher früher oder später selbst unweigerlich die Krise. Wie sagt doch Kuratorin Ana Jeinic? "Wenn es tatsächlich stimmt, dass wir uns in einer Zukunftskrise befinden, dann ist der erste Schritt, sich dieser Krise bewusst zu werden." (Wojciech Czaja, 1.7.2017)