Neue Studie: Soziale Herkunft ist ins Gesicht geschrieben

11. Juli 2017, 09:00

Lebenserfahrungen seien jemandem schon an der Nasenspitze anzusehen, behaupten Forscher der Universität Toronto. Welche Folgen das haben könnte

Dass in Bewerbungsprozessen häufig unbewusst nach dem Prinzip Ähnlichkeit entschieden wird, ist so weit bekannt. Und da "die Topmanager überwiegend aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung stammen", reproduziert sich diese Gruppe quasi immer wieder selbst, wie Elitenforscher Michael Hartmann kürzlich im STANDARD schrieb. "Seit Jahrzehnten sitzen in den Chefetagen nicht nur Männer, sondern Männer mit bürgerlichem oder großbürgerlichem Hintergrund." Sie würden einander anhand bestimmter Merkmale erkennen.

Aber nicht nur die Ausdrucksweise oder Körpersprache sind ausschlaggebend – es wird offenbar sogar noch früher schubladisiert, wie eine Studie der Universität Toronto nun nahelegt. Demnach könnte die soziale Herkunft eines Menschen teilweise bereits an dessen Gesichtsausdruck abgelesen werden. Die Untersuchung wurde kürzlich im "Journal of Personality and Social Psychology" veröffentlicht.

Was Spuren im Gesicht verraten könnten

Für ihre Studie teilten die Sozialpsychologen Nicholas Rule und Thora Bjornsdottir Studierende im Alter zwischen 18 und 22 Jahren in zwei Gruppen ein: in eine vergleichsweise einkommensschwache und eine einkommensstärkere und fotografierten sie mit möglichst neutralen Gesichtsausdrücken. Als die Fotos Probanden vorgelegt wurden, erkannten diese die soziale Herkunft mit einer Treffsicherheit von 53 Prozent. Das sei statistisch erstens deshalb relevant, weil die Stichprobe groß genug war. Zweitens "waren sich die Probanden in ihren Antworten einig", sagt Studienautorin Bjornsdottir auf Anfrage. "Was darauf hinweist, dass es sich nicht um einen Zufall handelt."

"Schon in diesem Alter haben die Studierenden offenbar schon genügend Lebenserfahrung gesammelt, dass sich ihr Gesicht so verändert hat, dass man ihren sozioökonomischen Status daran ablesen kann", sagt Studienautor Rule über die Ergebnisse. Er geht davon aus, dass sich Erfolge ebenso wie Sorgen über kurz oder lang im Gesichtsausdruck niederschlagen. Ob die Zuordenbarkeit mit zunehmendem Alter weiter steige, gelte es noch zu erforschen.

Das Prinzip Ähnlichkeit durchbrechen

Gefährlich seien die unbewussten Zuschreibungen insofern, als dass sie wie eine Art selbsterfüllende Prophezeiung wirken: "Sie beeinflussen, wie man sich verhält und welche Chancen man hat", sagt Bjornsdottir. Heißt: Jene, die ohnehin schon privilegiert sind, kommen weiter. Die anderen schaffen den Aufstieg oft nicht. So hätten Personalchefs auch in der kandadischen Studie eher jene Bewerber bevorzugt, die den Job eigentlich weniger nötig haben.

Die Studie zeigt jedoch auch, dass die angeblichen Merkmale sozialer Herkunft nur bei relativ neutralen Gesichtsausdrücken erkennbar sind. Mit einem Lächeln könnten sie sich also beispielsweise kaschieren lassen, so die Forscher.

Am System und an der Homogenität vieler Chefetagen ändert das aber gewiss noch nichts. Wolle man hier Abhilfe schaffen, komme man um Quotenregelungen nicht herum, schreibt Elitenforscher Hartmann. "Erst wenn bisher benachteiligte Gruppen dann über Jahre einen festen Bestandteil der Normalität bilden, kann das Prinzip der Ähnlichkeit auch für sie Gültigkeit erlangen und damit seinen bisherigen selektiven Charakter verlieren." (lib, 11.7.2017)