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"Paris kann warten": Stelldichein mit Schokoladerosen

14. Juli 2017, 07:00

Die US-Regisseurin Eleanor Coppola schickt in ihrem neuen Film Diane Lane als vernachlässigte Amerikanerin durch Frankreich. Ein romantisches Roadmovie, in dem ein Kavalier als Reisebegleiter nicht lange auf sich warten lässt

Wien – Für einen Vertragsabschluss nach Budapest, dann schnell weiter nach Marokko, und dabei immer auf der Suche nach zwei zusammenpassenden Socken: Das Leben des US-amerikanischen Filmproduzenten Michael (Alec Baldwin) ist furchtbar aufregend. Kein Wunder, dass seine Frau Anne (Diane Lane) sich manchmal ein wenig vernachlässigt fühlt.

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Aber sie macht gute Miene zum hektischen Spiel, und fast wirkt sie ein wenig erleichtert, als ihr eines Morgens eröffnet wird, sie könne nicht mit an Bord des Privatjets. Denn Anne hat Probleme mit den Ohren. Das ist allerdings vermutlich eher ein Sinnbild dafür, dass sie mit den schwankenden Druckverhältnissen nicht umgehen kann, denen man in einer Flugzeugkabine (oder an der Seite eines Mannes wie Michael) ausgesetzt ist.

Frankreich, ich komme

Die Alternative ist aber gar nicht schlecht: eine Autofahrt von Cannes nach Paris in Gesellschaft eines französischen Kavaliers namens Jacques (Arnaud Viard). Ein Mann, der wirklich an alles denkt, vor allem an seine Rauchpausen. Dazwischen ist er aber der beste Reisebegleiter der Welt. Von homöopathischen Ohrentropfen bis zum besten Dijonsenf des Landes braucht es in Eleanor Coppolas romantischem Roadmovie Bonjour Anne (Paris kann warten) nur eine aufgehaltene Autotür. Anne rechnet damit, abends in der Wohnung von Freunden und dort endlich ein wenig bei sich zu sein. Sie hat aber die Rechnung ohne Jacques gemacht, und außerdem ohne dieses Land, das es nicht auf sich sitzen lassen mag, wenn jemand es einfach so an sich vorüberziehen lassen will. Frankreich hat doch so viel zu bieten, und man wäre ein Narr, würde man die kürzeste Verbindung zwischen zwei Orten wählen.

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Und so handelt sich Anne mit Jacques eine ordentliche Verspätung ein. Anfangs nimmt man das noch als eine Art Vorspiel, das irgendwann zu einer richtigen Geschichte führen sollte. Doch bald wird klar: Der Weg ist hier die Geschichte, der eigenwillige Jacques kommt möglicherweise auch als Galan infrage, in erster Linie aber ist er dramaturgisches Prinzip, in zweiter Linie ist er ein wandelnder Restaurantführer, und schließlich erweist er sich sogar noch als cinephil.

Picknick im Grünen

Denn Eleanor Coppola lässt es sich bei ihrem späten Spielfilmdebüt – die Ehefrau von Francis Ford Coppola ist 81 Jahre alt und hat davor vor allem einen bedeutenden Dokumentarfilm über dessen Opus magnum Apocalypse Now gemacht – nicht nehmen, dass Anne und Jacques in Lyon nicht nur schmausen, sondern auch das Museum besuchen, das den Brüdern Lumière gewidmet ist und damit den Anfängen des Kinos. Und ausgerechnet in dieser Episode wird die erotische Strahlkraft von Jacques besonders deutlich hervorgehoben, um nicht zu sagen: Sie wird mit den Mitteln des Boulevardtheaters so richtig beschworen. Oder warum richten sich Männer immer erst dann die Hose, wenn sie nach dem Stelldichein schon wieder gesehen werden können?

Subtilitäten psychologischer oder anderer Art sollte man sich von Paris kann warten nicht erwarten. Diane Lane ist eine ideale Besetzung für die passive Hauptrolle, sie hat nicht nur etwas nobel Widerständiges, sondern kann auch die Zumutungen, die sie mit Jacques erlebt, ohne großes Aufheben (über)spielen. Dieser scheint nämlich unerklärlicherweise nie Geld dabei zu haben und borgt sich also ihre Kreditkarten. Dafür definiert er eine Autopanne sofort zu einem Picknick um. Und Picknick, das heißt bei den Franzosen: ein Dejeuner im Grünen, ganz wie bei Manet.

En passant (so könnte der Film auch heißen) kommen die beiden Reisenden dann nach dem Verzehr von viel Schinken und dem Genuss autochthoner Weine auch noch auf die wesentlichen Momente ihrer Lebensgeschichte zu sprechen. Die Kathedrale in Vézelay, in der angeblich Maria Magdalena (eventuell nur teilweise) begraben liegt, ist ein idealer Ort für die schmerzvollen Erinnerungen, mit denen Coppola ihre ansonsten blasse Heldin ein wenig aus der vorgeschützten Nonchalance holt. Dass Jacques dieser Frau den Spitznamen "Brulée" gibt (ja, wie in Crème), kann nur mit Schokoladerosen in großer Stückzahl abgegolten werden. Wer nach diesem Film an eine Fastenkur denkt oder nie wieder eine Zigarette sehen will, muss deswegen aber noch lange kein unsinnlicher Mensch sein. (Bert Rebhandl, 14.7.2017)

Ab Freitag im Kino