, Steffen Arora

Mountainbike-Modell 2.0: Die Tiroler Lösung für legales Radfahren auf dem Berg

Das Forstgesetz verbietet in Österreich kategorisch das Mountainbiken im Wald. In Tirol hat das Forstamt schon vor 20 Jahren erkannt, dass das kein Modell für die Zukunft ist, und geht seitdem erfolgreich eigene Wege

Biken im Gebirgen, und das auch noch legal. Für viele in Österreich ein Wunschtraum, in Tirol bereits Realität.

foto: land tirol / noichl

Die Beschilderung ist ein wichtiger Punkt im Rahmen des Mountainbike-Modells 2.0, das seit 20 Jahren vom Tiroler Forstamt entwickelt und umgesetzt wird.

foto: land tirol / noichl

Innsbruck – Die Lorbeeren eines Visionärs erkennt Dieter Stöhr, ohne zu zögern, Altlandeshauptmann Wendelin Weingartner (ÖVP) zu. "Der hat schon 1997 gesagt: 'Das mit dem Radeln, das wird was. Da solltet ihr was machen'", erinnert sich Stöhr, der als Fachbereichsleiter in der Tiroler Landesforstdirektion tätig ist. Auf Weingartners Aufforderung hin bildete Stöhr mit Jägern, Bauern, Grundbesitzern und Touristikern einen Arbeitskreis. Das Ziel lautete, eine Lösung zu schaffen, mit deren Hilfe Mountainbiken in Tirol legal möglich wird. Denn Österreich ist der einzige Alpenstaat, der Radfahren im Wald und auf dem Berg grundsätzlich verbietet.

"Den wesentlichen Anstoß lieferte der Tourismus", erinnert sich Stöhr. Weingartner als oberster Tiroler Touristiker wusste, dass mit Wandergästen allein die Sommersaison nicht zu stemmen sein wird. Es galt daher, Wege für die Mountainbiker zu öffnen. Zuerst waren das Forststraßen, seit gut fünf Jahren sind es vermehrt Singletrails, also Wanderwege. "Weil sich der Sport verändert hat", wie Stöhr erklärt. Der Widerstand der Bauern hielt sich in Grenzen. "Der Grundtenor bei den meisten lautet, dass es ihnen egal ist, wer durch ihren Wald fährt, solange das für sie keine Scherereien bedeutet", so der Forstbeamte.

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Also entwickelte man in Abstimmung mit den Gemeinden und Tourismusverbänden (TVB) einen Nutzungsvertrag. Die Grundidee dahinter lautete, dass Gemeinden, TVBs oder eben das Land das Risiko übernehmen, sollte es auf einem dieser Wege zu einem Unfall kommen. "Die Haftungsforderungen gehen nicht an den Grundbesitzer oder Wegehalter, sondern direkt an die Gemeinde oder den TVB", erklärt Stöhr das Modell. Zum Glück komme es aber nur sehr selten vor, dass ein Mountainbiker nach einem Sturz klagt: "Die meisten sind vernünftig und sehen ein, dass sie selber schuld waren."

Entgelt für Wege

Daneben gibt es noch eine sogenannte "Umbrella-Versicherung" des Landes, die einspringt, sollte Gemeinde oder TVB nicht dazu in der Lage sein. Einerseits wird also dem Grundeigentümer oder Wegehalter die Haftung abgenommen, andererseits erhält er ein jährliches Entgelt von zwölf Cent pro Laufmeter Mountainbikestrecke auf seinem Boden für die "Einschränkung im Eigentumsrecht". Diese komplizierte Formulierung rührt daher, dass aus einem reinen Nutzungsentgelt eine Haftung abgeleitet werden könnte. Vielerorts stocken Gemeinden und TVBs dieses Entgelt noch auf, sodass in Tirol derzeit durchschnittlich zwischen 15 und 17 Cent pro Laufmeter und Jahr gezahlt werden. "Mit rund 350.000 Euro jährlich ist das die größte direkte Transferleistung zwischen Tourismus und Landwirtschaft in Tirol", sagt Stöhr.

Ein weiteres wichtiges Detail beim Mountainbike-Modell 2.0 ist die einheitliche Beschilderung und Einteilung der Strecken in verschiedene Schwierigkeitsstufen. Denn auch das trägt dazu bei, die Haftung überschaubar zu halten. "Wenn jemand einen schwarzen Trail fährt, muss er wissen, worauf er sich dabei einlässt. Ganz wie beim Skifahren", erklärt der Forstbeamte. Außerdem wurden im Vertragswerk eigene Standards definiert. So wird ausdrücklich festgehalten, dass Brücken auf Forstwegen kein Geländer aufweisen müssen.

Shared Trails und reine Biketrails

Das Mounainbike-Modell 2.0 kann nach 20 Jahren Erfahrung als voller Erfolg verbucht werden. Rund 5.000 Kilometer umfasst das legale Wegenetz für Mountainbiker derzeit in Tirol. Gut 230 Kilometer davon sind Singletrails – Tendenz stark steigend. "Allein heuer werden wieder an die 60 Kilometer Singletrail dazukommen", sagt Stöhr. Dabei wird zwischen Shared Trails, die sich Wanderer und Radler teilen, und reinen Mountainbiketrails unterschieden. "Das hängt von der Nutzungsfrequenz ab, welches Modell man wählt", erklärt der Experte. Bei Strecken, die viel befahren werden, macht es Sinn, sie als reine Bikewege zu kennzeichnen, um Nutzungskonflikte und gefährliche Situationen mit Wanderern zu vermeiden.

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Ein Paradebeispiel für einen solchen reinen Bike-Singletrail ist jener auf der Arzler Alm in Innsbruck. Gerade im Umfeld der Landeshauptstadt ist die Frequenz an Bikern auf den Trails sehr hoch. Daher kam es im Bereich der Nordkette immer wieder zu Konflikten zwischen Wanderern und Radlern. Das Land förderte den Bau des Arzler-Alm-Trails zu 50 Prozent, um zur Entschärfung dieser Situation beizutragen. "Wir haben bewusst einen anspruchsvollen Trail für die große Bikeszene in Innsbruck gebaut, der nicht gleich langweilig wird", erklärt Stöhr. Heute fahren rund 500 Biker täglich auf der Strecke, zugleich nutzt kaum noch jemand die Wanderwege abseits des Trails, weil dieser eigens auf die Bedürfnisse von Bikern zugeschnitten ist und daher mehr Spaß macht.

Auf dem Berg ist genug Platz für alle

Umgekehrt entscheidet man sich in Gebieten, in denen wenige Biker unterwegs sind und die Wege naturbelassen verblockt bleiben, eher für das Shared-Trail-Modell. Mittlerweile wirbt das Forstamt mit einem eigenen Videoclip (siehe oben) in Rahmen seiner Initiative "Bergwelt Tirol – miteinander erleben" für mehr Toleranz auf dem Berg. Denn Stöhr ist der Meinung, dass im Wald und auf dem Berg eigentlich genug Platz für alle Nutzer ist: "Fährt man eine Stunde wo rauf, ist man meistens schon allein unterwegs." Die Unkenrufe von wegen übervölkerter Berge versteht er nur bedingt: "Das ist meistens die Wahrnehmung von Leuten, die nicht viel im Gelände sind. Die sehen nur den vollen Parkplatz im Tal." Stöhr mahnt das respektvolle Miteinander auf dem Berg ein, wie es Sitte ist: "Verfolgt man die Diskussionen um die Wegefreiheit, könnte man den Eindruck bekommen, am Berg wird nur mehr gestritten."

Wobei auch der Fachmann einräumt, dass es Gebiete wie etwa den Großraum Innsbruck gibt, die durch intensive Freizeitnutzung überbeansprucht sind. Dort gelte es, durch gezielte Strukturmaßnahmen Nutzungskonflikte zu entschärfen, so Stöhr: "Wir versuchen durch Angebote zu lenken, nicht durch Verbote." Daher achte man bewusst darauf, neue Singletrails nicht in der unberührten Natur zu bauen, sondern dort, wo es bereits andere Infrastruktur wie etwa Wege oder Pisten gibt. Das Land Kärnten hat das Tiroler Mountainbike-Modell 2.0 bereits übernommen und die Steiermark prüfe es gerade, so Stöhr. Während sich in Sachen Forstgesetzreform wegen des Widerstandes der Waldbesitzerlobby und der ÖVP nichts bewegt, ist das Tiroler Modell eine veritable Alternative, um zumindest die rechtlichen Schranken für Biker zu entfernen. Alle anderen können notfalls umfahren werden. (Steffen Arora, 18.7.2017)

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