, Guido Gluschitsch

BMW R nineT Urban G/S: Schönheit muss sliden

Der neueste Sproß der R-nineT-Familie ist der aufregendste, was die Optik angeht, und macht den typischen Spaß beim Fahren

Ich fürchte, die Kolleginnen und Kollegen beim STANDARD waren heilfroh, als ich die BMW R nineT Urban G/S wieder zurückgeben musste. Fast im Stundentakt habe ich nämlich Führungen zum Motorrad gemacht. Jede und jeder durfte, nein, musste regelrecht diese Schönheit anhimmeln, wenn er oder sie nicht als Dilettant beschimpft werden wollte. Angreifen, geschweige denn Draufsitzen war natürlich verboten. "Schauen tuat ma mit de Augn", hat mir die Oma schon beigebracht.

Ein Kollege hat mir sogar einen Locher nachgeschmissen. Zumindest ist ein solcher neben mir in den Türstock eingefahren, nachdem ich ihm gesagt habe, er solle das Fenster aufmachen, dann kann er hören, wie ich gleich vorbeifahre. Gut, der Kollege steht mehr auf die Bologneser als auf die Berliner Motorräder. Aber er hat trotzdem zugegeben, dass ihm die Urban G/S gefällt.

Dabei war er noch nicht einmal richtig auf der Welt, als die 80 G/S 1980 anhob, zur Legende zu werden, auf deren optische Gene man beim Design der Urban G/S zurückgegriffen hat. Die Schönheit der Urban ist ihm dennoch nicht entgangen. Der hohe enduroartige Koderer vorne, die arge Lampenmaske und der Farbmix aus Weiß, Blau und Rot: Sie ist ja sooo schön, dass ich sie am liebsten in meine Garage stellen würde. Allein nur, weil sie so fesch ist. Aber um 16.864 Euro, die BMW für das Testmotorrad samt ASC, der Stabilitätskontrolle, den LED-Blinkern und den Kreuzspeichenrädern aufruft, werd ich noch eine Zeitlang meine alten Parallel-Twins gut behandeln.

Beim Boxer waren wir uns eh einig, der Kollege ohne Locher und ich. Der luftgekühlte Boxer mit 1.170 Kubikzentimeter Hubraum und 110 Pferden ist schlicht ein Traum. Mit dem Motor hat man so viel Spaß, ohne dauernd überfordert zu sein, er läuft herrlich charismatisch und klingt sogar durch den Serienauspuff extrem knackig, ohne dabei zu nerven.

Gänzlich anderer Meinung sind wir aber, was die Reifen angeht. Die Stoppler gehen gar nicht, sagt er nämlich in seinem jugendlichen Leichtsinn. Er sei das Motorrad mit den Geländereifen schon gefahren und vermisse ein wenig den Grip, wenn es heiß hergeht. Ja, das stimmt schon, und die Fuhre fährt sich auf der Straße auch, als wären alle Lager hin, allerdings ist das kein Fehler, sondern ein Feature. Diese "Schönheit muss nämlich sliden", wie ein anderes Sprichwort meiner Großmutter sagt, wenn ich mich nicht irre.

Das heißt, man kann sich die Stabilitätskontrolle um 269 Euro einfach sparen – dann braucht man sie nämlich nicht abdrehen – und zieht ganz lässig schwarze Striche am Kurvenausgang, rutscht geschmeidig durch die Stadt und hat eine unglaubliche Hetz dabei. Wer da noch ein wenig Übung braucht, nehme die Urban G/S einfach mit auf ein Schotterstraßerl und habe so lange Spaß, bis einen der Muskelkater zum Heimfahren zwingt. Am Schotter bricht die Fuhre nämlich noch leichter aus und fangt sich im Gegenzug nicht so schnell, was einem gerade am Anfang, beim Probieren, den einen oder anderen Highsider erspart.

Gleichzeitig sind diese Stoppler immer noch gut genug, um auf der Hausstrecke die Gebückten zu ärgern, die sich mit dem Zündschlüssel das Visier zerscheren, weil sie so tief am Lenker liegen, während man selber ganz kommod draufsitzt. Da hilft ASC dann schon beim beherzten Rausbeschleunigen, weil man sich dann nicht so aufs Hinterrad konzentrieren muss.

Es kommt übrigens nicht gut an, wenn man am Fuße des Hausberges dann zum Gebückten sagt, dass er eh brav gefahren sei. Denn der Urban G/S sieht man schon an, dass die eigentlich schon auch zum Posieren gemacht ist und nicht fürs Gefecht. Aber mir sind eine Telegabel, die man nicht verstellen kann, und ein Kardanantrieb immer noch lieber als Kniepackl, die mitten in der Saison gerade einmal vom Niederknien beim Kettenfetten und Gabelverstellen zerkratzt sind.

Nein, nein, sie ist keine Rennmaschine, sie ist auch keine Enduro, das will die Urban G/S auch nicht sein. Die R nineT ist in jeder Ausbaustufe eine fesche, selbstbewusste Diva. Und eine solche weiß, wann sie welches Schuhwerk zu tragen hat. Als Urban G/S sind das sie Stöckelbock mit den zarten Riemen, also Stoppler mit Speichenradel. Als R nineT Racer, die im 70er-Jahre-Retro-Look daherkommt, sind das dann aber Jogging High, Leichtmetallfelgen und Straßenreifen also. Es gibt eh für jeden Geschmack das Richtige. Nur eine R nineT, die zu meinem Kontostand passt, gibt es noch nicht. Schade eigentlich. (Guido Gluschitsch, 18.7.2017)

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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BMW R nineT Urban G/S

Motor: 1170 ccm Boxer, luftgekühlt
Leistung: 81 kW / 110 PS
Drehmoment: 116 Nm

Kraftübertragung: Sechsgang-Getriebe, Kardanwelle

Rahmen: Stahl-Gitterrohr
Radführung: 43mm Telegabel / Paralever
Federweg: 125 / 140 mm
Bremsen: 320 mm Doppel- / 265 mm Einscheibe, ABS

Sitzhöhe: 850 mm
Gewicht: 221 kg
Tankinhalt 17l

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