, Steffen Arora

Trial und Trails: Der Mountainbike-Allrounder Tom Öhler im Porträt

Der ehemalige Weltmeister, Europameister und Weltrekordhalter im Bike-Trial fährt zwar keine Wettkämpfe mehr, lebt aber weiterhin von und durch seinen Sport. Einerseits ein Traum, andererseits harte Arbeit

Perfekte Technik am Bike – das zeichnet den Trialstar Tom Öhler aus.

foto: stefan voitl

Mit seinen Trialshows tingelt er durch die Lande und hat sich damit ein zweites Standbein geschaffen.

foto: stefan voitl

Mountainbiken im urbanen Raum. Öhler verbindet zwei Welten.

foto: stefan voitl

Innsbruck – Diese Stadt ist wie geschaffen für ihn. Tom Öhler liebt das Wechselspiel zwischen urban und alpin, das ihm seine Wahlheimat Innsbruck bietet. Entweder trickst er mit seinem Trialbike am Landhausplatz, oder er sucht den Flow auf den Trails der Nordkette. Vom Wettkampfsport hat sich der 34-Jährige bereits verabschiedet. Als Weltmeister, Europameister und Weltrekordhalter im Bike-Trial kann er mehr als nur Achtungserfolge vorweisen. Er lebt aber weiterhin vom Radfahren. Und zwar als Showtrialer und Mountainbikeguide.

Seit 2010 lebt Öhler zusammen mit seiner Lebensgefährtin in der Tiroler Landeshauptstadt. Mit dem Umzug von Salzburg nach Innsbruck hat sich auch sein Leben grundlegend verändert. Öhler beendete seine Karriere als Wettkampffahrer und konzentrierte sich fortan auf seine Trial-Shows. Zudem begann ab 2010 Mountainbiken eine immer größere Rolle zu spielen. "Ich komme aus dem Trial-Sport, daher habe ich mir mit fahrtechnischen Herausforderungen am Mountainbike immer sehr leichtgetan."

Dieser Inhalt steht Ihnen in unserer Mobilversion zur Verfügung.

Nose Manuals und Hinterradversetzen gehören für ihn seit jeher zu den Standardübungen. Auf Innsbrucks Nordkette findet er als Mountainbiker genau die Art von technischen, schwierigen Trails, die ihm als Trialfahrer so zusagen. "Ich habe dann begonnen, Fahrtechnikkurse anzubieten." Seine Camps in Tirol und Südtirol sind mittlerweile heißbegehrt und regelmäßig ausgebucht.

Die Kunst der Langsamkeit

Öhler sagt von sich selbst, dass er in der Mountainbike-Welt schwer einzuordnen sei. Zum einen, weil er Schubladen ohnehin nicht mag, zum anderen, weil er einen anderen, von seiner Trial-Ausbildung herrührenden Ansatz verfolgt: "Ich fahre gerne langsam im schwierigen, verblockten Gelände. Aber genauso gerne mach ich auf Flow-Trails die Bremsen auf und gebe Gas." Mit Downhill-Binsenweisheiten wie "Speed is your friend" habe er aber noch nie etwas anfangen können: "Es kommt immer auf das Gelände an. Die Herausforderung wird zum Beispiel noch viel größer, wenn man eine schwere Stelle bewusst langsam fährt, anstatt einfach drüberzubügeln."

Seine Liebe zum technischen Tüfteln hat Öhler schon in die Wiege gelegt bekommen. Sein Vater war begeisterter Trial-Motorradfahrer. Er nahm den Junior regelmäßig mit zu Wettkämpfen. Das hat Eindruck hinterlassen, und alsbald begann der kleine Tom vorm elterlichen Haus, und bei Schlechtwetter in der Tischlerei der Tante, die Tricks aus Bikemagazinen nachzuahmen. "Meine ersten Versuche fanden auf einem schwarzen Nakita-Mountainbike statt. Lustigerweise hatte schon das eine Suntour-Gabel, damals noch mit Elastomer-Federung."

Dieser Inhalt steht Ihnen in unserer Mobilversion zur Verfügung.

Heute ist Suntour Öhlers Gabelsponsor. In Pettenbach bei Linz, wo Familie Öhler wohnte, war Tom mit seinem Hobby ziemlich allein. Doch das störte ihn nicht, unermüdlich übte er Tricks. "Ich habe mir die Sachen selbst beigebracht, vor allem aus Videos und Berichten." 1996 wurde erstmals die Trial-WM auf Eurosport übertragen, und bald bekam er VHS-Kassetten mit Videos von Hans Rey und dem Spanier César Cañas in die Finger: "Das waren neben Martyn Ashton und Petr Kraus meine ersten Vorbilder." Toms Ziel war klar: Er will das auch können. Er übte fortan in jeder freien Minute. "Im alten Steinbruch, in der Tischlerei, am Dorfplatz. Ganz egal, wo."

Tatkräftige Hilfe der Eltern

Seine Freunde konnten sich nie für das Trial-Hobby begeistern, doch das störte Öhler nicht: "Ich wollte auch in der Pubertät nie mit dem Sport aufhören. Der Wunsch, immer besser zu werden, war mein Antrieb." Seine Eltern unterstützen ihn tatkräftig dabei und kutschierten ihn zu den Rennen, die meist in Tschechien stattfanden. Prägend war in diesen Anfangsjahren das Zusammentreffen mit Peter Mitterbauer, der in Linz ein MTB-Show-Team managte: "Mit seinen beiden Trial-Fahrern Rainer Wollendorfer und Alex Lepschi habe ich trainiert. Erstmals hatte ich damit jemanden, von dem ich etwas lernen konnte. Diese Zeit hat mich sehr geprägt."

Die ersten großen Erfolge stellten sich ein. Öhler wurde im Jahr 2000 Dritter bei der UCI Junioren-WM, im Jahr darauf bereits Vizeweltmeister bei den Junioren, und 2002 errang er Platz acht in der Eliteklasse. Der erste große Sponsorendeal, der seine sportliche Karriere prägen sollte, gelang ebenfalls 2001. Er wurde zu einem Red-Bull-Athleten. "Plötzlich mit meinen Idolen Petr Kraus und César Cañas im selben Team zu sein war aufregend." Sein Linzer Mentor Mitterbauer fädelte den Deal ein. Bei Red Bull lernte Öhler vor allem, wie wichtig eine Trainingsroutine auch im Trial-Sport ist. "Sie haben mich von Beginn an sehr gefördert und sind bis heute neben der Stadt Innsbruck meine wichtigsten Sponsoren."

Nach seinen Erfolgen bei UCI-Wettbewerben konzentrierte sich Öhler auf Bewerbe der Bike Trial International Union (BIU), des spanischen Gegenstücks zum Radsportverband. Hier fuhr er mit dem Europameistertitel 2006 und dem Weltmeistertitel 2008 seine größten Erfolge ein. Zugleich firmierte er aber auch in der UCI-Rangliste immer unter den ersten drei der Welt: "Ich bin zu der Zeit viele UCI-Bewerbe gefahren, um Punkte zu machen."

Mehrfacher Weltrekordhalter

Dass Ehrgeiz für einen Profisportler dazugehört, davon zeugen die Weltrekorde, die Öhler bis heute für sich verbuchen kann. Mit 2,89 Meter hält er die Weltbestmarke für den höchsten Wallclimb mit einem Fahrrad. Und mit 44,62 Sekunden ist er Weltrekordhalter im 400 Meter Hürdenlauf – selbstredend auf dem Fahrrad. Mit diesem Kunststück schaffte er es bis ins Hauptabendprogramm in die deutsche Fernsehsendung "Wetten dass,…". Trotz des sportlichen Höhenfluges verlor der Oberösterreicher nie die Bodenhaftung. Und so konzentrierte er sich ab 2008 wieder voll auf sein Sportwissenschaftsstudium. Die Wettkämpfe wurden hintangestellt. Auch sein akademischer Weg war von Erfolg gekrönt und so schloss er 2010 sein Bachelor-Studium ab. 2016 – nach dreijähriger Uni-Abstinenz – nun auch sein Masterstudium.

In Innsbruck fand er ein neues zuhause. "Diese Stadt passt einfach gut zu mir, ich wollte immer schon hierher." Die Überschaubarkeit und die Nähe zu den Bergen seien große Pluspunkte. "Für meine Hausrunde in Richtung Achselkopf brauche ich, wenn es schnell gehen muss, genau eine Stunde von Haustür zu Haustür." Zudem sei die Szene hier sehr aktiv, wenn auch überschaubar. "Ich hab zum Beispiel im Supermarkt ums Eck Harald Philipp an der Kassa kennengelernt." Auch Trial-Shootingstar Fabio Wibmer lebt und trainiert in Innsbruck. "Ich finde es sehr cool, dass Fabio auch da ist. Wir fahren immer wieder mal zusammen und lernen beide voneinander." Den plötzlichen Hype um Trial, den Stars wie MacAskill befördert haben, sieht Öhler positiv: "Ich finde diese Entwicklung sehr gut, weil es mehr Leute auf unseren Sport aufmerksam macht."

Ob er den Traum lebe, kann Öhler nicht beantworten. "Ich lebe meinen Traum", sagt er bescheiden. Mit Glamour und Leichtigkeit habe das Leben als Bikeprofi aber nur am Rande zu tun. Natürlich sei es nicht selbstverständlich, mit seinem Bike um die Welt zu reisen, um in Nepal oder auf den Malediven Rad zu fahren. Dieses Privileg ist ihm bewusst, und er weiß es zu schätzen. Doch dahinter stecken sehr harte Arbeit und vor allem ein sehr diszipliniertes Leben. (Steffen Arora, 25.7.2017)

Mehr zum Thema Tretlager