Wer am Wochenende keine Mails checkt, bleibt draußen

Eine US-amerikanische Geschäftsführerin testet Bewerber mit einer Mail am Wochenende. Wer nicht binnen Stunden antwortet, scheidet aus

Wer seine Mails am Wochenende nicht checkt, hat keine Chance: Erika Nardini, Geschäftsführerin der Sport- und Lifestyle-Website Barstool Sports, wünscht sich von ihren Mitarbeitern vollen Einsatz – das heißt auch, immer für sie erreichbar zu sein.

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Lebenslauf, Bewerbungsschreiben, ein persönliches Gespräch und vielleicht auch ein kurzer Test des Fachwissens oder der Persönlichkeit – so sehen die meisten Bewerbungsverfahren aus. Die Geschäftsführerin der Sport- und Lifestyle-Website Barstool Sports, Erika Nardini, setzt da noch eins drauf: Sie schreibt den Bewerbern am Wochenende eine Mail, und wer sie nicht binnen drei Stunden beantworten, ist raus. "Ich schreibe Sonntagfrüh oder spätabends, nur um zu sehen, wie schnell jemand antwortet", sagte sie der "New York Times".

Unausgesprochene Regel: Erreichbarkeit

Es sei nicht so, dass sie ihre Mitarbeiter das ganze Wochenende mit Mails belästige, erklärt Nardini. Aber: "Ich denke die ganze Zeit an die Arbeit. Andere Menschen müssen nicht ständig arbeiten, aber ich möchte schon, dass sie daran denken."

In der Freizeit erreichbar zu sein ist mittlerweile oft eine unausgesprochene Regel – auch in Österreich. Laut einer Umfrage erwarten 45 Prozent der Arbeitgeber hierzulande bereits eine Verfügbarkeit ihrer Mitarbeiter außerhalb der regulären Arbeitszeiten. Männer sind dabei häufiger von dieser Erwartungshaltung betroffen als Frauen. Die Bereitschaft der österreichischen Arbeitnehmer, auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten verfügbar zu sein, ist dabei mit 43 Prozent ähnlich hoch wie die Erwartungshaltung.

"Sich unwohl fühlen ist gut"

Nardini setzt ständige Erreichbarkeit mit hoher Arbeitsmoral gleich. Sie schätze das mehr als alles andere: "Jede junge Person sollte irgendwann einen Job annehmen, der Unbehagen auslöst und für den sie sich ungenügend qualifiziert findet." Es sei nämlich großartig, sich unwohl zu fühlen, weil man dann seine ganze Energie darauf konzentrieren könne, das zu verändern.

Auswirkungen von Zeitdruck

Welche Auswirkungen eine Arbeitswelt à la Nardini haben könnte, wird in einer über den Zeitraum von fünf Jahren erarbeiteten Studie deutlich, für die mehr als 2.000 Beschäftigte im Dienstleistungsbereich (Verwaltung, Gesundheit, IT) in einem Abstand von jeweils eineinhalb Jahren befragt wurden. Die Forscher der Uni Wien konnten belegen, dass nicht nur der Zeitdruck steigt, sondern auch die Arbeitsdichte – was die Mehrheit der Befragten als belastend empfindet. In der Folge sinken Engagement, Wohlbefinden und Zufriedenheit, die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen, was zu Erschöpfung führt. Und: Zwar gibt es in der neuen Arbeitswelt mehr Raum für Flexibilität, allerdings geht damit auch mehr Verantwortung und Planung einher – Gestaltungsfreiheit kann dann auch zur Herausforderung werden. (lhag, 25.7.2017)

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