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Mohammed bin Salman: Der Überflieger

Analyse |
26. Juli 2017, 07:24

Der 31-Jährige, seit einem Monat Kronprinz von Saudi-Arabien, führt im wahhabitischen Königreich für seinen abwesenden Vater erstmals die Geschäfte. Aus dem Provisorium könnte bald ein Dauerzustand werden

Blut ist dicker als Wasser, und ein Sohn steht dem Vater näher als ein Neffe dem Onkel. Insofern konnte der greise König Salman bin Abdulaziz Al Saud am Montag beruhigt in die Sommerfrische nach Marokko reisen, wie saudische Medien fast verschämt meldeten. Nach den jüngsten dramatischen Veränderungen an der saudischen Staatsspitze, über deren Hintergründe die ganze Welt rätselt, kommunizierte das Königshaus nur zurückhaltend, was die private Auslandsreise des Königs bedeutet: Saudi-Arabien wird erstmals von Mohammed bin Salman regiert. Nur vorübergehend. Aber geht es nach den Palastauguren, dann wird MbS, wie er salopp genannt wird, nicht mehr lange auf die definitive Übergabe warten müssen.

Paukenschlag mit Ankündigung

Mohammed bin Salman wird im August 32 Jahre alt, Kronprinz ist er seit einem guten Monat. Von seinem Ehrgeiz, seinen Cousin Mohammed bin Nayef (MbN) als Thronfolger abzulösen, wusste man: Als es am 21. Juni passierte, kam es dennoch wie ein Paukenschlag. Das Video, auf dem der bärtige, etwas plumpe junge Prinz vor dem 57-Jährigen, der ihm weichen muss, auf die Knie geht und dessen Hände küsst, machte die Runde.

samer ismael

Es folgten in kurzem Abstand Berichte, wie es angeblich wirklich gewesen sei: Laut "New York Times" wurde der diabeteskranke MbN so lange gegen seinen Willen festgesetzt, bis er zum Rücktritt bereit war. Dem Thronrat, der aus den Vertretern der wichtigsten Familienzweige zusammengesetzt ist und dem Akt formal zustimmen musste, wurde gesagt, MbN sei schmerztablettensüchtig. Bei einem Attentat wurde er 2009 schwer verletzt, seitdem ist er auf Medikamente angewiesen.

Brisante News per Twitter

Aber wer weiß schon, wie es wirklich war? Das einstmals hermetische saudische Königshaus ist längst zum Lieblingsthema von Informanten geworden, die als wahre oder angebliche Insider alle möglichen und unmöglichen Geschichten lancieren. Wenn der neue allerbeste Freund der Saudis, US-Präsident Donald Trump, seinerseits Twitter als Kommunikationsmittel zelebriert, so wird man das in Riad mit gemischten Gefühlen sehen: Der König und die ihm am nächsten Stehenden sind Opfer des Twitterers "Mujtahidd", der brisante Interna verbreitet. Manche glauben, bei Mujtahidd handelt es sich tatsächlich um einen hohen Prinzen im Herzen der Familie – andere tippen eher auf einen feindlichen Geheimdienst. Er kündigte vor wenigen Tagen an, dass Salman schon vor seiner Marokko-Reise zurücktreten werde. Es stimmt also nicht alles, was er twittert.

Aber immerhin: Die Gerüchte über Mohammed bin Salmans unhaltbaren Drang zur Macht haben sich als fundiert erwiesen. Der Königssohn ist bereits der einflussreichste Mann im wahhabitischen Königreich: Er ist der Verteidigungsminister und damit Kriegsherr, kontrolliert den königlichen Hof und damit den Zugang zum König, ist als Proponent der "Vision 2030" der Wirtschaftszampano des Landes, ihm untersteht die staatliche Ölfirma Aramco, und alle Fäden des Sektors Sicherheit laufen bei ihm zusammen. Noch als MbN Kronprinz und Innenminister war, wurde sein Ministerium zusammengestutzt. Dieser Prozess ging vergangene Woche weiter, als alle Sicherheitsagenden des Staates in einem Präsidium, das dem König – also de facto dem Kronprinzen – gehorcht, zusammengeführt wurden. Es soll sich unter den frustrierten MbN-Anhängern im Innenministerium kein mächtiger "tiefer Staat" bilden können.

Der Handkuss des Kronprinzen ging im Frühsommer um die Welt.
foto: al-ekhbariya via ap

Dass es diese Frustrierten gibt, daran besteht kein Zweifel: Das Innenministerium wurde vor MbN von dessen Vater Nayef bin Abdelaziz – einem vollen Bruder Salmans – geführt, der als Kronprinz starb, bevor er 2012 König werden konnte. Aber es gibt auch Angehörige anderer Familienzweige, sie sich ausgebootet fühlen dürften. Die Arrangements der Thronfolge, die König Abdullah, der im Jänner 2015 starb, getroffen hatte, wurden so gedeutet, dass er seinerseits die Nachfolge einem eigenen Sohn sichern wollte. Am Dienstag meldete sich jedoch ein Sohn von König Fahd (gestorben 2005), Abdulaziz, zu Wort, der sich hinter den abgesetzten Kronprinz, MbN, stellte.

Generationenwechsel am Königsthron

Die Unruhe im ganzen System kommt daher, dass nach Salman erstmals einer aus der Enkelgeneration des Staatsgründers Abdelaziz Al Saud auf den Thron kommen wird. Seit Bestehen des 1953 gegründeten Staates wurde er unter Söhnen von Ibn Saud, wie Abdulaziz international genannt wurde, weitergegeben. Jetzt springt die Nachfolge in die nächste Generation, und da hätten gerne auch andere mitgespielt.

Aber Mohammed bin Salman hat sie alle überflügelt: 31 Jahre und bereits Kronprinz. Warum also sollte er nicht warten, bis ihm der Thron auf biologische Weise, durch den Tod des 81-jährigen und gesundheitlich fragilen Vaters, zukommt, bestimmt eher früher als später?

Auf großen Plakaten kündigte das Königreich den Besuch des "neuen besten Freundes" aus Washington an.
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Zwei Gründe nennen Beobachter, die mit einer früheren Ablöse Salmans rechnen: erstens, dass MbS' Aufstieg eben doch nicht so unumstritten ist, wie es die saudische Propaganda will. Eine Thronbesteigung, die noch vom alten König, dem letzten der alten Generation, zu Lebzeiten abgesegnet wird, würde offene Opposition schwieriger machen. Das "Wall Street Journal" berichtete jüngst von einem bereits gedrehten Video, auf dem Salman seinen Sohn als neuen König installiert. Allerdings weiß man nicht, ob es – wenn es denn existiert – nicht doch gedreht wurde, um erst im Fall des Todes Salmans zum Einsatz zu kommen.

Der zweite Grund für die Eile MbS' liegt fast 11.000 Kilometer westlich von Riad: die Schwäche des US-Präsidenten. Mohammed bin Salmans Aufstieg wurde im Weißen Haus mit Sympathie begleitet – und vielleicht will der Kronprinz nicht so lange warten, bis sein amerikanischer Mentor irreparabel beschädigt ist. MbS besuchte Trump bereits im März im Oval Office, wurde dort wie ein Staatsoberhaupt behandelt und fädelte Trumps Bling-Bling-Besuch in Saudi-Arabien im Mai ein. Unter Barack Obama hatte noch MbN – als Innenminister ein verlässlicher Partner der Amerikaner in ihrem "war on terror" – als Favorit der USA gegolten.

Trump und Staatschefs aus der muslimischen Welt – hier im Bild links Ägyptens Präsident Abdel Fattah al Sisi und Saudi-Arabiens König Salman – besuchten das Global Center for Combatting Extremist Ideology in der saudischen Hauptstadt Riad.

"Impulsive" Außenpolitik

Verlässlich: Für Beobachter des gegenwärtigen Saudi-Arabien ist das ein Wort aus der Vergangenheit des fundamentalistischen Königreichs, das den Status quo in der Region stets als Rezept für die Zukunft betrachtet hatte. MbS ist ganz anders: Im berühmt gewordenen Bericht des deutschen Bundesnachrichtendiensts (BND) wurde bereits Ende 2015 vor seiner "impulsiven" Politik gewarnt. Der Auslöser war das jemenitische Abenteuer, in das sich MbN im März 2015 – damals war er zwar schon Verteidigungsminister, aber noch nicht Vizekronprinz hinter MbN – stürzte.

Der Krieg gegen die Huthi-Rebellen im Jemen ist tatsächlich, auch fast zweieinhalb Jahre nachdem die Saudis eingestiegen sind, noch nicht gewonnen, schon wird vom "Vietnam Saudi-Arabiens" gesprochen. Politische Entscheidungen, die heute in Riad getroffen werden, wirken oft hochemotional und wenig reflektiert, was die Folgen betrifft. Dazu gehört auch die von Saudi-Arabien ausgerufene beinharte Linie gegen das Emirat Katar, dem man Bedingungen gestellt hat, die es bei einer Wahrung seiner Souveränität kaum erfüllen kann. Diese aggressive Außenpolitik kostet natürlich auch Geld – das innen fehlt, wozu der niedrige Ölpreis, der jedoch in den vergangenen Jahren eine bewusst kalkulierte saudische Politik war, beiträgt.

Also auch innen könnte sich Unmut regen, die Klientel des Königshauses ist verwöhnt und nicht ans Sparen gewöhnt. Was MbS offenbar aber wirklich gut gelingt, ist, sich als der Prototyp des jungen Saudis zu stilisieren: modern, aktiv, international – obwohl er einer der wenigen saudischen Prinzen ist, die nie im Ausland studiert haben. Er steht für den Wandel, für ein neues Saudi-Arabien, in dem sich ein Prinz wie er zwar noch immer ohne Wimpernzucken spontan eine Yacht um ein paar hundert Millionen Dollar kauft, in dem aber trotzdem angeblich alles anders wird, modern eben.

Westliche Popkultur hält langsam Einzug im wahhabitischen Königreich: Ein Plakat bewirbt eine Comicmesse in der Hafenstadt Jeddah.
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Kratzen am traditionellen Frauenbild

Wie genau die Modernität aussieht, die MbS und seine Anhänger Saudi-Arabien bringen wollen, wissen sie wohl selbst noch nicht. Die traditionellen Stützen des Regimes werden erst einmal weitgehend ignoriert: Die neue moderne saudische Führungsschicht tut, wenn sie nach außen auftritt, einfach so, als ob es den konservativen Klerus nicht gäbe, der das strenge salafistische Gesellschaftsmodell mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Auch am traditionellen Frauenbild wird langsam, aber stetig gekratzt: Erfolgreiche Unternehmerinnen gehören ohnehin längst zur saudischen Realität, auch wenn sie noch immer nicht Auto fahren dürfen und in der Öffentlichkeit die Geschlechtersegregation weiter gilt. Aber immerhin, amüsieren sollen sie sich dürfen: Die jungen Saudis besuchen heute Konzerte, Musik ist nicht mehr "haram". Auf einer Fläche von 334 Quadratkilometern wird am Rande Riads eine Entertainment-City gebaut, inklusive Safaripark und einer gigantischen Kirmes der US-Firma Six Flags. Dort sollen sie wohl vergessen, dass ihnen zur Moderne doch noch etwas Entscheidendes fehlt: ein politisches System mit Verfassung und Wahlen. (Gudrun Harrer, 26.7.2017)