Fischer

Das Hohe Haus teilt sich auf

Reportage |
8. August 2017, 13:44

5.700 Kartons, 1.500 Schränke und 714 Arbeitsplätze: Die Übersiedlung des Parlaments ist ein logistischer Riesenaufwand. Auch die Parlamentsbibliothek muss der Baustelle weichen

Könnten Bücher kichern, heute würden sie es tun. Ein Speditionsmitarbeiter steht auf der Galerie im Lesesaal der Parlamentsbibliothek und schlichtet ein Buch nach dem anderen in eine graue Plastikbox. Dann geht es los: Die Kiste gleitet auf einer Holzrutsche vom Balkongeländer in die Arme eines Mitarbeiters der Spedition Lang. Mit einem Rumms stellt er sie auf ein Rollwagerl.

Seit 134 Jahren stehen Parlamentsschriften, Gesetzestexte und grundlegende Werke zur Demokratie in der Parlamentsbibliothek im historischen Gebäude. Heute wird gesiedelt.

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Ein Drittel der Holzregale ist bereits leer. Schreibtische, Sessel und Computer sind ausgeräumt, nurmehr der Empfangstisch steht im Raum. "Hier ist ordentlich was los", sagt Elisabeth Dietrich-Schulz. Die 61-jährige Direktorin der Bibliothek beobachtet die Bücherrutsche vom Eingang des Saals aus. Seit 1992 leitet sie die Bibliothek, heute trägt sie einen bunten, mit Blumen bedruckten Rock und eine Jeansjacke über einem weißen T-Shirt. Dietrich-Schulz drängt darauf, gleich auch ihren neuen Arbeitsplatz zu besuchen. "Das sollten Sie gesehen haben, der neue Lesesaal wird sehr schön."

Dr. Franciszek Smolka – polnisch-österreichischer Politiker und von 1861 bis 1863 Abgeordneter zum Reichsrat – zwischen Umzugskartons.
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Der Lesesaal der Bibliothek gehört zu Tranche fünf der Parlamentsübersiedlung. Hunderte Bücher müssen eingepackt und wieder in die richtigen Regale geräumt werden. In insgesamt sieben Tranchen wird das Parlament mit rund 700 Schreibtischen, 1.400 Schränken, 200 Pulten, 70 Sitzbänken, 70 Regalen und über 2.500 Sesseln, Sitzreihen, Fauteuils und Hockern übersiedelt. Hauptsächlich ist das an den Wochenenden passiert, um den laufenden Betrieb nicht zu stören. Von Dienstag bis Donnerstag dieser Woche ist die FPÖ als Letzte dran. Der gesamte Klub zieht in die Reichsratsstraße, wo die Freiheitlichen bereits jetzt eigene Räume haben.

Das Parlament wird während der Generalsanierung geräumt, die Mitarbeiter und Abgeordneten ziehen in Übergangsquartiere. Laut der Parlamentsdirektion hätte das Gebäude in absehbarer Zeit die behördliche Betriebsbewilligung verloren. Vor allem das Dach macht Probleme: 2009 hat es über Nacht auf die Sitze von grünen Abgeordneten geregnet, so mancher Sessel ist während der Nationalratssitzung zusammengebrochen, und das lag nicht am Gewicht der Abgeordneten. Mit der Sanierung sollen nicht nur Mängel beseitigt, sondern das Gebäude "auf die Höhe der Zeit" gebracht werden: Es soll barrierefrei sein und mehr Interaktion mit den Bürgern ermöglichen. Die teure Sanierung wurde jahrelang aufgeschoben. Geld für Politik gilt nicht als populär. Ab 28. August ist es doch so weit.

Es wird die erste Generalsanierung in der Geschichte des Hauses am Ring sein, das als Reichsratsgebäude im attischen Stil gebaut wurde. Mit dem Bau begonnen wurde 1874, ab 1883 hatte hier der Reichsrat, das Parlament der cisleithanischen Reichshälfte der k. u. k. Monarchie, seinen Sitz. Wo heute der Nationalratssitzungssaal ist, befand sich damals der Sitzungssaal des Herrenhauses, des Oberhauses. Die Zweite Kammer, das Abgeordnetenhaus, hatte zuletzt 516 Mandatare und tagte im heutigen Historischen Sitzungssaal. Die Abgeordneten kamen aus den verschiedenen Teilen der cisleithanische Hälfte der Donaumonarchie, noch heute zieren Symbole der 17 Kronländer die Giebel des Gebäudes.

Noch älter als das Gebäude sind einige Schriftstücke, die in der Parlamentsbibliothek aufbewahrt werden. Direktorin Dietrich-Schulz spricht von "zwei ganz besonderen Schätzen". Das Oktoberdiplom von 1860 und das Februarpatent 1861 gelten als grundlegende Verfassungsurkunden, auf denen der heutige Staat aufbaut.

Mit dem Oktoberdiplom erließ Kaiser Franz Joseph eine Verfassung, die aber keine wirkliche Wende zum Konstitutionalismus brachte, weil der Monarch weiter die alleinige Entscheidungsgewalt in den wichtigsten Staatsgeschäften innehatte. Das Diplom scheiterte – vor allem am Widerstand der Deutschliberalen und der Ungarn. Das Februarpatent ist eine erweiterte Fassung des Oktoberdiploms. Ein Zweikammerparlament wurde geschaffen: Der Kaiser entsandte die Mitglieder des Herrenhauses, das Abgeordnetenhaus wurde von den Landtagen beschickt.

Elisabeth Dietrich-Schulz leitet seit 1992 die Parlamentsbibliothek.
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Prunkausfertigungen der beiden Dokumente haben die Mitarbeiter der Parlamentsbibliothek beim Umzug eigenhändig übersiedelt. "So gut sie ist, das haben wir nicht der Firma überlassen", sagt Dietrich-Schulz.

Die Firma, das ist die Spedition Lang. Das Unternehmen hat bereits Banken und Krankenhäuser übersiedelt und ist verantwortlich dafür, dass die rund 5.700 Kartons und 714 Arbeitsplätze dort landen, wo sie hingehören. Das funktioniert über ein Etikettensystem. Jedes Möbelstück hat eine Inventarnummer, eine Tranchennummer und einen Code für Quell- und Zielort. Bisher sei nichts verlorengegangen, sagt Geschäftsführerin Karin Lang. "Von hundert Übersiedlungen, die wir machen, funktionieren zwei so gut wie diese hier", sagt sie zu Alexis Witoniak, der als Vizedirektor des Parlaments für die Sanierung zuständig ist. Der freut sich über das Lob. "Für unsere Mitarbeiter ist das alles sehr viel Arbeit", sagt er. Der Neuwahlbeschluss hat den Stress nicht unbedingt gemildert.

Der Lesesaal der Parlamentsbibliothek wurde in Tranche fünf von sieben übersiedelt.
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Ein paar Gänge von der Bibliothek entfernt klirrt es in regelmäßigen Abständen. Zwei Frauen prüfen die Gläser der Parlamentskantine. Jene mit Sprung schmeißen sie in einen Müllcontainer. Im ganzen Haus wird entrümpelt. Jeder Mitarbeiter – von der Nationalratspräsidentin bis zum Stenografen – hat fünf Umzugskartons bekommen. Die von der Parlamentsdirektion ausgegebene Devise lautet: 60 Prozent der angesammelten Papiere aussortieren, 30 Prozent digitalisieren und zehn Prozent mitnehmen. Laut Witoniak hat das auch geklappt.

Schwierigkeiten gibt es trotzdem. In dem Gesetz, das einstimmig beschlossen wurde, hat der Nationalrat festgelegt, dass die Sanierung nicht mehr als 352,2 Millionen Euro kosten darf. Die Kosten für Übersiedelung und Übergangsquartiere dürfen 51,4 Millionen nicht übersteigen. Zwar läuft laut Witoniak derzeit alles nach Plan. Trotzdem musste die Ausschreibung für die Baumeisterarbeiten widerrufen werden. Der Grund: Alle drei Angebote lagen über der von Ziviltechnikern ermittelten Obergrenze. Zur Frage, ob es Absprachen gab, will Witoniak sich nicht äußern. In einem "Verhandlungsverfahren ohne Bekanntmachung" will man mit den drei Bietern jetzt nachverhandeln. Das Sanierungsprojekt könne jedenfalls ohne Verzögerung mit den vorgelagerten Arbeiten beginnen.

Pünktlich am 7. August öffnet die Parlamentsbibliothek im Ausweichquartier im Palais Epstein. Das Gebäude befindet sich nur ein paar Meter neben dem Parlament und ist unterirdisch mit dem Hauptgebäude verbunden. Schreibtische und Regale stehen schon. Die klassischen goldenen Tischlampen mit dunkelgrünen Glasschirmen sind noch in Schutzfolie verpackt. Die Bibliothek ist öffentlich für alle Interessierten zugänglich. Benutzer außerhalb des Parlaments können die Bücher aber nicht mitnehmen, aber vor Ort lesen und kopieren.

Aufräumarbeiten im Foyer. Vor dem historischen Gebäude des Parlaments gibt es ein Infocenter zur Baustelle.
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Im Zuge der Übersiedelung wurden tausende Bücher der Bibliothek im Magazin unter der Rampe des Parlamentsgebäudes untergebracht. Insgesamt beherbergt die Bibliothek 360.000 Bücher – würde man sie aneinanderreihen, ergäbe das zwölf Kilometer. "Die Wege vom Palais Epstein ins Magazin sind jetzt länger, aber wir haben weiterhin einen direkten Zugriff und brauchen keine Transportfahrten", sagt sie. "Die Möbel sind alle aus dem historischen Parlamentsgebäude, die Tische sind Hansen-Originale, die Regale sind Hansen nachempfunden", sagt Dietrich-Schulz und streicht über das Holz.

Theophil Hansen hat auch das Palais Epstein geplant, und das Parlamentsgebäude selbst wurde nach seinen Entwürfen gebaut. Der dänisch-österreichische Architekt hat die Ringstraßenarchitektur maßgeblich geprägt. Aus seinem Büro stammen auch der Musikverein, die Akademie der bildenden Künste und die Börse. Hansen hat seine hellenistisch inspirierten Entwürfe auch in Griechenland umgesetzt, das Reichsratsgebäude in Wien und die Akademie von Athen zeigen eindeutige Parallelen. Im Haus selbst mischte Hansen griechische mit römischen Elementen. So zieren griechische Historiker die linke Auffahrtsrampe, römische Kollegen die rechte Seite.

Umzug im Parlament: Jeder Mitarbeiter hat fünf Kartons zur Verfügung.
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Das Parlament tagt ab 16. August im großen Redoutensaal in der Hofburg. Die Räumlichkeiten, in denen in Zeiten Maria Theresias Bälle gefeiert wurden, dienten bisher vor allem für Kongresse, waren aber auch schon Kulisse der Weltpolitik: 1961 trafen sich US-Präsident John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, Regierungschef der Sowjetunion, zu einem Gipfeltreffen.

Neben der Parlamentsbibliothek im Palais Epstein gibt es sechs weitere Standorte, die während der Sanierung als Übergangsquartiere dienen (siehe Grafik). Sie werden "Demokratiequartier" genannt. Am auffälligsten sind wohl der "Pavillon Ring" und der "Pavillon Burg". Entgegen dem, was man sich unter solchen Namen vielleicht vorstellt, handelt es sich dabei um provisorisch errichtete, schnörkellose Holzgebäude, die nach dem Baukastensystem errichtet wurden. Der Pavillon Ring beherbergt die SPÖ, der Pavillon Burg die ÖVP. Die Gebäude sollen später anderswo aufgebaut und wiederverwendet werden. Möglich wären laut Witoniak 80 Einfamilienhäuser oder neun Kindergärten.

"Die vielen Standorte des Demokratiequartiers werden unsere Fitness fördern", sagt Bibliothekarin Dietrich-Schulz. Geht alles nach Plan, dauert die Sanierung des Parlaments bis 2020, dann wird zurückübersiedelt. Auch der Lesesaal der Bibliothek zieht dann wieder in das Hauptgebäude ein. Bis dahin denkt Dietrich-Schulz aber noch nicht. Sie freut sich jetzt einmal darüber, dass ihre Bibliothek im Gegensatz zu früher für Passanten von der Straße aus zu sehen ist. "Wir hoffen auf mehr Besucher und Aufmerksamkeit aus der Forschung", sagt sie und eilt davon. Sie muss aus dem Magazin ein Buch für eine Abgeordnete holen. (Text: Lisa Kogelnik, Produktion und Grafik: Sebastian Pumberger, Video: Maria von Usslar, Fotos: Christian Fischer, 8.8.2017)