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Steigende Wasserspiegel: Das Meer wird mehr

28. Juli 2017, 06:58

Laut einer Auswertung von 1.500 Pegeln steigt der Meeresspiegel bereits seit den 1960er-Jahren dramatisch. Philippinische Inseln drohen unterzugehen

Essen/Wien – Der Meeresspiegel weltweit steigt an. Das ist kein Geheimnis, doch wie dramatisch die Entwicklung eigentlich schon seit den 1960er-Jahren ist, das zeigt eine aktuelle Auswertung von über 1.500 Seepegeln durch das deutsche Recherchezentrum Correctiv und die Columbia-Universität in New York.

Dabei wurden seit August 2016 über 700.000 Pegelstände ausgewertet. Diese für die Seefahrt wichtigen Daten werden seit langer Zeit erhoben und geben Aufschluss darüber, wie der Meeresspiegel schwankt – und somit auch darüber, wie er steigt. Sie werden von Organisationen wie dem britischen Permanent Service for Mean Sea Level (PSMSL) gesammelt. Die Institution hat an mehr als 2.000 Orten Pegelmesser aufgestellt und liest sie zum Teil im Monatsrhythmus ab.

Eine Visualisierung der Entwicklung des Meeresspiegels finden Sie hier.

Die Ergebnisse der Untersuchung: Der Klimawandel ist bereits seit Jahrzehnten deutlich zu spüren. Das Meer steigt weltweit, und es steigt schnell – zwischen wenigen Millimetern bis zu einigen Zentimetern pro Jahr. Kaum ein Land und kaum eine Küstenregion entkommt dem Wasser. In Deutschland und den USA werden bereits großflächig die Deiche verstärkt. In anderen Teilen der Erde gibt es diese Vorsichtsmaßnahmen nicht.

In Skandinavien hingegen dehnen sich die Erdmassen mit den steigenden Temperaturen aus und erheben sich. Verstärkt wird dieser Trend der steigenden Erdmassen durch die abschmelzenden Eiskappen in etlichen Zonen entlang der Arktis und Antarktis. Manche Häfen liegen bereits buchstäblich auf dem Trockenen.

Manila in Gefahr

Weitaus häufiger aber ist das Meer angestiegen. Wo man 1980 noch stehen konnte, ohne nass zu werden, benötigt man heute in etlichen Regionen der Welt bereits Gummistiefel. So ist das Meer heute im südfranzösischen Marseille 20 Zentimeter höher als vor 30 Jahren. Auf der deutschen Nordseeinsel Borkum sind es 18 Zentimeter. Die am stärksten betroffenen Städte liegen aber vor allem in Asien. Die philippinische Hauptstadt Manila beispielsweise misst 40 Zentimeter höhere Pegel als vor 30 Jahren, in naher Zukunft könnte sie untergehen.

"Dort, wo das Meer schon stark angestiegen ist, wird es künftig weiter stark ansteigen", sagt Anders Levermann, Klimafolgenforscher in Potsdam und New York. Levermann ist Hauptautor des letzten Weltklimaberichts des internationalen Klimarats IPCC. Sich ändernde Strömungen könnten den Meeresspiegel lokal beeinflussen, fügt Levermann hinzu. Der globale Trend aber bleibe. "Dass der Meeresspiegel in den kommenden Jahrhunderten noch schneller ansteigen wird, ist heute absoluter Konsens – und auch, dass dies an der menschengemachten Erwärmung liegt", sagt Levermann.

Der Klimawandel trifft die Menschheit unterschiedlich hart. Das Meer steigt weltweit, aber Wind, Strömungen und Wellen beeinflussen den Pegel regional. In einigen Regionen steigt der Meeresspiegel um zehn Millimeter pro Jahr, dreimal schneller als im weltweiten Durchschnitt. Der liegt derzeit bei rund 3,4 Millimetern jährlich.

Teile von Bangladesch bedroht

Sicher ist nur: Je näher und tiefer gelegen Menschen am Meer wohnen, desto stärker werden sie unter dem Klimawandel leiden. Europäische Küsten müssen Teile ihrer Strände, Straßen und Wohnviertel an das Meer abgeben. Philippinische Regionen könnten untergehen, Inseln mit eigenen Sprachen und Kulturen versinken. Millionen Menschen in Bangladesch sind schon jetzt bedroht, weil sie in einem der am niedrigsten liegenden Landschaften der Erde leben. Der Meeresanstieg hat schon sichtbar die Welt verändert – und wird die bewohnbaren Gebiete in Zukunft neu verteilen.

Für Afrika und weite Teile Asiens gibt es keine längeren Datenstrecken. Der Grund dafür: Sie spielten im Handel lange Zeit kaum eine Rolle, deswegen wurden dort über lange Zeiträume keine kontinuierlichen Daten erhoben. Diese Lücken heißen nicht, dass das Meer dort nicht steigt – sondern nur, dass nicht klar ist, wie stark es steigt. (red, 28.7.2017)