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Neuer Cockpitschutz spaltet die Formel 1

27. Juli 2017, 19:22

Fahrergruppe um Sebastian Vettel begrüßt Neuerung, andere sehen eine Überbetonung des Sicherheitsgedankens

Mogyorod – Der für 2018 beschlossene Cockpitschutz entzweit die Formel 1. "Wenn Teile von Autos rumfliegen, wird es dich nicht schützen. Ich verstehe nicht, warum wir es brauchen", kritisierte Red-Bull-Pilot Max Verstappen am Donnerstag vor dem Grand Prix von Ungarn die Entscheidung des Weltverbands FIA.

Contra

Auch andere Fahrer zeigten Unverständnis über die Einführung eines ringförmigen Bügels, der mittig an einer Strebe des Rennwagens fixiert ist und sich über den Helm des Piloten spannt. Dagegen sagte WM-Spitzenreiter Sebastian Vettel mit Verweis auf frühere Unfälle: "Es wäre dumm und ignorant, so etwas nicht zu nutzen."

Der Streit entzündet sich vor allem an der Frage, ob im Bemühen um noch mehr Sicherheit mit dem Stahl-Bauteil den Autos ihr spezieller Charakter geraubt wird. "Es muss einen besseren Weg geben. Wir kommen in einen Bereich, wo es zu sicher ist, um noch aufregend zu sein. Ein gewisses Risiko gehört zum Image der Formel 1", meinte Haas-Pilot Kevin Magnussen.

Ähnlich argumentierte Nico Hülkenberg (Renault): "Ich bin nicht sicher, ob diese zusätzliche Sicherheit nötig ist", sagte der Deutsche. Das neue System würde vor Szenarien schützen, deren Wahrscheinlichkeit bei "eins zu einer Million" liege. Der Mercedes-Teamaufsichtsrat Niki Lauda sprach von einer "Überreaktion" der FIA, da das Restrisiko für die Fahrer schon sehr klein sei.

Auch diverse internationale Fachmedien argumentieren seit Monaten gegen das Konstrukt, das Magazin auto motor und sport bezeichnete die Einführung in einem Kommentar gar als "schwarzen Tag für den Motorsport". So wird befürchtet, dass die Sicherheitsschraube von nun an immer weiter gedreht und der Motorsport damit zunehmend steril wird.

Zudem sorgt der Entwurf an sich für Kritik, schließlich schützt er nur bei ganz bestimmten Unfallszenarien. Das allerdings räumt auch die FIA ein. "Der Halo bietet keinen 100-prozentigen Schutz. Vielleicht werden wir eines Tages die Lösung finden, mit der wir sämtliche Ziele erreichen", sagt der für die Entwicklung zuständige FIA-Vertreter Laurent Mekies. Für den Moment aber sei der Bügel die beste verfügbare Möglichkeit. Das hätten jahrelange Tests und Berechnungen am Beispiel realer, teilweise tödlicher Unfälle in der Formel 1 und anderen Monocoque-Serien ergeben: "In der überwältigenden Mehrheit dieser Szenarien hätte der Halo dem Fahrer geholfen."

Pro

Doch auch das andere Lager ist groß. "Die Sicherheit steht immer an erster Stelle", betonte Sergio Perez von Force India. Routinier Fernando Alonso verwies wie Kollege Vettel auf die Todesfälle der früheren Rennfahrer Henry Surtees und Justin Wilson, die durch einen Cockpitschutz wohl verhindert worden wären. "Wenn wir in der Zeit zurückgehen könnten, um ihre Leben zu retten, wären wir glücklich. Die Ästhetik kümmert mich nicht", bemerkte der Spanier.

Auch die FIA wies auf dem Hungaroring erneut die Kritik zurück. "Die Fans werden sich daran gewöhnen", sagte FIA-Renndirektor Charlie Whiting. Der Verband argumentiert, die bisherigen Tests mit dem sogenannten "Halo" (Heiligenschein) hätten überwältigend positive Ergebnisse erzielt.

Zudem haben die Teams bis zum Beginn der kommenden Saison die Chance, das "Halo"-System im Rahmen des Regelwerks ins Design ihrer Autos einzubeziehen und auch mit Werbung zu verzieren. "Es wird nicht so schlimm, wie manch einer denkt", versicherte Whiting.

Darauf setzt auch Lewis Hamilton. "Die Autos sind schon jetzt zu schwer. Ich hoffe, sie verringern das Gewicht noch", sagte der britische Mercedes-Star. Seine Prognose: "Ich denke, dass wir uns auf ein geschlossenes Cockpit zubewegen." (APA, sid, red – 27.7. 2017)