Fall Charlie: Auch in Österreich entscheiden die Ärzte

29. Juli 2017, 07:00

Auch in Österreich haben bei der Behandlung von Kindern die Ärzte und nicht die Eltern das letzte Wort

Der Fall des britischen Babys Charlie Gard ging in den letzten Wochen weltweit durch die Medien. Wie in Großbritannien, kann auch in Österreich die medizinische Behandlung eines Kindes ohne Zustimmung der Eltern beendet werden. Ausschlaggebend ist die Einschätzung der Ärzte, ob eine weitere Therapie möglich und medizinisch sinnvoll ist. Eltern sollten in derartigen Notsituationen aber keinesfalls alleine gelassen werden, heißt es dazu von der Wiener Patientenanwaltschaft.

Die Eltern des todkranken Charlie hatten ihr elf Monate altes Kind für eine experimentelle Therapie in die USA bringen wollen, das Londoner Great-Ormond-Street-Krankenhaus hielt das für aussichtslos, die Eltern verloren den Rechtsstreit. "Wenn es klar ist, dass das Kind sterben wird, dann muss abgewogen werden, wie sehr eine experimentelle Therapie das Kind nur belastet", so Helga Willinger, Juristin bei der Wiener Patientenanwaltschaft im Gespräch mit der APA.

In Österreich seien Ärzte dazu verpflichtet, alle medizinischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Frage sei, was damit erreicht werden könne, betont Helga Willinger. Sie kenne im Fall Charlie keine Details, doch generell gelte, dass eine Behandlung abgebrochen werden kann, wenn keine medizinische Indikation mehr für deren Weiterführung gegeben ist. "Als Patient habe ich dann keine Möglichkeit, eine medizinische Behandlung durchzusetzen", so die Juristin.

Eltern nicht alleine lassen

Diese Umstände seien emotional extrem belastend für Eltern, deshalb müssen sie informiert werden, um die Entscheidung der Ärzte nachvollziehen zu können. "Ganz schlecht ist es, wenn man Eltern in solchen Notsituationen alleine lässt", sagte Willinger. Es käme jedoch nicht besonders häufig vor, dass Eltern sich bei der Patientenanwaltschaft in Wien beschweren, Kinderintensivstationen würden sehr professionell vorgehen.

Nicht nur bei einem Abbruch der Behandlung, sondern auch bei deren Weiterführung haben die Mediziner das letzte Wort, wenn das Kindeswohl gefährdet ist: Eltern als gesetzliche Vertreter ihres Kindes müssen zwar die Zustimmung zu einer Behandlung geben. Verweigern die Eltern diese jedoch, dann kann ein Gericht beispielsweise entscheiden, dass die Obsorge den Erziehungsberechtigten vorübergehend entzogen wird. Eine lebensnotwendige Behandlung wie eine Bluttransfusion kann dann trotzdem durchgeführt werden. (APA, 29.7.2017)