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Heimkind zu Malariakur: "Ich wusste, dass es Unrecht war, was sie in der Klinik getan haben"

Interview |
29. Juli 2017, 09:00

Wilhelm Jäger, Pensionist, verbrachte seine Jugend in Heimen der Stadt Wien. Mit der "Malariatherapie", die ihm in der Klinik Hoff verpasst wurde, habe man ihm das "Davonrennen" abgewöhnen wollen

STANDARD: Sie waren in etlichen Heimen der Stadt Wien und des Bundes. 1964, mit 16, landeten Sie in der Klinik Hoff. Dort bekamen Sie eine sogenannte Malariakur verpasst. Wie ist es dazu gekommen?

Jäger: Ich bin abends oft nicht mehr ins Heim zurückgekommen, sie haben mich aber immer wieder gefunden und zurückgeholt. Eines Tages, ich war im Heim Im Werd, kam ein Psychiater und überwies mich an Hoff. Ich wurde ohne Erklärung mit einem Erzieher ins Auto verfrachtet – und im AKH von vier, fünf weißen Mänteln empfangen. Einer der Ärzte begrüßte mich: "Ich sag's dir gleich, wenn du hier auch davonrennst, kommst in der gesperrten Abteilung ins Gitterbett." Später wusste ich dann, dass das Klinikchef Hoff war. Nach einer Woche haben sie mit der sogenannten Kur begonnen.

STANDARD: Hat man Ihnen etwas erklärt?

Jäger: Aber nein. Nach einer Woche habe ich gesehen, wie sie einem Buben aus dem Heim Eggenburg Blut abnahmen, danach haben sie mir das mit derselben Nadel ins Gesäß gespritzt. Da habe ich noch immer nicht gewusst, was mit mir passiert. Diese Ungewissheit, diese Malariakur, das war die Hölle für mich. Dann kam das Fieber. Eine junge Ärztin, die mir das Gegenmittel gab, hab ich gefragt: "Ich halt das fast nicht aus, hab 41 Fieber, was geschieht mit mir?" Sie sagte mir, dass sie Versuche mit Malaria machen, ich soll keine Angst haben.

STANDARD: Wie lang sind Sie geblieben?

Jäger: Zwei Wochen Fieberkur, eine Woche "Rehab", dann wurde ich entlassen. Da fragte mich ein Arzt: "Na, wirst jetzt wieder davonrennen?" Ich darauf: "Warum nicht? Ich habe Eltern, ich muss mich nicht sekkieren lassen von Erziehern." Weil das in den Heimen war ein sehr großes Sekkieren. Mit der Fieberkur wollten die erreichen, dass ich nicht dauernd davonrenne.

STANDARD: Hat aber nichts genützt ...

Jäger: (Lacht.) Nein, gegen mein Entweichen nicht. Was ich auch nie vergessen werd: Einmal haben sie ein Bett in den Behandlungsraum geschoben, da lag ein Bub drin festgeschnallt, obwohl der vorher ganz normal gegangen ist. Durchs Schlüsselloch hab ich gesehen, wie sich der aufbäumt und windet und verdreht, das war ganz schrecklich. Elektroschock.

STANDARD: Sie haben 2012 Ihre Krankenakte angefordert und erst bekommen, als sich Anwalt Johannes Öhlböck eingeschaltet hat. Hat sich je jemand bei Ihnen entschuldigt?

Jäger: Nein. Ich hatte bis 2010 Fieberschübe, aber wenn ich meine Geschichte erzählt habe, hat mir niemand zugehört. Ich wusste, dass es Unrecht war, was sie in der Klinik getan haben. Ich wollte dagegen ankämpfen, aber mir hat das Geld gefehlt. Der Erste, der mir zugehört hat, war Anwalt Öhlböck. Und eigentlich, wenn Bürgermeister Häupl hält, müsste es eine Entschädigung geben für uns, die wir auch diese Fieberkuren verabreicht bekommen haben. Das hat er 2012, als die Sache durch mich aufgekommen ist, versprochen. (Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl sagte damals, man werde sich um Wiedergutmachung für die Betroffenen bemühen; Anm.)

STANDARD: Sie waren nach 1964 noch in vielen anderen Heimen der Stadt Wien ...

Jäger: Ja, in Kaiserebersdorf zum Beispiel, das unterstand dem Justizministerium. Wenn man was angestellt hat, kam man in die "Korrektion". Das war eine Zelle im Keller, da wurden wir bis zu sieben Tage lang eingesperrt, bis zu drei Tage lang gab es nichts zu essen. Das hieß: "sieben Tage, drei Schmale". Ich war dort in der Strafgruppe, habe Bürsten und Besen gemacht. Nach ein paar Monaten bin ich davongelaufen, wurde wieder eingesperrt und kam in die Außenstelle von Kaiserebersdorf, nach Kirchberg am Wagram. Da gab's zwölf Einzelzellen, eine Stunde am Tag gingen wir im betonierten Hof spazieren. Den Rest des Tages musste ich in der Zelle "Pensum arbeiten", ein vorgegebenes Ziel erreichen.

STANDARD: Was haben Sie da gemacht?

Jäger: Bürsten. Und Fäden an Karteln (Kärtchen, Anm.) gebunden. 4500 bis 6000 Stück am Tag, von fünf oder sechs in der Früh bis 21 Uhr. Nach einer Woche haben sie mir was zu lesen gegeben. Die Bibel. Ich bin dreimal davongelaufen. Nach vier Monaten und 30 Tagen kam man wieder nach Kaiserebersdorf, wo die sogenannten Schwererziehbaren waren. Dort blieb man automatisch zwölf Monate und kam dann heim. Ich war 25 Monate dort.

STANDARD: Mit 19 kamen Sie dann raus?

Jäger: Ja. Zum Schluss wurde ich als "unerziehbar" entlassen.

(INTERVIEW: Renate Graber, 29.7.2017)

Wilhelm Jäger (69) wuchs in Nickelsdorf auf. Als er zwölf war, übersiedelte seine Familie nach Wien. Da fand er sich nicht zurecht, wie er sagt, landete in Heimen, aus denen er immer wieder flüchtete. Nach schwierigen Jahren ("Ich war nie unschuldig") fand Jäger 1976 Arbeit in einer Spedition, bei der er letztlich als Abteilungsleiter in Pension ging