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Wie man trotz Nachtblindheit wieder besser sehen kann

3. August 2017, 11:00

Wer im Dunkeln schlecht sieht, ist meist nicht wirklich "nachtblind", sondern nur kurzsichtig und braucht eine geeignete Sehhilfe

Die meisten Menschen fahren nicht gern nachts mit dem Auto. Manche leiden regelrecht darunter, denn sie fahren sehr unsicher: Entgegenkommende Autos und Laternen am Straßenrand blenden sie, sodass sie gar nichts mehr erkennen, Konturen und Schatten verschwinden, die Orientierung geht verloren. Nicht selten retten sich Betroffene dann an den Fahrbahnrand und warten, bis sie wieder allein auf der Straße sind, um dann langsam weiterzufahren.

Schnell stellt man dann für sich selbst die Diagnose: Nachtblindheit. Tatsächlich leiden aber die allermeisten nur unter einer Nachtkurzsichtigkeit. Eine richtig angepasste Sehhilfe reicht meist aus, um auch nachts wieder sicherer Auto fahren zu können.

Das Phänomen der Nachtkurzsichtigkeit ist schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Der englische Astronom Nevil Maskelyne berichtete über seine Entdeckung, dass er beim nächtlichen Betrachten der Sterne kurzsichtig wird, was er mit entsprechenden Linsen korrigierte. "Tatsächlich liegt die Häufigkeit starker und damit korrekturbedürftiger Nachtkurzsichtigkeiten unter fünf Prozent in der Bevölkerung", sagt Markus Ritter von der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie an der Medizinischen Universität Wien. Und Studien zeigen, dass die Nachtkurzsichtigkeit bei den Betroffenen sogar zu häufigeren Unfällen bei Nacht beiträgt.

Sehfähigkeit prüfen lassen

Das menschliche Auge scheint beim Sehen im Dunklen generell zur Kurzsichtigkeit zu tendieren, stellt also nahe Dinge scharf und Entferntes unscharf dar. Dieser Unterschied zum Sehen am Tag kann mehrere Dioptrien betragen. Der genaue Grund für dieses Phänomen ist jedoch noch unklar. Vermutlich kann das Auge nicht genau fokussieren, da sich nachts die Pupille weiter öffnet als tagsüber, um noch möglichst viel Helligkeit auf die lichtempfindlichen Stäbchen im Auge fallen zu lassen, die für das Sehen im Dunkeln zuständig sind.

"Nachtkurzsichtigkeit kann unabhängig davon auftreten, ob Personen bereits tagsüber eine Brille brauchen oder nicht", sagt Markus Ritter. Unter den erschwerten Sehbedingungen beim nächtlichen Autofahren wird dadurch auch eine nur kleine Kurzsichtigkeit verstärkt und macht sich negativ bemerkbar. Wer noch nie eine Brille hatte, aber auch Personen, die bereits Brillenträger sind, bekommen dadurch einen deutlichen Hinweis, dass sie ihre Sehfähigkeiten prüfen lassen sollten.

"Wer sich durch seine Nachtkurzsichtigkeit beim Autofahren eingeschränkt fühlt, kann sich eine spezielle Brille nur für das Sehen bei Nacht anpassen lassen", sagt Ritter. Dabei muss der Patient aber unbedingt darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Brille für das normale Sehen bei Tag nicht geeignet ist. Wer bereits wegen bestehender Kurzsichtigkeit auch tagsüber eine Brille trägt, bekommt dann für nächtliche Autofahrten eine etwas stärkere Brille. Personen, bei denen tagsüber die Kurzsichtigkeit keine Probleme macht und die daher keine Brille tragen, profitieren bei Fahrten im Dunklen von einer Brille mit einer leichten Stärke. Eine hochwertige Entspiegelung ist dabei zusätzlich von Vorteil.

Korrektur ist problematisch

Die Stärkenmessung beim Augenarzt oder Optiker muss dabei sehr genau erfolgen, da man mit der Korrektur nicht stärker in Minusrichtung gehen sollte als unbedingt notwendig. "Die Nachtkurzsichtigkeit zu korrigieren ist immer problematisch, weil man die Betroffenen damit weitsichtig macht, sobald sich die Sicht durch mehr Helligkeit wieder verbessert", sagt Ritter.

Seltener als die Nachtkurzsichtigkeit kann auch beginnender grauer Star dazu führen, dass Betroffene sich nachts schnell geblendet vorkommen und nichts mehr sehen, weil sich das Licht wie ein Nebelschleier vor das Auge legt. Hier hilft eine Routine-OP, bei der die defekte Linse durch eine künstliche ersetzt wird. Auch die Einnahme mancher Medikamente kann sich negativ auf das Nachtsehen auswirken.

Die echte Nachtblindheit ist hingegen selten und meist durch eine vererbte Netzhauterkrankung verursacht. Sie sorgt dafür, dass die Stäbchen gar nicht oder fortschreitend immer weniger auf Licht reagieren, was am Ende der Erkrankung zu Gesichtsfeldeinschränkungen, Tunnelblick bis hin zur Erblindung führt. In Österreich sind es etwa 3.000 bis 4.000 Personen, die unter solchen, meist vererbten Netzhauterkrankungen leiden. Nachtblindheit aufgrund eines Vitamin-A-Mangels ist in Österreich noch seltener und tritt dann meist durch Stoffwechselerkrankungen auf. Durch Supplementierung von Vitamin A ist diese Form der Nachtblindheit jedoch reversibel. (Andreas Grote, 3.8.2017)