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Literarische Utopien: Sind wir reif für die Insel?

Essay |
5. August 2017, 17:00

Am 4. August vor 40 Jahren starb Ernst Bloch (1885-1977), der deutsche "Philosoph der Utopie": Anlass für Gedanken über vergangene Utopien – und wie wir das Raumschiff Erde in eine lebenswerte Zukunft steuern

"Der Wunsch baut auf und schafft Wirkliches, wir allein sind die Gärtner des geheimnisvollen Baums, der wachsen soll."
Ernst Bloch, Geist der Utopie, 1918

Spätestens nach 1989 für tot erklärt, meldet sich das Utopische zurück: als Gefahr, vor der es einmal mehr zu warnen gilt – aber auch selbstbewusst als angesichts verkrusteter Verhältnisse notwendiges, radikales Gedankenexperiment.

Wie die namensgebende Erzählung des Thomas Morus von 1516 kritisieren Utopien die Wirklichkeit durch ein rein vernunftbasiertes Gegenmodell. Sie verweisen die traditionelle Religion aus der Position der Herrschaft, erzwingen solidarische Gemeinschaften, betreiben die systematische Erforschung und Nutzung der Natur und sogar die Manipulation des Menschen. Sie bewältigen – in zwei bis auf den heutigen Tag gültigen Familienähnlichkeiten – das Problem knapper Ressourcen. Und sie überschreiten bei all diesen Vorschlägen leichtfüßig die Grenze zur Dystopie, zum negativen, bedrohlichen, menschenverachtenden Gesellschaftsmodell.

Viele Elemente von Utopien sind inzwischen verwirklicht worden. Utopie, oft als Synonym für "geht nicht" verwendet, bedeutet daher auch: "würde prinzipiell funktionieren" bzw. "funktioniert schon".

Ressourcenknappheit

Das erste Problem, gegen das Thomas Morus 1516 antritt, ist der Mangel an Ressourcen. Er löst es radikal durch allen Bewohnern der Insel Utopia auferlegte Gleichheit. Damit steht das existenziell Lebensnotwendige – aber nicht mehr! – jederzeit kostenfrei zur Verfügung.

Privateigentum und Luxus sind verboten, und die Gesetze gebieten unmissverständlich Halt, sobald sämtliche Bewohner versorgt sind: idente Kleidung für alle, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Für diese Grundversorgung genügen sechs Stunden Arbeit pro Tag, etwa halb so viel, wie Morus´ Zeitgenossen in Europa schufteten – das aber für alle, auch für diejenigen, die bei anderen Völkern, so Morus deutlich, nur faul herumsitzen, wie der Adel und der Klerus. Die dadurch für alle gewonnene freie Zeit gehört der Muße, dem erklärten Staatsziel. Die Utopier kennen damit weder Reichtum noch Armut.

Ein Jahrhundert später, 1627, setzt Francis Bacon diesem Modell mit Neu-Atlantis ein instrumentelles Natur- und Technikverständnis entgegen, das nutzbare Ressourcen quasi im Überfluss verspricht. Auf seiner Insel wird mit moderner Technik auf naturwissenschaftlicher Basis so viel produziert, dass sich der Streit um die Früchte der Produktion erübrigt.

Sehr klein, sehr heiß, sehr nah: der Exoplanet UCF-1.01. Wohin aber bewegt sich unser Planet, Mutter Erde?
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Bacons Versprechen des materiellen Überflusses begeistert und blendet zugleich. Beides zeigt sich kaum irgendwo eindrucksvoller als angesichts der Verheißungen der zivilen Nutzung der Atomenergie in den 50er und 60er Jahren. Diese versprach eine nahe Zukunft des Überflusses, in der nicht die Produktion, sondern der Verbrauch von Energie der limitierende Faktor sein würde. Auch Ernst Bloch sah in seinem Prinzip Hoffnung die Atomenergie aus Wüste Fruchtland schaffen, aus Eis Frühling. Einige hundert Pfund Uran und Thorium würden nicht nur ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, sondern auch Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.

Damit trifft sein Siegesruf für die Kernenergie ziemlich genau die Katastrophenszenarien der Klimaforscher. Auch wenn sich diese Utopie heute teilweise skurril anhört und sich der Blick darauf relativiert hat, wirkte sie in der Nachkriegszeit über Jahrzehnte politikgestaltend. Ressourcenknappheiten aber zeigen sich heute in neuem Gesicht: wir dürfen bestimmte Rohstoffe nicht mehr bis zur Neige nutzen, wenn wir die Erde als lebenswerten Planeten erhalten wollen. Die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre und des Ozeans für das Endprodukt der Verbrennung fossiler Energieträger, das Kohlendioxid, ist als weltweit dramatisch knappe Ressource erkannt.

Wir müssen deshalb Reserven an Kohle, Öl und Erdgas, von denen wir wissen, wo sie sind und wie wir sie gewinnen können, für ökonomisch quasi wertlos erklären, weil wir sie nicht mehr verbrennen dürfen. Das ist eine Knappheit neuer Art, die uns als ein ethisches Gebot zu Handlungen zwingt, die die Ökonomie von selbst nicht anreizt: zu einer Form von erzwungener Maßhaltung im Geiste von Thomas Morus.

Entmachtete Religion

Um das utopische Experiment auf die Vernunft gründen zu können, muss die institutionalisierte Religion aus der Herrschaftsposition geworfen und der Staatsverfassung untergeordnet werden.

Bereits die erste abendländische Utopie, Platons Politeia (Der Staat, ca. 370 v. Chr.), schlägt vor, einfach selbst eine Religion zu entwerfen, die den Staat stützt und stabilisiert. Obgleich Platon damit die Religion mit einem konstruktiven Akt auf eine gewollte Lüge gründet, nimmt er an, diese werde in wenigen Generationen von allen – auch von seinen Philosophenherrschern – geglaubt werden. Religion wird zu einem auf gesellschaftliche Ziele verpflichteten pragmatischen Instrument ohne tieferen Wahrheitsanspruch. Das ist eine keineswegs selbstverständliche zivilisatorische – utopische – Leistung! Dabei entstehen Religionen, denen es gelingt, den säkularen Staat zu unterstützen, also Religionen des Friedens.

Die meisten utopischen Erzählungen spielen auf Inseln, die von Reisenden besucht werden, oder, wie Ernest Callenbachs Ökotopia (1975), in einem von Mauern und Zäunen abgeschirmten Land. Benötigt das utopische Experiment gesicherte Außengrenzen?

Die Auflösung der utopischen Insel, die Anpassung der Lebensmöglichkeiten aller Menschen an das dort Erreichte, lässt sich leicht fordern. Doch liegt diesem Anspruch heute ein erheblicher materieller Umsatz zugrunde, der die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit des Planeten wohl endgültig sprengen würde.

Eine Insel, auf der das Lebensnotwendige allen Bewohnern ständig kostenlos zur Verfügung steht: Holzschnitt mit der Insel Utopia von Thomas Morus.
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Viele unserer soziotechnischen Systeme bedürfen einer "Gleichzeitigkeit" genannten Eigenschaft: die Elektrizitätsversorgung oder Banken funktionieren, solange Leistungen, die allen vertraglich zugesichert werden, nur von einem kleinen Teil der Berechtigten gleichzeitig in Anspruch genommen werden. Würden etwa alle elektrischen Verbraucher eines Landes zugleich betrieben, bräche die Elektrizitätsversorgung ebenso zusammen wie das Banksystem, wenn alle Bürger ihre Einlagen zugleich abheben wollten. Obwohl natürlich jeder einzelne das Recht hat, seine Waschmaschine einzuschalten und sein Sparbuch aufzulösen.

Diese Eigenschaft substanzieller tragender Systeme unserer Gesellschaft stellt uns vor ein moralisches Dilemma: Einerseits wollen wir eine Reihe von materiellen Rechten allen Menschen zugestehen, die Menschenwürde als universalgültig anerkennen. Die radikale Umsetzung dieser Maxime würde realpolitisch aber gerade diejenigen Systeme gefährden, mit denen wir unsere europäischen Gesellschaften lebenswert gemacht haben. Verantwortungsethisch reklamieren wir also eine Grenze und beharren auf unserer Insel, die wir gesinnungsethisch ablehnen. Die Insel, auf der wir privilegierten Bewohner der industrialisierten Staaten heute leben, ist eine des nicht globalisierbaren Ressourcenverbrauches, des Anspruches auf Flächen und auf erzwungene Bescheidenheit jener, die außerhalb leben.

Unser Begehren, uns vermittels des Einsatzes fossiler Energie grenzenlos bewegen zu dürfen und in entlegene Gegenden geflogen zu werden, ist zugleich ein Übergriff auf die Lebensmöglichkeiten derer nach uns. Wie so vieles, das ganz nahe ist, nehmen wir glücklichen Bewohner Utopias die eigentlichen Grundlagen unseres Insellebens nicht mehr wahr und zugleich selbstverständlich in Anspruch.

Gelingendes Leben

Die Wirkung der Utopie entsteht aus der Form, in der sie seit Thomas Morus den Menschen nähergebracht wird: der Erzählung vom gelingenden Leben. Der Bericht vom Leben in Wohlstand ohne Unterdrückung ist ein weltgestaltendes Versprechen. Die Fiktion und die ästhetische Erfahrung wecken die Empathie der Lesergemeinde und erweisen sich als wirkmächtiger als etwa der Entwurf einer Verfassung.

Zu Morus´ Zeiten beschleunigte der Buchdruck mit beweglichen Lettern die Verbreitung von Ideen. Und sie beschleunigt sich ein weiteres Mal fulminant durch die elektronischen Medien. Einer der Ursprünge des Migrationsphänomens ab dem Spätsommer 2015, das eine europäische Krise ausgelöst hat, ist die über die neuen Medien verbreitete Erzählung von der Ortsutopie Europa, die allen offenstehe.

Der Wunsch vieler Menschen des Südens, am Wohlstandsleben im Norden teilzunehmen, ist eine Utopie des Ortes. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erzählten Utopien ausschließlich vom Leben an anderen Orten, wohin man im Prinzip auswandern konnte. Es war offenbar leichter, den Ort zu wechseln, als vor Ort selbst kreativ Hand anzulegen an den Thron des Tyrannen oder die überkommene Struktur der Gesellschaft. Erst am Vorabend der Amerikanischen und der Französischen Revolution erschien erstmals eine Utopie, die das ideale ges ellschaftliche Leben in der Zukunft beschrieb, nämlich Das Jahr 2440 von Louis Sebastien Mercier (1771).

Die faszinierenden Bilder, die heute in Echtzeit im hintersten afrikanischen Dorf ankommen, erzählen dort von den Möglichkeiten des Lebens in anderen Ländern. Die Empfänger der Bilder und Erzählungen setzen ihre persönliche Situation ins Verhältnis zum Möglichen und schaffen sich so ihre eigene Utopie. Ohne die Verheißung eines besseren Lebens und das Versprechen, den Ort dafür zu kennen, wandert niemand aus. Der Realitätsgehalt der Hoffnung gebenden Bilder wird sich erst viel später überprüfen lassen, wenn der Neubeginn längst riskiert, die alte Welt zurückgelassen sein wird. "Mir wurde erzählt," klagt der in Wien als Drogenhändler gestrandete 23jährige nigerianische Immigrant Michael, "dass einem hier geholfen wird, sich eine eigene Zukunft aufzubauen, und jetzt bin ich hier und kein Mensch hilft mir" (www.vice.com/de_at/article/drogendealer-thaliastrasse-nigeria-832 (Mai 2017)

Das vereinte Europa war vor 90 Jahren eine wenig realistische Utopie. Heute verbreitet sich die Erzählung über das gelingende Leben dort mit uns schon unheimlicher Anziehungskraft. Zu den begabtesten Erzählern dieser Utopie gehören wohl auch die "Schlepper" genannten Organisatoren, Vermittler und Profiteure der gefährlichen Reisen dorthin.

Bürger von Utopia

Lebten 1900 noch 85 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, sind es 2015 weniger als 10 Prozent. Die Armut verschwindet mit großer Geschwindigkeit, die ärmsten Länder wachsen am schnellsten; die Lebenserwartung steigt weltweit, allein in Afrika hat sie sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts auf über 60 Jahre verdoppelt. Starb um 1800 noch die Hälfte der Kinder vor dem fünften Lebensjahr, sind es heute weniger als 4%. Und damit nimmt die Wachstumsrate der Menschheit dramatisch ab: von 2,1% pro Jahr Mitte der 60er Jahre auf heute etwa die Hälfte dessen.

Warum sehen wir das nicht? Warum lassen sich diese Geschichten nicht erzählen? Wir haben in Europa vieles aus den kühnsten Erzählungen der Utopien verwirklicht. Der Rest der Welt holt jetzt aber deutlich auf, die vormals Unterprivilegierten steigen in unseren vormaligen Adelsstand auf – und damit werden wir alle allmählich zu wohlsituierten Erden- oder Weltbürgern. Europa geht nicht unter, sondern, wenn man so will: es triumphiert durch die Früchte seiner globalisierten Aufklärung weltweit. Prinzipien und Methoden der Rationalität und die wesentlich auf deren Basis entwickelten Technologien setzen sich durch – im Widerstand gegen die eingesessenen Macht-, Clan-, und Stammeskulturen und die etablierten machtbewussten Religionen.

Die gemeinsame Erdenbürgerschaft aber beunruhigt uns Europäer. Weil die Welt sich so schnell und – aus Sicht ihrer Bewohner – positiv entwickelt, geht unser privilegiertes utopisches Inselleben verloren. Und damit stößt die Menschheit als Ganzes schneller als befürchtet an ein paar absolute ökologische Grenzen, die uns als Weltbürger jetzt eben auch gemeinsam betreffen: Emissionen von klimarelevanten Gasen, Verlust der Biodiversität usw.

Diese Krise, das "Anthropozän", verlangt die Wahrnehmung des gemeinsam bewohnten Planeten als lebens- und erhaltenswerter utopischer Insel. Und sie drängt uns neue Fragen auf:

  • Wie finden die Menschen in den Herkunftsländern der Migration zu einer glaubwürdigen Zeitutopie und vermeiden die Ortsutopie Europa, für die sie sich in Lebensgefahr bringen müssten?
  • Wie erzählen wir alle unsere Zukunft als positive, anziehende, rational mögliche Geschichte, die wir auch verwirklichen wollen?
  • Wie steuern wir das Schiff unseres Planeten im Lichte neuer und drängender Ressourcenknappheiten zwischen den Vorschlägen von Morus und Bacon in eine lebenswerte Zukunft?

Das sind nur einige der Fragen an den utopischen Diskurs im Jahre 501 seines neuzeitlichen Beginns, im Jahr 40 nach Ernst Bloch. Die Utopie ist nicht tot. Sie steht vor einigen leider sehr interessanten Aufgaben. (Johannes Schmidl, 5.8.2017)

Dieser Text basiert auf zwei Essays des Autors: "Energie und Utopie. Die Rettung der Welt ist auch keine Lösung", 2014, sowie "Bauplan für eine Insel. 500 Jahre Utopia", 2016. Beide Bücher erschienen bei Sonderzahl. Eine etwas ausführliche Version einiger der hier vorgestellten Gedanken ist erschienen in: "Literatur und Kritik", 515/516; Juli 2017

Johannes Schmidl, Jg. 1963, studierte Technische Physik und Umweltschutz und befasst sich seit 25 Jahren mit dem Thema Energie.