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"Ain't No Cinderella": Frauen in Indien protestieren gegen Victim Blaming

10. August 2017, 12:53

Nach misogynen Aussagen eines Politikers setzen sich indische Frauen auf Social Media zur Wehr

Chandigarh – In Indien sorgt der Hashtag "Ain't No Cinderella" auf den sozialen Netzwerken Twitter und Instagram gerade für Aufsehen. Verwendet wird er von jungen Frauen, die sich nach Mitternacht noch auf der Straße, in Lokalen oder auf Partys befinden. Die Frauen reagieren damit auf das "victim blaming" eines konservativen indischen Politikers.

"Froh, nicht tot in einem Straßengraben zu liegen"

Varnika Kundu, eine junge Frau aus der Stadt Chandigarh, fuhr letzte Woche kurz nach Mitternacht allein in ihrem Auto von einem Shoppingcenter nach Hause. Relativ schnell bemerkte sie, dass ihr ein Auto folgte. Es handelte sich um einen weißen SUV, darin saßen zwei junge Männer. Nach Kundus Angaben in einem Facebook-Posting merkte sie, dass es den beiden sichtlich gefiel, ihr Angst zu machen. Immer wieder versuchten sie Kundu von der Straße abzudrängen, an einem Punkt versperrten sie ihr sogar den Weg, einer der beiden Männer stieg aus und versuchte in Kundus Auto zu gelangen. An diesem Punkt rief die junge Frau die Polizei, die wenig später eintraf und die Männer festnahm.

Kundu schaffte es an diesem Abend unversehrt nach Hause, der Vorfall hat sie aber geschockt zurückgelassen, und sie schätze sich glücklich, "nicht tot und vergewaltigt in einem Straßengraben zu liegen". In ihrem Facebook-Posting merkt die junge Frau außerdem an, dass ihre Verfolger "natürlich aus einflussreichen Familien mit politischen Verbindungen" kommen. Die Tatsache, dass sie überhaupt festgenommen wurden, liegt laut Kundu vermutlich nur daran, dass sie selbst Tochter eines wichtigen Bürokraten ist, und sie fragt, was sie als Tochter eines einfachen Mannes gegen "solche VIPs" hätte tun können.

Die beiden Männer wurden wenige Stunden nach ihrer Festnahme bereits wieder freigelassen. Mehreren indischen Medien zufolge handle es sich bei einem der beiden Verdächtigen um den Sohn des regionalen Präsidenten der BJP, einer konservativen politischen Partei in Indien.

Victim Blaming aus der Politik

Aus den Reihen dieser Partei kam auch das Statement, das nun den Social-Media-Trend auslöste. Der Vizepräsident der BJP, Ramveer Bhatti, äußerte sich nämlich zu dem Vorfall. In einem Interview mit dem Nachrichtensender Times Now meinte der Politiker, dass die junge Frau so spät nicht mehr unterwegs hätte sein sollen und es keinen Grund gebe für Mädchen, nach Mitternacht noch draußen zu sein. Der misogynen Täter-Opfer-Umkehr zum Trotz posten seitdem viele junge Frauen ihre Selfies vom Ausgehen nach Mitternacht.

Zu finden sind sie unter dem Hashtag "Ain't no Cinderella", denn anders als in dem klassischen Märchen und von dem Politiker verordnet, genießen die Frauen auch nach Mitternacht noch ihr Leben. Gleichzeitig fordern dabei viele, dass ihre Rechte immer respektiert werden sollen, nicht nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit. (jvs, 10.8.2017)