, Gianluca Wallisch

Yamaha XSR 700: Wider die mathematische Lehrmeinung

Mit der XSR 700 ist Yamaha ein großer Wurf gelungen. Die Linie erinnert entfernt an die Klassiker der 60er- und 70er-Jahre, doch technisch ist alles auf aktuellstem Stand

Wien/Steiermark – Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten die Gerade sei. Das mag vielleicht in der Schule gelten, ist aber für das echte Leben eine unhaltbare Behauptung. Denn wie hätte es sonst sein können, dass die Überstellung der Yamaha XSR 700 von Biedermannsdorf im Süden Wiens in die Redaktionsgarage in der City nicht 20 Kilometer über die Laxenburger Straße führte, sondern mehr als 300 Kilometer durch das Höllental, das Tiefental (Schotterstraße!), über den Ochsattel, den Lahnsattel und das Preiner Gscheid? Die lagen alle direkt am Weg, ich schwöre!

Dass ein Motorrad mehr ist als nur die Summe seiner Teile, beweist die Yamaha XSR 700. Sie hat das Zeug, schon in jungen Jahren – sie ist erst seit rund zwei Jahren am Markt – zum Klassiker zu werden.
foto: yamaha

Vielleicht erklärt es sich damit, dass Kurven der XSR 700 viel lieber als Geraden sind. Gas, Bremse, umlegen links. Gas, Bremse, umlegen rechts. Und noch einmal. Macht süchtig. Und führt zur raschen Erkenntnis, dass Yamaha mit der XSR 700 etwas Großartiges gelungen ist.

Mutwillig Hüsteln

Bedeutenden Anteil daran hat der wunderbare Zweizylinder-Motor mit knapp 700 Kubikzentimeter Hubraum, 75 PS, 68 Newtonmeter und 270 Grad Hubzapfenversatz. Man müsste schon mutwillig im vierten Gang mit ganz wenig Gas losfahren, um dieses Triebwerk zum Hüsteln zu bringen. Es fühlt sich fast wie ein Elektromotor an: Überall und ansatzlos ist genug Drehmoment vorhanden, und ab 5000 Touren geht die Post erst so richtig ab. Mehr Leistung braucht man im legalen Fahrbetrieb nicht und jenseits davon kaum. Und wen der Verbrauch interessieren sollte: Die im Prospekt angegebenen 4,3 Liter auf 100 Kilometer sind bei halbwegs gesitteter Fahrweise absolut realistisch.

Auspuff von Akrapovic
foto: gianluca wallisch

Auch das Fahrwerk dieser mit vollgetankten 186 Kilogramm ziemlich leichten "Sport Heritage" (Yamaha-Marketingsprech) macht gute Figur. Die direkt am Motorblock gefederte Schwinge arbeitet präzise, weder zu hart noch zu schwammig. Da verwindet sich nichts, der Pirelli Phantom in 180er-Dimension zieht unbeirrbar seine Spur. Allein die Gabel verrät, dass man es mit einem vergleichsweise günstigen Motorrad (Listenpreis: 7990 Euro) zu tun hat. Da wäre eine Upside-down-Gabel die zeitgemäßere, aber auch kostspieligere Ausstattung. So aber ist es eine "normale" Teleskopgabel, die zwar tadellos arbeitet, aber leider nicht einstellbar ist und sich vor allem beim Anbremsen etwas weich anfühlt. Das lässt sich aber sehr leicht mit dem optional verfügbaren Öhlins-Federsatz korrigieren. Auch für hinten bieten die schwedischen Fahrwerksspezialisten ein passendes Federbein an. Kostet zwar, ist aber summa summarum immer noch ein Schnäppchen. Nur das Ergebnis zählt.

Fußrasten von Gilles Tooling
foto: gianluca wallisch

Lizenz zum Umbau

Und wenn wir schon beim Tuning sind: Die XSR 700 – übrigens eine enge Verwandte der MT-07, der Tracer 700 und des heiß ersehnten Ténéré-660-Nachfolgers T7 – ist genau dafür gemacht. Eine vergleichsweise günstige Basis, dazu ein Design, das nicht – wie die heute modischen Kampfhornissen – individuelle Änderungen unmöglich macht, sondern sogar dazu ermuntert. So ist etwa der Heckrahmen bloß geschraubt und nicht geschweißt. Das erleichtert das nondestruktive Umbauen enorm. Ob in Eigenregie oder durch eine Custom-Schmiede: Ein Blick ins Internet beweist, dass dieses Motorrad sich wie wenige andere für Umbauten eignet. Bei einigen erkennt man erst auf den dritten Blick, dass es sich noch immer um die XSR 700 handelt.

Ein fesches Tanktascherl gibt es auch, im reihchaltigen zubehörangebot von Yamaha.
foto: gianluca wallisch

Zu den feinen Tuningteilen, die direkt von Yamaha angeboten werden (und die zurzeit zum Aktionspreis erhältlich sind), zählten auf unserem Testmotorrad eine einstellbare Fußrastenanlage, eine putzige Tasche für den Tank und vor allem eine Auspuffanlage der slowenischen Edelschmiede Akrapovic. Deren Sound ist ziemlich kernig, und es tut gut, einen MG-Schützen an Bord zu wissen, der dir im Straßenkampf den Rücken freihält. (Gianluca Wallisch, 14.8.2017)

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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