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Gunnar Prokop, die Liese, Hypo und der Großglockner

15. August 2017, 11:38

Er turnte, kletterte, war Skilehrer, trainierte seine Frau, die Olympiazweite und Ministerin wurde, und Hypos Handballerinnen. Gunnar Prokop, an dem sich oft die Geister schieden, blickt zurück und schaut nach vorne

Maria Enzersdorf – In der rechten Hand hält er einen Stock, in der linken eine Leine. Gunnar Prokop (77), der sich da auf dem großen Parkplatz vor dem Sportzentrum in der Südstadt dem Tennisstüberl nähert, stützt sich quasi doppelt. Wobei die Bordercolliedame Raya (9) am anderen Ende der Leine eher eine psychische Stütze darstellt. "Auch den Stock tät’ ich eigentlich nimmer brauchen", sagt Prokop. Dabei ist es erst ein gutes halbes Jahr her, dass ihm die Ärzte fast den rechten Unterschenkel amputierten. "Zehn Tage haben sie gekämpft, um mein Bein zu erhalten."

28. Jänner, Annaberg, Gunnar Prokops zweite oder eigentlich seine erste Heimat neben der Südstadt. Prokop kommt beim Skifahren schwer zu Sturz, zieht sich Mehrfachbrüche an beiden Beinen zu. "Zehn Jahre hab ich keinen Stern gerissen, dann war es gleich ein ordentlicher." Neun Wochen lang musste er liegen, fast fünf davon im Spital. Im frühen Sommer ist er wieder auf dem Fahrrad gesessen, und Mitte Juli hat er in der Südstadt eine erste Ausfahrt mit dem Mountainbike gewagt, die Parapluie-Runde. "Das Radeln ist meine große Leidenschaft geworden."

Gunnar Prokop ist keiner, der hadert. Bei seinem Skiunfall habe er nicht Pech, sondern Glück gehabt. "Weil noch beide Haxen dran sind." Und vielleicht auch, weil er einen Helm trug. "Die Enkelkinder haben darauf bestanden." Jahre-, nein, jahrzehntelang war er meistens helmlos unterwegs gewesen, weil alter Schlag und weil alter Skilehrerschmäh. "Das weiß man ja, dass der Helm jeden Test gegen die Haube verloren hat. Wirf’ einmal einen Helm und eine Haube von der Kirchturmspitze runter. Dann wirst du schon sehen, was zerbricht und was ganz bleibt."

Die nachgeholte Matura

Sieben Kinder sind sie gewesen im Hause Prokop in St. Pölten, der Vater war Zahnarzt, die Mutter war Hausfrau. Gunnar war der jüngste der fünf Buben, von den beiden Schwestern war eine jünger als er. Der Erstgeborene, Ludwig, war zwanzig Jahre älter als Gunnar, er machte sich als Universitätsprofessor und Sportmediziner einen Namen. Gunnar war der einzige der Prokop-Buben, der nicht Medizin studierte. Die Matura holte er "beim Roland" nach, zuvor war ihm in der regulären siebenten Klasse das Klettern wichtiger gewesen als der Nachzipf in Altgriechisch.

Als Bub hatte Gunnar geturnt, er zählte in Niederösterreich zu den Besseren, bis er als 16-Jähriger bei einem Salto ausrutschte und sich einen Halswirbel brach. Sechs Monate lang steckten Kopf, Hals und Rumpf in einem Gips. "Natürlich bin ich mit diesem Gips den ganzen Winter Ski gefahren." Doch mit dem Turnen war es vorbei, und mit dem Klettern ging es los. Mit seinem Seilpartner Kurt Ring, dem Vater des Snowboardpioniers Gerry Ring, schaffte Prokop 1959 die siebente Begehung der Großen Zinne in den Dolomiten, sie waren die ersten, die nur einmal biwakierten. Ring kam 1969 am 7661 Meter hohen Dhaulagiri IV ums Leben, Prokop ("ich war nie im Himalaya") war erschüttert.

Das Nonplusultra

Während seiner Ausbildung zum Sportlehrer ist dem Gunnar 1959 in der Sensengasse in Wien-Alsergrund ein Mädchen aufgefallen, das barfuß richtig hoch springen konnte. "Ich hab’ ihr gesagt, sie soll zu unserem Verein kommen, sonst lässt sie mein Bruder, der Ludwig, in Anatomie durchfallen." Und schon hatte die Biologiestudentin – "Das war die Liese" – bei Union St. Pölten eingecheckt. Dort befand sich die Leichtathletik erst im Aufbau, Gunnar wurde Sektionsleiter. "Ich habe dann bei Schulbewerben Ausschau gehalten", da stach ihm eine Zwölfjährige ins Auge, die den Schlagball enorm weit werfen konnte. "Das war die Eva." Bald war Union St. Pölten in der Frauen-Leichtathletik das Nonplusultra – dank Liese Sykora, die später Prokop, und Eva Egger, die später Janko heißen sollte.

Gunnar Prokop hat nicht fertig studiert, aber in St. Christoph "beim Stefan Kruckenhauser" den staatlichen Skilehrer und Skiführer gemacht. 1961 kam er mit Liese zusammen und gründete die Skischule in Annaberg, die er 25 Jahre lang führen sollte. Als Liese sich anschickte, im Hochsprung das Limit für Olympia 1964 in Tokio zu schaffen, stand Gunnar vor einem Problem. "Ich hätte mir den Flug nie leisten können." Österreichs Botschafter verhalf ihm im postolympischen Winter zu einem Job als Skischulleiter in Japan. Liese, leicht verletzt, wurde 21. im Hochsprung, sie flog zurück, übernahm die Skischule in Annaberg. Gunnar blieb in Japan. "Ich bin zuerst durchs Land zigeunert, dann hab’ ich im Skiressort Yamagata einen Dolmetscher gekriegt und fünfzig Skilehrer unter mir gehabt."

Beim Abschied hatten sich Liese und Gunnar versprochen, sie würden heiraten, ein Kind kriegen und 1968 in Mexiko auf Olympiagold losgehen. Prokop: "Zu Ostern 1965 haben wir geheiratet. Auf der Hochzeitsreise haben wir ein Kind, die Karin, gebastelt. Und 1968 ist es halt Olympiasilber im Fünfkampf geworden." Gold war greifbar nahe gewesen, schließlich war die deutsche Favoritin Ingrid Becker im Kugelstoß mit ihren Schuhen außer gerutscht nur gerutscht. "Die Liese hätte sicher Gold geholt", sagt Gunnar Prokop. "Aber sie hat der Becker ihre Schuhe geborgt. Das ist halt die Liese gewesen."

Ganz unten, ganz oben

Der Handball ist eher zufällig entstanden. Die Prokops waren schon 1965 trainingsmäßig in die Südstadt übersiedelt. Zum Aufwärmen spielten die Leichtathletinnen manchmal Handball. Ein Verein war flott gegründet, es folgte ein Durchmarsch von ganz unten nach ganz oben. Im ersten Staatsligajahr kam ein zweiter Platz heraus, der die Teilnahme am neu geschaffenen Cupsiegercup ermöglichte. Prokop: "Wir sind 1975 nach Baku gefahren. Von 5000 Zusehern in der Halle haben 4999 geraucht. Man hat von einem Tor nicht zum anderen gesehen. Ich hab’ vorher mit dem anderen Trainer geredet, damit wir nicht zu hoch verlieren." Die zwei Niederlagen hielten sich also im Rahmen. "Und wir haben Lunte gerochen", sagt Prokop, "ich habe Lunte gerochen."

Der Rest ist Handballgeschichte. Hypo Südstadt bzw. Hypo Niederösterreich hat ab 1989 achtmal die Champions League gewonnen. Finalgegner waren Spartak Kiew, Krasnodar, Lützellinden, Vasas Budapest, Podravka Koprivnica (zweimal), Valencia und Skopje. Prokop gab an der Outlinie oft ein Rumpelstilzchen, legte sich mit allen an, die ihm in die Quere kamen, am liebsten mit den Referees. Einmal zahlte er drauf, als ihn nach dem letzten Champions-League-Triumph anno 2000 in Skopje ein Rowdy auf dem Spielfeld brutal niederschlug.

Prokop hat auch selbst einiges angestellt. Als seine Frau, die Liese, Innenministerin wurde, fiel er mit Aussagen wie "Frauen gehören hinter den Herd" auf. Später hat er sich eher viertel- denn halblustig korrigiert: "Hinter dem Herd ist ja die Wand – Frauen gehören vor den Herd." Prokop provozierte stets bewusst und gerne, er meinte nicht alles so, wie er es sagte, Vieles aber schon.

Das böse Foul

Das sportlich schlimmste Foul beging er am 20. Oktober 2009. In der Champions-League-Partie gegen Metz (Frankreich) stand es kurz vor Schluss remis, Metz kam in Ballbesitz, da trat Prokop aufs Feld, rempelte die serbische Metz-Spielerin Svetlana Ognjenović, unterband so einen Gegenstoß (siehe Video). Die Attacke war nicht brutal, aber außerordentlich unsportlich, Prokop wurde zunächst für drei Jahre gesperrt und mit 45.000 Euro Strafe belegt, später wurde die Sperre auf ein Jahr, die Strafe auf 10.000 Euro reduziert.

Gunnar Prokop rastet aus.
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Mag sein, das war der Anfang von Prokops Ende bei Hypo. Er selbst war "extrem motiviert". Doch Hypos Führung wollte seinen Weg nicht mehr mitgehen, hielt Prokop an, schon fixierte Verträge zu kündigen und mit jungen Österreicherinnen weiterzutun. Da trat er im Juni 2010 zurück. Seither hat er sich bei Hypo nicht mehr blicken lassen.

Natürlich hat Prokop mitbekommen, dass Hypo heuer zwar der 41. _Meistertitel in Serie gelang, der 30. Cupsieg in Serie aber verwehrt blieb, da die MGA-Fivers im Finale sensationell mit 18:17 siegreich blieben. Prokop ist "schon ein bisserl traurig darüber, was aus Hypo geworden ist – und aus dem Internat". Das Internat für junge Leistungssportlerinnen und -sportler in der Südstadt hat er aufgebaut und von 1975 bis 2010 geleitet, mittlerweile sei dem Internat der "Elitegedanke abhanden gekommen".

Viele Einbürgerungen

Prokop hat dem Erfolg stets alles untergeordnet. Im Falle von Hypo brachte das Einbürgerungen sonder Zahl mit sich. Die Hypo-Stars spielten oft auch für Österreich, da schauten weniger Erfolge heraus – wobei sich der fünfte Olympiaplatz 1992, EM-Bronze 1996 und WM-Bronze 1999 schon sehen lassen konnten.

"Ich bereue nicht eine Sekunde meines Tuns", sagt Prokop, "weder beruflich noch privat." Seine drei Kinder Karin, Gunnar und Eric und die vier Enkelkinder sieht er regelmäßig "Der Karin", sagt er, "und meiner Schwägerin Maria verdanke ich besonders viel. Die haben mich nach meinem Unfall herumgeführt, ohne die wäre ich eine arme Sau."

Er blickt "auf ein erfülltes Leben zurück", ein Leben auch mit vielen Schicksalsschägen. "Ich war auf vielen, sehr traurigen Begräbnissen." Das traurigste war jenes seiner Frau, der Liese, die am Silvestertag 2006 einem Riss der Aorta erlag. Auch von Gunnars Geschwistern ist allein die jüngere Schwester noch am Leben. "Ich schaue aber auch nach vorne", sagt Gunnar Prokop. "Ich hab’ immer nach vorne geschaut." Im September will er mit dem Fahrrad den Großglockner bezwingen. "22 Mal war ich schon oben, die Nummer 23 ist mein Ziel für heuer." Ob er sich im nächsten Winter wieder Skifahren sieht? "Aber sicher." Mit Helm, wie er es den Enkelkindern versprochen hat. Skilehrerschmäh hin, Skilehrerschmäh her. (Fritz Neumann, 14.8.2017)