Illustration: Francesco Cioccolella

Gendoping im Sport: Virus in den Körper einschleusen

10. November 2017, 09:00

Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, die Leistungsgrenzen ständig erweitern zu wollen. Oft ist das ohne Hilfe von künstlichen Wirkstoffen nicht möglich. Was Doping über unsere Gesellschaft aussagt – und welche Substanzen heute missbraucht werden

Der Kampf gegen Doping im Sport sorgt für permanente Aufregung. Wenn Superathleten wie Exradprofi Lance Armstrong oder Tennisspielerin Maria Scharapowa als Lügner entlarvt werden, ist die Öffentlichkeit empört.

Solche Negativmeldungen schaden nicht nur dem Sport, sondern haben auch einen schlechten Einfluss auf die Gesellschaft, tönt es dann von allen Seiten. Da ginge es um Werte, heißt es. Doch gleichzeitig geht es im Sport doch nur um Sieg und Rekorde. In dieser Schere müssen Sportler leben.

"Es wird immer Leute geben, die das System austricksen, in jedem Lebensbereich. Aber im Sport ist es nicht mehr so einfach wie früher", sagt David Müller, Leiter der Prävention der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada Austria) in Österreich.

Die Jagd nach Rekorden ist in vielen Sportarten ins Stocken geraten. Viele Rekorde in der Leichtathletik sind in den 1990er-Jahren am Höhepunkt des Anabolikamissbrauchs gefallen. Heute werden Rekorde seltener gebrochen, weil Anabolika leichter nachweisbar geworden sind. "Das ist ein Teilerfolg für die Anti-Doping-Politik", sagt Müller.

Dopingprobleme überall

Sport ist einer der wenigen Lebensbereiche, die bestimmte Substanzen und Methoden zur Leistungserzielung per Gesetz ausschließen. Dass Leistungsträger in Kunst und Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft daheim in den Medizinschrank greifen, ist offiziell kein Thema. Dabei gilt es überall, konkurrenzfähig zu sein, ob es nun das nächste bahnbrechende Theaterstück oder der neue Bestsellerroman sein soll.

Sich trotz Grippe vollgepumpt mit Medikamenten ins Büro zu schleppen ist im Prinzip ein Wettkampf für sich. Man signalisiert: "Ich schaffe es, trotzdem." Warum also sollten Sportler eine andere Grundeinstellung haben – das wäre unfair, sagen viele. Sogar Land- und Energiewirtschaft haben in diesem Sinne ein Dopingproblem: Wer auf umweltschonendes Bewirtschaften des Planeten setzt, läuft im globalen Wettbewerb hinterher.

Dass der Spitzensport nach den Prinzipien Darwins funktioniert, wird im Wettkampf um Bestzeiten nur augenscheinlicher. Auch mit unfairen Mitteln. Erythropoetin, besser bekannt unter EPO, ist im Ausdauersport ein Klassiker. Es regt die Produktion der roten Blutkörperchen an. Der Körper kann dadurch mehr Sauerstoff transportieren, das verbessert die Ausdauerfähigkeit. Es ist ein biologischer Effekt, wie man ihn auch auf natürliche Art im Höhentrainingslager erzielen kann. Es gibt mittlerweile mehr als 200 Derivate von EPO.

Alles im Blut

Auch Testosteron und Steroide sind im Einsatz. Die Abwandlungen sind heute aber dank des biologischen Athletenpasses leichter nachweisbar als früher. "Man kann die Substanz nicht direkt nachweisen, wenn ein paar Molekülketten geändert wurden, aber den biologischen Effekt auf den Körper schon", so Müller. Veränderte Hormon- und Blutwerte sind Hinweise, die bei Auffälligkeiten zu Sperren führen können.

Ähnlich wie EPO wirkt Blutdoping. Dabei wird dem Sportler Wochen vor dem Saisonhöhepunkt Blut abgenommen. Der Körper bildet neues Blut nach, kurz vor dem Wettkampf werden die in einer Zentrifuge gewonnenen roten Blutkörperchen dem Körper wieder zugefügt.

Neben einer ganzen Pallette von regenerationssteigernden Substanzen wird in Kraftsportarten auch mit Wachstumshormonen gedopt. Beim Hormon HGH wachsen die Muskelpartien. Nase, Kinn, Kiefer sowie Hände und Füße können übergroß werden, aber auch die inneren Organe wachsen mit.

Unkontrolliertes Muskelwachstum

Die neueste Hoffnung der Leistungssüchtigen liegt im Gendoping. Noch sind Veränderungen im Genom Zukunftsmusik, doch die Nada kennt gentechnologisch hergestellte Medikamente, die Einfluss auf den Bioorganismus nehmen wie etwa Myostatin-Blocker.

"Myostatin ist ein Protein, das Muskelwachstum hemmt. Schaltet man es aus, kommt es zu unkontrolliertem Muskelwachstum. Das kennt man von speziellen Rinderrassen mit extremen Muskelpaketen. Während es sich bei den Tieren aber um einen Gendefekt handelt, träumen Bodybuilder von einem vergleichbaren Effekt."

Beim Gen-Doping wird ein Virus in den Körper geschleust. "Das Problem dabei ist, den erhofften Effekt auch wieder ausschalten zu können." Der Wirkstoff GW1516, auch "Couchpotato-Droge" genannt, beeinflusst den Fettstoffwechsel und wandelt bildlich gesprochen Fett- in Muskelzellen um.

Neue Entwicklungen – neue Gefahren

Tests für die medizinische Anwendung von GW1516 wurden aber in der ersten klinischen Phase abgebrochen, weil bei Tierversuchen Tumore auftraten. "Der Wirkstoff ist legal nicht erhältlich, im Darknet findet man aber Anbieter, die das verkaufen. Die Chancen stehen aber gut, dass man für sein Geld dann nur Milchzucker bekommt", sagt Müller.

Neue Entwicklungen bergen neue Gefahren. Eine Substanz namens S107 dichtet etwa die Kalziumkanäle im Herz so ab, dass man keinen Kalziumverlust hat. Mit diesem Effekt, hieß es, kann sich die Ausdauer steigern lassen. Für Menschen mit einer Herzinsuffizienz ist das sehr nützlich, für einen ehrgeizigen Sportler aber potenziell lebensgefährlich.

Es sind Medikamente, die für Kranke entwickelt werden und gar nicht unter hohen Belastungen ausprobiert wurden. "Für einen Sportler ist das ein reines Experiment, ob der Körper das aushält oder nicht. Es gibt keine Erfahrungswerte", sagt Müller.

Süchtig nach Erfolg

Meist werden die möglichen Nebenwirkungen von Dopingmitteln nämlich schlicht ausgeblendet. Psychologen nennen es "ipsatives Denken", gemäß dem Motto: Es wird schon nichts passieren. "Das Hinterhältige an der Sache ist, dass jemand womöglich erst zehn Jahre nach dem Doping einen Herzinfarkt bekommt und dann kein Zusammenhang mehr hergestellt wird", sagt der Dopingexperte.

Die Tragik liegt also weniger in einer Leistungs- als vielmehr in einer Erfolgsgesellschaft. Besonders jene, die keine Erfolge haben, sind gefährdet, mit Medikamenten nachzuhelfen. Und egal ob im Job oder auf dem Sportplatz, die Medikamentenabhängigkeit ist nachweisbar ein Trend. Anstatt dem Körper Regenerationsphasen zu gönnen, greift man zu Schmerzmitteln. Zeit zum Gesundwerden ohne Chemie nehmen sich die wenigsten.

Generell stellt sich immer häufiger die Frage: Fängt Doping im Sport nicht schon beim Einsatz von Medikamenten an? Mit Ausnahmegenehmigungen können "kranke Athleten" auch mit Wirkstoffen, die eigentlich auf der Dopingliste stehen, an den Start gehen. Für Dopingexperte Müller gibt es keinen unbeeinflussten, natürlichen Körper. "Welcher Sportler war noch nicht verletzt, hat keine Operation hinter sich gebracht, sein Immunsystem nicht durch Impfungen fit gemacht?"

Schmerzmittel im Breitensport

Schmerzmittelmissbrauch ist für den Nada-Experten ein erster Schritt in die Dopingfalle, weil es die Hemmschwelle reduziert, sagt er. Derzeit stehen vorwiegend schwere Schmerzmittel wie Narkotika auf der Liste der verbotenen Substanzen. Im Wettkampf ist – abhängig von der Art der Anwendung – aber auch Kortison verboten.

Schmerzmittel sind zunehmend auch im Breitensport ein Thema, "weil oft präventiv geschluckt wird, um das körpereigene Warnsystem auszuschalten und den Wettkampf oder auch nur das Trainingspensum erfüllen zu können."

Jeder Einzelne muss sich also die ethische Frage stellen: Erfolg um jeden Preis? Ist eine biochemische und im nächsten Schritt eine genetische Manipulation vereinbar mit einer humanen Vorstellung von Würde? Die Auseinandersetzung mit Doping geht jedenfalls weit über den Sport hinaus. (Florian Vetter, CURE, 10.11.2017)