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Besser als ein Horoskop: Umfragen stimmen meistens (so einigermaßen)

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17. August 2017, 10:52

Seit 1999 weichen im Wahlkampf veröffentlichte Umfragen im Schnitt nur eineinhalb Prozentpunkte vom Ergebnis ab

Bundeskanzler Kern hält es mit Umfragen wie mit dem Horoskop – an beide glaube er nicht. Die Auftragsbücher diverser Meinungsforschungsinstitute sprechen allerdings eine andere Sprache. Wie andere Parteien auch, lässt die SPÖ regelmäßig Umfragen erstellen – und das vorwiegend zum internen Gebrauch (ohne Anreiz also, die Zahlen in die eine oder andere Richtung zu verzerren).

Nun kann man sehr wohl berechtigte Kritik an Umfragen und auch an ihrer medialen Verwertung üben. Immer wieder kommt es zu Fehleinschätzungen wie etwa bei den britischen Unterhauswahlen 2015 oder beim ersten Wahlgang der österreichischen Bundespräsidentschaftswahlen 2016.

Gutes Prognoseinstrument

Der Einwand, dass Umfragen keine Prognosen, sondern Momentaufnahmen sind, ist prinzipiell richtig, zeigt in der Praxis aber ähnlich viel Wirkung wie der Warnhinweis, dass Wattestäbchen nicht in den Gehörgang einzuführen sind. Natürlich sind Umfragen, die im Wahlkampf veröffentlicht werden, immer implizite Prognosen – auch wenn man bei der Interpretation berücksichtigen muss, dass die Unsicherheit der Resultate mit der Entfernung vom Wahltag zunimmt.

Vergleicht man die in Österreich veröffentlichten Umfrageergebnisse seit 1999 in den vier Wochen vor der Wahl mit dem tatsächlichen Wahlergebnis (siehe Grafik unten), dann zeigt sich, dass Umfragen ein ziemlich gutes Prognoseinstrument sind.

Der simple Mittelwert aller Umfragen ist für gewöhnlich eine ziemlich gute Schätzung für den tatsächlichen Wahlausgang. Im Schnitt liegen die Ergebnisse für die 25 dargestellten Datenpunkte nur rund 1,4 Prozentpunkte daneben. In nur drei Fällen (ÖVP 2002 und 2006 sowie BZÖ 2008) liegt die Abweichung über drei Prozentpunkten. Die dargestellte Regressionsgerade (eine statistische Zusammenfassung des Zusammenhangs zweier Größen) verläuft fast perfekt im 45-Grad-Winkel.

Dabei muss man natürlich berücksichtigen, dass in den vier Wochen vor einer Wahl einiges passieren kann. Beim BZÖ 2008 und beim Team Stronach 2013 gab es etwa Trends in der Endphase des Wahlkampfes, die das Endergebnis vom Vier-Wochen-Mittelwert wegbewegten. Selbst die Abweichungen für die Volkspartei 2002 und 2006 liegen im Rahmen dessen, was man für eine große Partei bei relativ kleinen Stichproben als Fehler erwarten kann.

Keine Garantie

Umfragen für österreichische Nationalratswahlen bieten demnach also relativ gute Prognosen für den Wahltag. Das ist natürlich beileibe keine Garantie für alle Zukunft – oder auch für andere Wahlen. Für Bundespräsidentschaftswahlen und Landtagswahlen haben die Umfrage-Institute weniger Erfahrungswerte, daher ist hier mehr Vorsicht geboten.

Für die Nationalratswahl 2017 sollten wir den Meinungsforschern aber einen kleinen Vertrauensvorschuss geben, besonders wenn wir Mittelwerte über viele Umfragen hinweg heranziehen. Jede einzelne Umfrage kann fehlerhaft sein, aber im Aggregat kann man damit Wahlausgänge deutlich besser prognostizieren als jedes Horoskop. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 17.8.2017)