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"Das Gesetz der Familie": Gegen den Willen des Alten

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17. August 2017, 07:12

Michael Fassbender und Brendan Gleeson in einem Vater-Sohn-Drama

Wien – Das Leben im Trailerpark folgt eigenen Gesetzen, und aufgestellt hat sie ein Einziger: Colby (Brendan Gleeson) ist das Oberhaupt der Cutlers, einer Familie, die seit Generationen in ihren Wohnwagen zusammen mit einer Handvoll Außenseiter durch die Hügellandschaft von Gloucestershire zieht. Colby ist ein stämmiger Mann, seine Autorität verdankt sich seiner Erscheinung und seinen Entscheidungen. Ein Patriarch, der keine Gewalt bei der Umsetzung seiner Pläne anzuwenden braucht. Diese bestehen nämlich darin, sich die Raubüberfälle und Einbrüche nur auszudenken, das Beutegut nachhause bringen muss sein Sohn Chad (Michael Fassbender).

Aufbegehren gegen den Vater: Michael Fassbender (li.) und Brendan Gleeson in "Das Gesetz der Familie".
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Das Gesetz der Familie (Trespasss Against Us) erzählt davon, wie sich die familiären Machtverhältnisse im permanenten Ausnahmezustand zu verschieben beginnen. Chad sieht seine Zukunft in einer von Colby verachteten bürgerlichen Existenz: Heimlich sucht er nach einem festen Dach über dem Kopf, bringt seine beiden Kinder gegen den Willen des Großvaters jeden Tag in die örtliche Schule, zeigt sich als zwar ruppiger, aber im Grunde liebevoller Vater und unterstützt seine Frau Kelly (Lyndsey Marshal), die in der männerdominierten Wagenburg Colby Paroli bietet.

Der Brite Adam Smith lässt in seinem Spielfilmdebüt den sich anbahnenden Vater-Sohn-Konflikt immer wieder nur aufflackern, gerade so als ob ein paar Tropfen Öl ins Feuer gegossen werden würden. Damit bearbeitet Trespass Against Us das klassische Motiv des Aufbegehrens gegen den – hier tatsächlich bibelfesten – Vater, der seine Familiengesetze in Stein gemeißelt hat.

Doch mehr als für ein effektvolles Hinauszögern dieses alttestamentarischen Konflikts, der mitunter an klassische Western der 1950er-Jahre erinnert, interessieren sich Smith und sein Drehbuchautor Alastair Siddons (ebenfalls als Debütant) für die Details am Rande. Etwa für das plötzliche Verschwinden der Kinder, weil Chad sie zu früh vor der Schule abgesetzt hat, für die nächtliche Verfolgung Chads durch die Polizei; oder für jene eines Hasen, der unter viel Gejohle mit einem Auto zur Strecke gebracht werden soll – zugleich die fulminanten ersten Minuten dieses Films.

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Natürlich forciert Trespass Against Us schon aufgrund seiner Besetzung auch ein Duell der Darsteller, bei dem ein charismatischer Michael Fassbender und ein subtil unheimlicher Brendan Gleeson aufeinandertreffen. Doch die angenehme Zurückhaltung, mit der beide ihr Spiel in den Dienst der Sache stellen, überrascht. Und sie trägt wesentlich dazu bei, dass aus diesem Konflikt kein unausweichlicher Kampf zwischen Gut und Böse wird.

Wie Smiths dokumentarisch anmutende Inszenierung überhaupt auf Schwarzweißmalerei verzichtet. Der Alltag der Außenseiter ist weder hart noch schön, sondern geprägt von Streitereien und Langeweile. In rauen Bildern fängt die Kamera dieses Leben ein, die Enge in den Wohnwagen ebenso wie den Traum von der großen Freiheit. Diese wünscht sich am Ende auch Chad für seinen Sohn – aber eine andere, als die eigene. (Michael Pekler, 17.8.2017)