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19. August 1960: Die Hündinnen Belka und Strelka reisen ins All

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19. August 2017, 08:00

Als erste Lebewesen überlebten die Mischlinge einen Raumflug in der Erdumlaufbahn und ebneten mit ihrer Mission den Weg für die bemannte Raumfahrt

Wien – Im vergangenen April jährte sich die spektakuläre Premiere zum 55. Mal: Juri Gagarin unternahm 1961 als erster Mensch einen Flug ins All, umrundete einmal die Erde und landete wohlbehalten wieder auf irdischem Boden. Zweieinhalb Jahre nachdem die Sowjetunion die Welt mit dem Start des Satelliten Sputnik 1 überrascht hatte, zeigte sie ein weiteres Mal, wozu sie technisch in der Lage war – und auch, dass der Westen in Sachen Raumfahrt nach wie vor hinterherhinkte.

Gagarins Mission mit einem Wostok-Raumschiff waren freilich viele Testflüge vorangegangen, deren Protagonisten heute wenig bekannt sind, ohne die der erste Mensch im All aber wohl kaum überlebt hätte: Zu diesen tierischen Helden der Raumfahrt zählen auch die beiden Mischlingshündinnen Belka und Strelka, die 1960 in einer Testvariante von Gagarins Raumschiff erstmals eine Reise in die Erdumlaufbahn unbeschadet überstanden.

Nachdruck einer Postkarte mit Belka und Strelka im 2014 erschienenen Bildband "Soviet Space Dogs" von Olesya Turkina (Fuel Publishing): Die Aufnahme stammt von der ersten Pressekonferenz nach der Rückkehr der beiden Mischlingshündinnen aus dem All.
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Unbekannte Risiken

Seit den 1940ern hatten Forscher in den USA und in der Sowjetunion unzählige Tiere ins All befördert, um die noch völlig unbekannten Gefahren der Raumfahrt zu studieren. Viele überlebten diese Einsätze nicht. Könnten Erdenbewohner die extremen Beschleunigungen und Abbremsmanöver eines Raumflugs und die Strahlung im All physisch denn überhaupt aushalten? Lange waren sich Wissenschafter vor allen Dingen uneins, wie sich längere Schwerelosigkeit auf den Organismus auswirken würde.

Während man in den USA nach ersten Tests mit Fruchtfliegen und Nagetieren schnell auf Affen setzte, traf Sergej Koroljow, der Chefkonstrukteur des sowjetischen Raumfahrtprogramms, eine andere Entscheidung: Primaten wären zu unberechenbar und zu unruhig für derartige Missionen. Hunde würden sich besser eignen, sie seien emotional stabiler und könnten Inaktivität über einen längeren Zeitraum eher ertragen.

Straßenhund-Casting

Ausgewählt sollten auf Weisung Koroljows ausschließlich Straßenhunde werden: Es sei davon auszugehen, dass diese durch ihre Erfahrungen bereits abgehärtet seien und dadurch den Stress des Flugs besser bewältigen könnten. Nach einer Trainings- und Gewöhnungsphase würde die starke menschliche Bindung der Vierbeiner deren Kooperation im All sichern. So kam es, dass dutzenden Streunern eine ungeahnte Karriere bevorstand.

Die Auswahl erfolgte nach genauen Vorgaben: Die Tiere durften nicht mehr als sechs Kilogramm wiegen und mussten klein genug sein, um in die winzigen Flugmodule zu passen. Das Fell der Hunde sollte hell sein, damit sie auf Aufnahmen besser erkennbar sein würden, und bald kam noch ein weiteres Kriterium hinzu: Das Problem der Ausscheidungen während des Flugs wurde mit einer Saugvorrichtung in den eigens konstruierten Hunde-Druckanzügen gelöst, die sich aber nur für weibliche Hunde eignete. Um ein Bein zu heben, hätte der Platz ohnehin nicht gereicht.

Debatte über Tierversuche

Erste und teilweise erfolgreiche Suborbitalflüge mit Hündinnen starteten Anfang der 1950er-Jahre, das Ziel war aber stets der Orbit. Bereits ein Monat nach dem Start von Sputnik 1 saß die Hündin Laika an Bord des zweiten Satelliten, der die Erdumlaufbahn erreichte. Laika starb nach wenigen Stunden, vermutlich an Überhitzung und Stress, wie russische Behörden erst im Jahr 2002 bekanntgaben. Ihre Rückkehr war aber ohnehin nie vorgesehen gewesen: Sie hätte nach rund zehn Tagen im Orbit durch vergiftetes Futter sterben sollen, um dem noch qualvolleren Tod beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu entgehen.

Laika bei Tests in der Druckkabine.
foto: apa/dpa

Die Mission wurde als technischer und propagandistischer Erfolg gewertet, fachte aber international eine Debatte über wissenschaftliche Verantwortung und Tierversuche an. In Moskau erklärte man das Überleben der Weltraumhunde fortan zu einem wichtigen Missionsziel. Ein großer Rückschlag erfolgte am 28. Juli 1960, als ein Wostok-Prototyp beim Start explodierte und die beiden Hündinnen Bars und Lisitschka umkamen. Schon für den 19. August war ein weiterer Start geplant, an diesem Tag sollte gleich ein ganzer Kleintierzoo in den Orbit gebracht werden: die beiden Hündinnen Belka und Strelka, ein Kaninchen, 42 Mäuse, zwei Ratten und insgesamt 15 Behälter mit Fliegen und Pflanzen.

Heldinnen der Raumfahrt

Die Mission Korabl Sputnik 2 (im Westen oft fälschlicherweise als Sputnik 5 bezeichnet) wurde ein voller Erfolg: Die Passagiere überlebten den Flug und kehrten nach 18 Erdumrundungen wohlbehalten zurück. Damit waren sie die ersten Lebewesen, die einen Raumflug in der Erdumlaufbahn überstanden hatten. Die Mission lieferte wertvolle Daten, die in die Planung späterer Missionen einfließen konnten, auch der Propagandaeffekt war enorm: Belka und Strelka wurden als Heldinnen gefeiert, Postkarten und Briefmarken wurden zu ihren Ehren gedruckt, die Nachfrage nach Mischlingshündinnen explodierte in der Sowjetunion kurzzeitig.

Briefmarke zu Ehren Belkas und Strelkas.
foto: russian post
Video: Belka und Strelka im All und bei der Pressekonferenz nach der Landung.
scinews

Als Strelka schließlich Nachwuchs zur Welt brachte, war die Weltöffentlichkeit entzückt. Die Welpen fanden sogar beim Gipfeltreffen zwischen dem US-Präsidenten John F. Kennedy und dem sowjetischen Regierungschef und Parteichef der KPdSU Nikita Chruschtschow 1961 in Wien Erwähnung: Kennedys Ehefrau Jacqueline erkundigte sich bei einem Abendessen mit Chruschtschow nach den Hunden.

Video: Belka und Strelka 1961.
british pathé

Mensch oder Hund

Dieser ließ den Kennedys prompt einen Welpen, Puschinka, ins Weiße Haus schicken. In einem Dankesbrief zeigte sich Kennedy erleichtert, dass das Tier den langen Flug aus der Sowjetunion gut überstanden hatte, "auch wenn er nicht ganz so dramatisch war wie der ihrer Mutter".

Video: Pushinka im Weißen Haus.
soviet space program (космическая программа ссср)

Als Juri Gagarin am 12. April 1961 mit Wostok 1 die Erde hinter sich ließ, hatten bereits 48 Hunde vor ihm Flüge ins All absolviert, 28 davon hatten überlebt. Ohne diese vierbeinigen Pioniere wäre die Geschichte der bemannten Raumfahrt wohl anders verlaufen. Nach seiner Rückkehr zur Erde soll Gagarin einmal gesagt haben: "Ich weiß bis heute nicht, wer ich bin: der erste Mensch oder der letzte Hund im All." (David Rennert, 19.8.2017)