Foto: Austria Wien

Rekordmeister-Diskussion: "Die Plakate sind eine Provokation"

Interview |
18. August 2017, 08:41

In einer Kampagne bezeichnet sich die Wiener Austria als Rekordmeister. Ein Titel, den eigentlich Rapid Wien für sich reklamiert. Beide haben recht, sagt Sporthistoriker Matthias Marschik

STANDARD: Warum startet die Austria gerade jetzt ihre umstrittene Rekordmeister-Kampagne?

Marschik: Die zunehmende sportliche Bedeutungslosigkeit des Wiener Fußballs sowie der Zwang, das Produkt Fußball in jeder möglichen Variante zu vermarkten, sind wohl die Hauptgründe. Wäre Rapid in der Champions-League-Qualifikation und die Austria Tabellenführer, müssten wir uns diese Diskussion erst gar nicht anhören.

STANDARD: Es geht also um Schlagzeilen?

Marschik: Wenn ich es sportlich nicht schaffe, muss ich provozieren. Und die Plakate sind eine Provokation. Man weiß doch genau, dass das für Diskussionen sorgt und in Hütteldorf nicht kommentarlos hingenommen wird.

STANDARD: Beklagen die Wiener Vereine ein Aufmerksamkeitsdefizit?

Marschik: Andere Themen dominieren, wenn es nur um den Sport geht. Die Legionäre, das Frauennationalteam oder die Arbeit von Salzburg als Ausbildungsverein. Da will man sich wieder in den öffentlichen Diskurs bringen.

STANDARD: Aber wer ist denn nun Rekordmeister? Die Austria oder doch Rapid?

Marschik: Beide Vereine dürfen sich Rekordmeister nennen. De jure ist die Austria im Recht, de facto Rapid. Beide Betrachtungsweisen sind legitim.

STANDARD: Rapid rechnet sich im Gegensatz zur Austria Titelgewinne an, die vor 1938 in einer Wiener Liga errungen wurden. Ist das angemessen?

Marschik: Die Wiener Meisterschaften bis 1938 sind weitgehend als österreichische Meisterschaften anerkannt. Von Vereinen, Anhängern und Statistikern. Ein Verein aus den Bundesländern hätte damals nicht reüssieren können. Er wäre vermutlich sofort abgestiegen.

STANDARD: Wurde schon damals vom österreichischen Meistertitel gesprochen, oder geschah das erst retrospektiv?

Marschik: Der Titel wurde offiziell nicht so bezeichnet. Sie können in Zeitungen der 1920er aber sicherlich Hinweise finden, dass ein Wiener Meistertitel einem österreichischen gleichgesetzt wurde. Er wurde auch zeitgenössisch als ungeschriebener österreichischer Meistertitel anerkannt.

STANDARD: Was ist mit den Titeln 1940 und 1941? Ist es moralisch vertretbar, sich Triumphe aus der NS-Zeit an die Fahnen zu heften?

Marschik: Rein rechtlich ist es nicht korrekt, auch moralisch ist es fragwürdig. Spieler mussten an die Front, manche Vereine haben sich mit dem Regime arrangiert und pflegten gute Beziehungen.

STANDARD: Sollte Rapid die Titel aus der Gauliga also nicht anführen?

Marschik: Ein zweischneidiges Schwert. Denn in der Alltagskultur wurden auch diese Titel als österreichische Meistertitel angesehen.

STANDARD: Der österreichische Fußballbund hält sich in der Frage um den Rekordmeister zurück.

Marschik: Vermutlich will man niemanden verärgern. Ich kenne keinen Verband weltweit, der sich so wenig für seine eigene Geschichte interessiert.

STANDARD: Den Vereinen liegt ihre eigene Historie hingegen am Herzen.

Marschik: Da gibt es große Unterschiede. Rapid braucht die Geschichte. Es geht um das Image des Arbeitervereins. Das Gegenbeispiel ist Red Bull Salzburg, denen ist die Geschichte völlig wurscht, man blickt nur in die Zukunft. Bei der Austria ist es zuletzt besser geworden. Derzeit wird dort, spät, aber doch, die NS-Vergangenheit aufgearbeitet.

STANDARD: Titel sammelt in Österreich nur noch Salzburg. Hat auch das Selbstverständnis der beiden Wiener Großklubs in den vergangenen Jahren gelitten?

Marschik: Natürlich. Sportlich muss man akzeptieren, dass man hinter Salzburg nur Zweiter oder Dritter in Österreich ist. Auch international muss man sich mit dem Erreichen der Gruppenphase der Europa League zufriedengeben. Da will man zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung gut dastehen.

STANDARD: "Identität beinhaltet auch Abgrenzung", sagt Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek. Sind diese Gräben wirklich notwendig?

Marschik: Allerdings. Die Rapid wäre nicht einmal dort, wo sie jetzt steht, wenn es die Austria nicht gäbe, und vice versa. Rapid und die Austria brauchen einander wie einen Bissen Brot. Und sie brauchen einander mehr denn je. Wenn der österreichische Fußball auf europäischer Ebene nicht reüssieren kann und wenn der Wiener Fußball in Österreich bestenfalls Zweiter oder Dritter werden kann, was bleibt dann noch, um das Interesse zu wecken? Die Wiener Rivalität. (Philip Bauer, 18.8.2017)

MATTHIAS MARSCHIK (60) ist Kulturwissenschafter, Medienwissenschafter und Sporthistoriker in Wien.

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