Plattform-Gründer: "Gig-Economy nicht allgemein verteufeln"

Interview |
21. August 2017, 09:00

Wieso Bastian Unterberg, Gründer der Crowdwork-Plattform Jovoto, mit Gewerkschaften kooperiert und über faire Bezahlmodelle nachdenkt

Eigentlich wollte Bastian Unterberg, nachdem er an der Berliner Universität der Künste Informatik und Kommunikationsdesign studiert hatte, am liebsten vom Strand aus als Freelancer arbeiten. Heute ermöglicht er das anderen: 2007 gründete er die Plattform Jovoto. Mittlerweile sind dort knapp 90.000 Freelancer registriert, die Unternehmen, Werbeagenturen und NGOs bei der kreativen Ideenfindung helfen – von Architektur über Produktdesign bis zu Kommunikationsstrategien.

STANDARD: Herr Unterberg, viele Unternehmen der Gig-Economy nutzen ihre Freelancer aus – das schlägt sich in zahlreichen Klagen auf der ganzen Welt nieder. Sie wollen mit Jovoto zeigen, dass Plattformökonomie auch fair sein kann.

Unterberg: Es ist sicher nicht förderlich, dass die Gig-Economy allgemein verteufelt wird. Weil wir uns mit Gewerkschaften austauschen und die Freelancer gut bezahlt werden, sehen uns viele momentan als das Posterchild der Plattformökonomie, aber es gibt auch andere positive Beispiele. Ich sehe die aktuelle Diskussion aber auch als Chance, weil die Aufmerksamkeit bezüglich bevorstehender Herausforderungen größer wird. Ich denke auch, dass die Gig-Economy nur ein Übergangsszenario ist.

STANDARD: Bis – überspitzt gesagt – die Roboter übernehmen?

Unterberg: Genau. Autos werden in Zukunft selbst fahren. Uber-Fahrer werden dann nicht mehr gebraucht. Und bei kleinteiliger Klickarbeit auf Plattformen wie Mechanical Turk oder Task Rabbit sind Algorithmen und künstliche Intelligenz die nächste Evolutionsstufe. Deswegen haben wir uns für Kreativität und Kollaboration entschieden – diese Bereiche werden so schnell nicht von Maschinen ersetzt. Natürlich geht es also um die Frage: Wie funktioniert Erwerbsverteilung in so einer Zukunft?

STANDARD: Welche Antworten haben Sie da für sich gefunden?

Unterberg: Ich beschäftige mich intensiv mit diesem Thema, weil es nicht nur für das eigene Leben, sondern auch für das meiner Kinder relevant ist. Ultimative Antworten zu finden, ist natürlich schwierig. Abgesehen von den Lösungen, an denen Nationalstaaten arbeiten, geht es, denke ich, ganz stark um die Haltung, die man einnimmt: Wenn das Neue die konstante Steigerung der Geschwindigkeit von Veränderung ist, dann muss man selbst deutlich flexibler werden.

STANDARD: Welche Rolle nehmen da die alten Werkzeuge der Sozialstaaten ein – Gewerkschaften zum Beispiel?

Unterberg: Ich glaube, viele Gewerkschaften fangen gerade an sich zu fragen, was ihr Geschäftsmodell der Zukunft sein wird. Welche Modelle müssen wir anbieten, um eine Lobby für die neue Klasse an Arbeitern zu bilden, die es heute noch nicht gibt? Die IG Metall ist da in Deutschland sehr weit, sie haben auch einen globalen Ansatz, was sehr wichtig ist. Crowdsourcing-Plattformen können, glaube ich, viel von der Erfahrung von Gewerkschaften profitieren. Von Mitbestimmungsprozessen bis hin zum Design von Tarifmodellen.

STANDARD: Etwa zehn Prozent Ihrer Freelancer werden in einen geschlossenen Bereich der Plattform eingeladen, wo sie unter anderem zu fixen Tagessätzen arbeiten können. Warum?

Unterberg: Am Anfang haben wir uns gesagt, dass die Umgebung, in der Leute bei uns arbeiten, ihnen wahnsinnig viele Vorteile verschafft: Skills, ein Netzwerk oder Referenzen aufbauen und so weiter. Wir konnten dann beobachten, dass manche wirklich zwei, drei Jahre auf der Plattform arbeiten. Da kann sich die familiäre Situation geändert haben, sie werden Mutter oder Vater, schließen das Studium ab und sind auf Jobsuche. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, dass es auch Sicherheit in unserem Modell braucht. Für dieses Karrieremodell muss man sich qualifizieren – nicht nur, wer die meisten Wettbewerbe gewinnt, sondern vor allem, ob sich jemand mit anderen austauscht und einbringt, ist da zentral. Es geht um ein Miteinander.

STANDARD: Was wissen Sie über die Menschen, die auf Jovoto arbeiten?

Unterberg: Es sind etwas mehr Frauen als Männer. 32 Prozent sind angestellt, 16 Prozent Studenten, und der Rest sind klassische Freelancer im kreativen Bereich aus 153 Ländern. Viele Menschen sehen die Plattform nicht unbedingt als Arbeitsplatz. Sie sehen die spannenden Projekte, an die sie bei einer klassischen Agenturkarriere nicht so schnell herankommen. Wir sehen auch, dass viele es als eine Art Zeitvertreib mit sozialer Interaktion sehen. Diese soziale Komponente ist in unserer Leistungsgesellschaft großteils weggefallen – gerade in großen Unternehmen. Aber die soziale Bedürfnisbefriedigung ist für Arbeit sehr wichtig und entscheidend. Das alte Verständnis von Arbeit ist nicht kompatibel mit dem Verständnis von Arbeit, das Menschen haben, die auf unserer Plattform arbeiten. Ich glaube, das kommt auch daher, dass wir eine völlig neue Generation von Talenten ansprechen. Die haben nicht mehr die Ansprüche an eine Karriere wie die ihrer Eltern mit zwei bis drei Jobwechseln im Leben. Sie wachsen ja in einer Umgebung auf, in der man sich mit Brexit, Trump etc. fragt, wo Stabilität überhaupt geblieben ist.

STANDARD: Ihre Freelancer sind allerdings in einer privilegierteren Position als Fahrradkuriere oder online buchbare Putzkräfte.

Unterberg: Das stimmt. Die stattfindende Radikalisierung der Arbeitsteilung ist für viele Menschen natürlich eine Gefahr. Deswegen muss an Ideen gearbeitet werden. (lhag, 21.8.2017)

Bastian Unterberg (Jg. 1978) hat Kommunikationsdesign und Informatik studiert. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Open-Innovation-Plattform Jovoto mit Sitz in Berlin.