, Guido Gluschitsch

Mercedes G 350 d: Volle Hütte, scharfe Kante

Die Urlaubszeit ist noch nicht vorbei, wenn man mehr Abenteuer als den Sonnenbrand im Liegestuhl sucht. Wir fahren mit dem Mercedes-Benz G 350 d auf die Alm. Weil es am Berg sonst eh so wenig Luxus gibt.

Wien/Wechselland – Dieses Fahrzeug gehört schon zum Kuriosesten, was heute auf den Straßen unterwegs ist. In den 1970ern in Puch bei Graz ersonnen und gebaut, hat der G bis heute überlebt. Und das ohne gewaltige Veränderungen – wenn wir von den technischen Neuerungen absehen.

Das heißt, die aktuelle G-Klasse steht immer noch auf einem Leiterrahmen und hat eine Windschutzscheibe, die so flach ist, dass sie glatt als Glasplatte für den Wohnzimmertisch durchgehen würde. Überhaupt legt das Design dieses Wagens nahe, dass 1972 in ganz Graz kein Kurvenlineal aufzutreiben war und man abgesehen von den Kreisen für die Reifen und Frontscheinwerfer nichts riskieren wollte.

Gutes altes Design

So schaut der G auch heute noch aus. Kantig. Und hoch ist er, auch wenn es Mercedes-Benz inzwischen geschafft hat, die martialisch-kalt wirkende Front ohne große Designstücke so zu modernisieren, dass sie heute immer noch fasziniert.

Sogar an den Blinkern, die vorne knapp hinter den Scheinwerfern am Koderer sitzen, hat man festgehalten. Weil die jetzt aber unter einer weißen und nicht mehr orangen Kuppel sitzen, schauen sie deutlich dezenter aus.

So ganz und gar nicht dezent sind die Reifen auf unserem Testfahrzeug. Keine Stoppelreifen, sondern Sraßenpneus der Dimension 275/55 R19, die auf fünfspeichige, schwarze AMG-Felgen aufgezogen wurden. Ein Fels, an dem man anschert, und man greift für Felgenersatz ganz schön tief in die Tasche. Wer den Vergleich zieht, dass wir hier mit Stöckelschuhen auf den Berg gehen, hat schon richtig verstanden.

Dem G 350 d ist das aber komplett egal, dass wir ihn wegen seiner schönen Räder zwar verliebt, aber nicht besonders vertrauensvoll anblicken. Nicht einmal auf der nassen Wiese hat er sich die Schneid abkaufen lassen und ist mit der Vehemenz eines Traktors an sein Ziel gefahren.

Fahrgefühle

Ja, es stimmt schon, die G-Klasse fährt sich nicht wie ein dicker, hoher Sportwagen – denken wir an Bentley Bentayga, Range Rover Sport oder Audi Q7, die ja regelrecht über die Autobahn gleiten, als hätten sie nur die Hälfte des Gewichts. Da müssen wir schon zum Land Rover Defender schauen oder zu einem ordentlichen Jeep Wrangler, um dieses Fahrgefühl wiederzufinden. Denn die wahre Heimat der G-Klasse liegt abseits der Straße. Er gehört zur vom Aussterben bedrohten Rasse der Geländewagen – man denke nur an das traurige Ende des Defender. Und in seiner Kategorie ist er auf befestigtem Untergrund geradezu ein Charmeur.

Bei Fahrwerk und Antrieb hat Mercedes-Benz ja kontinuierlich nachgebessert. Der Sechszylinder-Diesel 350 d etwa erfuhr eben erst eine Leistungssteigerung von 211 auf 245 PS, und das Drehmoment konnte man von 540 auf 600 Newtonmeter erhöhen. Auf der Straße heißt das, dass der Sprint von 0 auf 100 km/h nun in 8,8 statt 9,1 Sekunden erledigt ist.

Die Neuerungen wirkten sich auch auf den Normverbrauch aus. Der sank von 11,2 Liter auf knapp unter zehn Liter.

Bei unserem Test, vorwiegend auf der Straße, brauchten wir 12,5 Liter – was jetzt im Vergleich zu einem Mittelklasse-Pkw im Pendlermodus recht viel erscheint. Für einen Geländewagen mit einem Luftwiderstand von einer Kleingartensiedlung ist das bei Autobahntempo fast gar nichts.

Man merkt dem G an, dass er nicht für hohe Geschwindigkeiten gebaut ist. Macht nichts, im G geht man es gern gelassen an. Zudem ist unser Test-G so fein ausgestattet gewesen, dass man sich mit Schuhen fast nicht reintraut. Die Ledersitze sind so fein, dass wir schnell verstehen, warum da auch ein Fernseher im Auto ist.

Warum wir aber drei Sperren haben, mit denen wir die Differenziale auch während der Fahrt bedienen können, hat sich beim Ausflug über die ausgewaschene Forststraße nicht eruieren lassen.

7G-Tronic

Wo der vorhin besagte Mittelklasse-Pkw schon lange nicht mehr mit den Rädern auf den Boden kommt, baut der G selbst mit Schickimickireifen eine Traktion auf, dass man die Untersetzung nur deswegen reingibt, weil man halt eine hat. Im Grunde würde die Sieben-Gang-Automatik auch ohne unser Reinpfuschen die Aufgabe bewältigen.

Bleibt also unterm Strich, dass der Wagen für Herausforderungen gebaut wurde, die es im normalen Leben nicht einmal für Hüttenbesitzer, Jäger und Alpinisten gibt. Zudem passen feinstes Leder, modernstes Infotainment und der feine Teppich im riesigen Kofferraum gar nicht zum harten, entbehrungsreichen Leben am Berg.

Also ist der G ein Dinosaurier, dessen Zeit vorbei ist? Im Gegenteil! Dieser Wagen schmückt jeden Fuhrpark. Man muss ja nicht jeden Tag damit fahren. Aber hat man schon einen Sportwagen und ein Cabrio, darf ein G auf gar keinen Fall fehlen. Egal von welcher Seite man die Sammlung anfängt. (Guido Gluschitsch, 21.8.2017)

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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