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Migräne unter Strom setzen

21. August 2017, 12:00

Ein Neurostimulator soll helfen, Migräneattacken zu lindern. Experten sind aber noch skeptisch

Gegen Migräneattacken gibt es wirksame Medikamente. Problematisch können allerdings die möglichen Nebenwirkungen sein. Von Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Verdauungsproblemen ist die Rede im Beipackzettel, sogar von Schlafstörungen und Albträumen. Abgesehen davon dürfen manche Patienten bestimmte Migränemittel gar nicht nehmen, etwa weil sie Asthma haben, weil sie schwanger sind oder stillen.

Für diese Betroffenen gibt es ein neues Gerät, das die Nerven hinter der Stirn stimuliert und so Migräneanfälle verhindern soll. Dabei wird eine pflasterähnliche Elektrode auf die Stirn geklebt, an die ein fünf Zentimeter großer Neurostimulator magnetisch angeheftet ist. Zur Prophylaxe täglich 20 Minuten, zur Akutbehandlung 40 bis 60 Minuten, heißt es in der Anleitung. "Das Gerät eignet sich für Patienten, bei denen Medikamente nicht genügend wirken oder die sie nicht vertragen", sagt Christian Wöber, Neurologe am AKH Wien. "Oder als Ergänzung zu bisherigen Therapien."

Nerven stimulieren

Schon länger behandeln Ärzte bestimmte Krankheiten durch elektrische Stimulation von Nerven. Etwa durch die Haut bei chronischen Rheumaschmerzen oder mit Hilfe von Sonden im Gehirn bei der Parkinson-Krankheit. "Wir wollten auch Migräneschmerzen schonend von außen behandeln", sagt Pierre Rigaux, CEO der Firma Cefaly Technology, die das Migränegerät entwickelt hat. Das Prinzip: Durch die Neurostimulation soll die zentrale Schmerzverarbeitung im Gehirn verändert werden, sodass man die Schmerzen nicht mehr so stark wahrnimmt. Die elektrischen Impulse müssen stark genug sein, um die Schädelknochen zu durchdringen, aber auch nicht zu heftig, da die Haut über dem Knochen schmerzempfindlich ist. "Wir haben viel ausprobiert, um die richtige Stromfrequenz und -intensität zu finden", so Rigaux.

Die Datenlage ist allerdings dünn, sagt Wöber. "Von den bisherigen Studien genügt nur eine den strengen Kriterien, wie sie bei Medikamentenstudien üblich sind." In dieser Studie wendeten 67 Patienten drei Monate lang entweder den Stimulator oder ein Placebogerät an. Diejenigen mit der echten Stimulation hatten später weniger Attacken pro Monat als die in der Kontrollgruppe. Auch litten sie an weniger Tagen unter Migräne.

Allein die Erwartung hilft

"In den Medikamentenstudien werden die Probanden meist ein Jahr beobachtet", kritisiert Andreas Straube, Neurologe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Wir wissen aus Studien, dass der Unterschied zum Placebo mit der Zeit nicht mehr so groß ist." Außerdem würden manche Patienten merken, dass sie das "echte" Gerät haben. "Allein die Erwartung, dass das Gerät ihnen hilft, kann schon einen therapeutischen Effekt haben", so Straube.

In der Studie zur Akuttherapie fehlte die Placebovergleichsgruppe gänzlich. Zudem wurden nur 30 Patienten untersucht. Während ihrer Attacke trugen sie für 60 Minuten den Stimulator. Bei 23 Patienten besserten sich die Schmerzen innerhalb einer Stunde um mehr als die Hälfte, sechs hatten keine Schmerzen mehr.

Der Preis für das Gerät: 295 Euro. "Am besten fragt man vorher seinen Arzt. Der kann klären, ob andere Behandlungsmöglichkeiten besser sind", rät Wöber. Viele Migränepatienten, die schon mehrere erfolglose Therapien versucht haben, würden sich oft damit abfinden, ohne ihren Arzt nach weiteren Optionen zu fragen. "Wir haben aber viele Möglichkeiten, und mit der passenden Therapie können wir vielen Patienten helfen."

Lebensstil ändern

Gefährlich scheint die Stimulation nicht zu sein. Von 2313 Probanden, die das Gerät getestet hatten, berichteten jedoch 99 über Nebenwirkungen. Am häufigsten über ein unangenehmes Kribbeln an der Stirn oder Müdigkeit. Fast jeder Zweite gab sein Gerät zurück, weil er nicht zufrieden war.

Bei Migräne können auch genügend Schlaf, Stressmanagement und Entspannungstraining die Attacken reduzieren. "Es kostet aber Kraft, den Lebensstil zu ändern. Einfacher ist es, sich mit einem Migränegerät aufs Sofa zu legen", sagt Gregor Hasler, Psychiater an der Universität Bern. (Felicitas Witte, 21.8.2017)