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Joseph Andras: "Fernand Ivetons Ideale leben weiter"

Interview |
20. August 2017, 08:00

Der junge französische Autor arbeitet mit seinem Debüt "Die Wunden unserer Brüder" den in Frankreich verdrängten Algerienkrieg auf. Dafür wurde er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, den er aber abgelehnt hat

Der junge französische Schriftsteller Joseph Andras ist kein Mensch der Medien. Den Prix Goncourt für das beste Romandebüt hat er abgelehnt, und dem Literaturbetrieb verweigert er sich. Bereitwillig, wenn auch nur auf schriftlichem Wege stellt er sich allerdings den Fragen zu seinem Roman. Die Wunden unserer Brüder brach in Frankreich ein Tabu. Der Algerienkrieg und alle mit ihm zusammenhängenden Verbrechen gehören zu den Ereignissen in der französischen Geschichte, die bis heute verdrängt und verleugnet werden.

STANDARD: Mit Ihrem Roman "Die Wunden unserer Brüder" über Fernand Iveton, der hingerichtet wurde, nachdem er für die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN eine Bombe gelegt hatte, haben Sie in Frankreich selbst eine Bombe gezündet. Wie erklären Sie es, dass dieser Fall bis heute dermaßen tabuisiert wird?

Andras: Das ist mehr als ein Tabu. Ivetons Enthauptung wurde von François Mitterrand, der damals Justizminister war, und von der Linken in der französischen Regierung gebilligt. Die Sozialistische Partei Frankreichs nimmt dieses historische Erbe nicht an. Der einzige Platz der "Geopferten" und der "Opfer" kommt in der nationalen Erzählung den Pieds-noirs zu, wie man die Franzosen nannte, die sich ab 1830 in Algerien ansiedelten. Iveton stört in dieser Erzählung. Er war kein liberaler Humanist, nett und gefügig. Man kann ihn von seinem revolutionären Engagement nicht trennen. Iveton ging erhobenen Hauptes in den Tod. Sein Leben verleitet zu der Annahme, dass es vielleicht noch einen anderen Weg gegeben hätte, nämlich den einer unabhängigen multiethnischen Nation.

STANDARD: Obwohl Camus versucht haben soll, Iveton zu retten, und Sartre einen Text zur Erinnerung an ihn veröffentlichte, taucht der Fall in den großen Camus- und Sartre-Biografien nicht auf. Muss man dahinter bewusstes Verschweigen vermuten?

Andras: Die Frage der algerischen Unabhängigkeit wurde in Frankreich von zwei totemähnlichen Gestalten intellektuell gekapert: Sartre und Camus. Im Gegensatz zu Sartre billigte Iveton den Tod von Zivilisten nicht, und im Gegensatz zu Camus war er nicht willens, zu seiner Gemeinschaft zurückzukehren. Als einfacher Arbeiter verfügte er nicht über die Aura der Literaten. Er nimmt eine einzigartige Stellung ein, die einer Einspannung für eigene Zwecke wenig dienlich ist. Der Linguist André Abbou erklärte, seiner Kenntnis nach sei Camus eingeschritten. Dagegen behauptet die Literaturwissenschafterin Christiane Chaulet Achour, Camus habe sich nicht an der Unterstützung von Iveton beteiligt. Sie betont sogar ausdrücklich, Camus' algerischer Freund Emmanuel Roblès habe ihn über Iveton in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, sich für ihn zu verwenden. Doch Camus habe das abgelehnt.

STANDARD: Sind der Kolonialismus und der Algerienkrieg das Trauma Frankreichs?

Andras: Der Zweite Weltkrieg, die Kollaboration und der Völkermord an den Juden bleiben die heftigste nationale Erschütterung. Ich habe wie zahlreiche mir Nahestehende das Gefühl, mit dieser Periode aufgewachsen zu sein. Durch Filme und Bücher bin ich tief durchdrungen von dieser Zeit. Die koloniale und imperiale europäische Geschichte musste ich dagegen erst recherchieren, um etwas darüber zu erfahren. Sie bleibt eine Baustelle voller Fallen und Minen. Die offensichtliche und banale Vorstellung einer Kontinuität zwischen dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus löst immer noch einen Aufschrei aus. Hitler zerstörte unsere Erinnerung, indem er jemandem wie dem belgischen König Leopold II. nur eine kleine Tischecke überließ. Lacan sagte über das Verdrängte, dass es da spreche, wo es leide. Über den Kolonialismus müssen wir ohne Zweifel noch sprechen.

STANDARD: Gibt es heute unter der jungen französischen Generation, der ja auch Sie angehören, den Wunsch nach einer Aufarbeitung?

Andras: Ich hüte mich, im Namen einer Generation zu sprechen. Doch gibt es in der Tat über den einzelnen algerischen Fall hinaus eine internationale Bewegung, die sich mit diesen Fragen der Kolonialisierung auseinandersetzt. Die vielen Immigranten in Frankreich spielen dabei eine Rolle. Die Nachkommen der gemeinsamen Erinnerungen von Kolonisierten und Kolonialherren leben gegenwärtig zusammen. Sie gehen gemischte Beziehungen ein und müssen diese Geschichten recht und schlecht managen. Mein Buch, so hoffe ich, trägt einen kleinen Stein zur gestellten Aufgabe bei: Der französische Staat hat mit Iveton einen Pied-noir hingerichtet, der Frankreich liebte. Iveton kämpfte auf der Seite der arabischen und jüdischen Unabhängigkeitskräfte, ohne alle Methoden der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN gutzuheißen.

STANDARD: Bis heute hatte kein französischer Präsident den Mut, die Schuld Frankreichs anzuerkennen. Emmanuel Macron bezeichnete bei einem Besuch in Algerien während seines Wahlkampfs die Kolonisation als ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und erntete Kritik. Wird er auch als Präsident diesen Mut besitzen?

Andras: Macron wurde Meister in der Kunst, es sich mit niemandem zu verderben. Daher ist es schwierig herauszufinden, was er denkt. Jedes kritische Wort vonseiten der staatlichen Macht wird als Reue angesehen. 186 Jahre nach der Einnahme von Algier, die der große Historiker Alexis de Tocqueville mit Applaus begrüßte, begierig danach, dass die französischen Truppen das Land verheeren und alles zerstören, was einer Siedlung gleicht, konnte Macron uns erzählen, dass die Kolonisierung ein Erbteil der Kulturen sei. Es habe in Algerien "Elemente der Zivilisation und Elemente der Barbarei" gegeben. Ich lese lieber Aimé Césaire. Die Charta von London, die zum ersten Mal den Begriff des Verbrechens gegen die Menschlichkeit definierte, sollte die erregten Gemüter besänftigen. Mit diesem Begriff bemäntelt sie Mord, ethnische Ausrottung, Versklavung, Deportation und andere unmenschliche Akte gegen die Zivilisation. Von den kongolesischen Köpfen, die für Kautschuk angeschnitten wurden, bis zu den Ausräucherungen der geflohenen Algerier in den Grotten von Dahra gab es sehr wohl systematische staatliche Verbrechen.

STANDARD: Sie berühren in Ihrem Roman auch die aufgeheizte Kontroverse zwischen Kommunismus und Antikommunismus. Damals glaubte man noch an die sozialistische Weltrevolution ...

Andras: Eine Studie von Oxfam ließ wissen, dass die acht reichsten Menschen der Welt ebenso viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Der soziale Krieg ist allgegenwärtig. Iveton ist gefallen. Aber seine Ideale leben weiter. Das ist im tieferen Sinne auch das Thema meines Romans. Solange ein Präsident der Republik von jenen sprechen kann, "die nichts sind", und dennoch die Macht behält, so lange bleibt die soziale Frage weit offen. Die Literatur hat dabei ihre nicht zu bescheidene Rolle zu spielen.

STANDARD: Fernand Iveton wird in Ihrem Roman als Mensch lebendig, mit seiner Kindheit, seiner Liebe und seinen Überzeugungen. Ist es das, was Literatur vermag, den Finger auf die Wunde zu legen?

Andras: Die Literatur, die mich bewegt, erscheint mir wie ein Gedanke, der ruchbar wird. Sie ist der Raum der sinnlichen Vernunft, das Feld, auf dem die geschriebene und die öffentliche Angelegenheit, das Individuum und die Bürgerschaft einander kreuzen. Ich liebe den eisernen Faden, den Arsch zwischen zwei Stühlen, gleichermaßen besorgt um den Rhythmus und die Linien der Buchstaben wie um die Befreiung und den Kampf, eine Literatur, die zum Ästheten ebenso Abstand hält wie zum Verteiler von Flugblättern, zum Formalismus ebenso wie zur jeden Effekt meidenden leeren Seite. Eine Literatur, die nicht bloß ein Abziehbild der Welt, ihrer Struktur, ihrer Hierarchie und ihrer Machtbeziehungen ist, sondern auch Probleme aufwirft und Fragen stellt. Die Lösung, wenn es eine gibt, nutzt die Affekte ebenso wie die Theorie und die Logik.

STANDARD: Gegenüber einer französischen Zeitung werfen Sie die Frage auf, wem das Narrativ über den Algerienkrieg zukomme, und Sie betonen, das Algerische nicht zu usurpieren. Bedeutet das, dass Sie als französischer Schriftsteller nur über jemanden wie Iveton, der als einziger Europäer in diesem Krieg hingerichtet wurde, schreiben können oder über die Täter schreiben müssen?

Andras: Ist das Romanhafte eine Angelegenheit von Zentimetern? Philosophen und Theoretiker besitzen die analytischen, statistischen und begrifflichen Werkzeuge, um jedweden Gegenstand, sei es die Zeit oder der Raum, zu erfassen. Der Romancier muss mehr fühlen als verstehen. Er muss eine Haut, einen Schrei oder die Begierde mit seinen eigenen Fingern begreifen. Je mehr sein Gegenstand sich entfernt, desto mehr wird er zu Projektionen, Recherchen und seiner Vorstellungskraft Zuflucht nehmen. Das ist ein Risiko, eine Klippe und eine Herausforderung. Man erleidet dieses Bewusstsein, irgendwo hingestellt zu sein, oder man nimmt es an. Es ist mir wahrscheinlich bequemer, durch die Sprache des Romans einen jungen, weißen, französisch sprechenden Kommunisten christlicher Kultur zu verkörpern als einen Alten aus dem Mittelwesten.

STANDARD: Zurückgezogen in der Normandie, widmen Sie sich dem Schreiben. Der französische Autor und Filmemacher Alain Robbe-Grillet zog sich seinerzeit ebenfalls in die Normandie zurück. Er betonte aber die Wichtigkeit, einer Gruppe anzugehören, die es erst ermögliche, bekannt zu werden und ein Werk zu schaffen ...

Andras: Ich lebe in der Provinz wie einige Millionen Mitbürger, nicht mehr und nicht weniger. Die Leidenschaft, bekannt zu werden, ist mir schwer verständlich. Das Wort "Gruppe" lässt mich mehr an Politik denken als an Literatur. Die Zone eines Wir, die ich freiwillig zu meiner mache, ist das Wir der Kameraden und Freunde und all jener, denen es auf die eine oder andere Art nicht gelingt, die Welt zu bewohnen, wie sie entworfen, geregelt und zugeschnitten ist. (Ruth Renée Reif, Album, 20.8.2017)

Joseph Andras wurde 1984 geboren und lebt in der Normandie. "Die Wunden unserer Brüder" (aus dem Französischen von Claudia Hamm, Carl-Hanser-Verlag, München 2017) ist sein erster Roman, für den er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, den er jedoch abgelehnt hat.

Joseph Andras, "Die Wunden unserer Brüder". € 18,50 / 160 Seiten. Hanser-Verlag, München 2017