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Zadie Smith: Die talentierte Mrs. Smith

Interview |
19. August 2017, 09:00

Sie hasst Smalltalk und liebt Madonna. Ein Gespräch mit der britischen Autorin über ihren neuen Roman "Swing Time", Schwarz und Weiß, Kinder und Hunde und die Tyrannei, ständig interessant sein zu müssen

Schon als sie sich zum ersten Mal im Ballettunterricht begegnen, merken Tracey und die namenlose Icherzählerin in Zadie Smiths neuem Roman Swing Time, wie viel sie gemeinsam haben: die Begeisterung für Musicals und fürs Tanzen, ihr Londoner Viertel, ihre Hautfarbe. Und Tracey wird tatsächlich Tänzerin, die Protagonistin immerhin Assistentin des Popstars Aimee, einer Mischung aus Madonna, Kylie Minogue und Angelina Jolie. Bald jedoch verpuffen Traceys Träume von einer Bühnenkarriere in allzu früher Mutterschaft. Die Illusionen ihrer plattfüßigen Kindheitsgefährtin bleiben irgendwo zwischen New York und Westafrika auf der Strecke, wo sie ihre Wurzeln zu finden gehofft hat und stattdessen in einem Haufen kultureller Missverständnisse landet. Swing Time handelt von Hautfarben und Wahrnehmung, von Status und Stereotypen und von den Trommelschlägen, die das Leben an sich begleiten. Gerade ist der Roman auch auf Deutsch erschienen.

STANDARD: Sie habe sich Ihr Studium als Jazzsängerin finanziert. Wann sind Sie zuletzt aufgetreten?

Smith: Vor ein paar Monaten im Klub Joe's Pub in New York. Eine Freundin von mir ist Kabarettistin und hatte da eine Show. Ich sang Frank Sinatras The Lady Is a Tramp. Das machte Spaß, aber mir wurde wieder klar, weshalb ich mich gegen eine Karriere auf der Bühne entschieden habe. Ich hielt die ganze Zeit die Augen geschlossen.

STANDARD: Warum?

Smith: Ich habe Auftritte nie gemocht. Als Schriftstellerin kann man sich dem weitgehend entziehen, außer man befindet sich auf Lesetournee. Aber auch da fühlt man sich nicht ganz so verletzlich.

STANDARD: "Swing Time" ist Ihr fünfter Roman. Gleicht nicht jede Veröffentlichung einem Auftritt?

Smith: Das stimmt schon. Besonders wenn man so früh mit dem Schreiben begonnen hat wie ich und die Peinlichkeiten der letzten 20 Jahre wohldokumentiert in der Welt da draußen sind. Sich davor zu schützen, ist schwierig.

STANDARD: Bedauern Sie manches von dem, was Sie früher geschrieben haben?

Smith: Nein, aber ich ziehe es vor, mich mit der Gegenwart zu befassen. In dieser Hinsicht bin ich wie ein Goldfisch. Ich lebe im Jetzt.

STANDARD: In "Swing Time" erzählt die Mutter der namenlosen Icherzählerin einmal von einem afrikanischen Vogel, der im Gegensatz zu manchen Menschen über die Gabe verfügen soll, aus der Vergangenheit zu lernen. Die einzige Gabe der Protagonistin scheint jedoch darin zu bestehen, die Figuren um sie herum zu reflektieren. Was sind die Vorteile eines konturlosen Ichs?

Smith: Das müssen Sie meinen Psychiater fragen ... Nein, ich bin einfach die Literatur leid, in der sich alles um Persönlichkeit dreht. Heute muss überall und immer alles ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein. Ich bin so hübsch, ich bin so witzig, ich bin so interessant. Es ist eine Tyrannei, ständig interessant sein zu müssen. Ich bin nicht interessant und bemühe mich auch nicht darum, es zu sein. Denken Sie an Kafka ...

STANDARD: Aber über dessen Persönlichkeit sind doch ganze Bibliotheken geschrieben worden.

Smith: Dabei ist er die reinste Nichtperson. Lesen Sie seinen Brief an den Vater, und Sie treffen auf einen Menschen, der kaum existiert im Vergleich zu diesem Vater, der so gewaltig existiert. Manchmal kommt mir das Dasein wie ein Kampf zwischen solchen gewaltig existierenden Menschen und uns vor, dem Rest, der bloß zu überleben versucht. In einer Zeit der Extreme wirkt diese Art der Kaum-Existenz auf mich sehr human. Außerdem neige ich zur existenzialistischen Vorstellung von Identität als einer Folge von Handlungen, nicht als einer Folge von Darbietungen. Die Frage lautete nicht: Was für eine Person ist sie? Sondern: Was tut sie?

STANDARD: Ihre Icherzählerin ist von Frauen umgeben, die jede Menge tun. Allen voran ihre Chefin, der Popstar Aimee, die auffällige Ähnlichkeiten mit Madonna aufweist. Wie geriet dieser Promi-Verschnitt in Ihren Roman?

Smith: Ich bin seit meiner Kindheit ein riesiger Fan von Madonna. Zum ersten Mal hörte ich sie am Geburtstag einer Freundin, als ich etwa neun Jahre alt war. Wir spielten in einem alten Swimmingpool, und plötzlich erklang Like a Virgin. Die anwesenden Eltern waren schockiert. Aber bei uns Mädchen schlug diese Frau ein wie ein Komet. Was ich damals unbewusst begriff, fasziniert mich noch heute: Madonna verfügt über einen eisernen Willen. Keine Drogen, kein Alkohol, keine persönlichen Katastrophen. Und: Sie war die erste Frau, für die ganze Heere halbnackter Männer im Hintergrund tanzten wie Idioten. Bis dahin war es immer umgekehrt. Aber bei Madonna verwandelten sich Männer in Spielzeug.

STANDARD: Was gefällt Ihnen an der Vorstellung von Männern als Spielzeug?

Smith: Mich beeindruckt die Macht, die Madonna verkörpert. Über jeden anderen Popstar habe ich Jungs und Männer sagen hören: Ah, die würde ich gerne ficken, ich würde dies und das mit ihr anstellen. Nicht bei Madonna. Wenn du Glück hast, wird sie dies und das mit dir anstellen, aber du ganz bestimmt nichts mit ihr.

STANDARD: Bisher standen im Zentrum Ihrer Romane immer Freundschaften, wenn auch oft prekäre. Weshalb schreiben Sie keine Liebesromane?

Smith: Liebesromane haben mich nie interessiert. Für diese ganze literarische Gattung fehlen mir sowohl das Verständnis als auch die Geduld. Zum Glück. Ich kenne viele Frauen, die wegen solcher Romane eine völlig absurde Vorstellung davon haben, wie sich Liebe anfühlen sollte, und die deshalb fürchterlich leiden. Beziehungen werden kompliziert, sobald die romantische Liebe mit ins Spiel kommt. Liebe endet oft in einem völlig unromantischen Tauschgeschäft.

STANDARD: Und Freundschaften?

Smith: Freundschaften können über eine Reinheit verfügen, die allen anderen Beziehungen fehlt. Freundschaften formen unser Leben. Mein Mann ist auf dem Land aufgewachsen. Da waren Familien wichtiger als Freunde. Ich liebe meine Familie, aber als Stadtkind hatte ich mit elf einen Pass für Bus und Subway und kehrte nur nach Hause zurück, wenn ich musste. Meine Freunde bedeuteten mir viel mehr. Außerdem ist mir unbegreiflich, wie Leute sich in einer Bar kennenlernen, sechs Monate lang miteinander ausgehen und dann im Glauben heiraten können, diese Verbindung würde für die nächsten 40 Jahre halten. Ich lese gerade den Roman einer italienischen Freundin, Elena Stancanelli. Er heißt Die nackte Frau, und alles dreht sich darin um Liebesaffären und Desaster.

STANDARD: Sagten Sie nicht, für diese Art von Literatur fehle Ihnen die Geduld?

Smith: Das Konzept finde ich durchaus interessant. Mir kommt es vor, als würde ich Science-Fiction lesen. Ich sehe, dass das Drama der Liebe für andere ganz entscheidend ist, aber ich kann es nicht nachvollziehen. In meinem Leben halte ich die Dramen lieber in Grenzen. Ich will mich aufs Schreiben konzentrieren. Dazu sind Disziplin und vernünftiges Zeitmanagement nötig.

STANDARD: Wie kommen Sie mit der Zeit fürs Schreiben zurecht, seit Sie Kinder haben?

Smith: Das ist manchmal schwierig. Aber dasselbe gilt für Leute mit Hunden. Früher hatte ich weder für Kinder noch für Hunde etwas übrig. Jetzt habe ich beides und kann mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Da bringt man Opfer. Diese Art von radikaler Empathie vergeht aber wieder. Mein Hund ist alt und wird bald sterben. Wenn ich mir lange keinen neuen anschaffe, will ich vielleicht auch nicht mehr jeden Hund streicheln, dem ich begegne. Genauso haben die älteren Frauen in meiner Verwandtschaft nach einer Stunde von Kleinkindern genug. Ich dagegen möchte noch immer jedes Baby in den Arm nehmen.

STANDARD: Ihre Kinder sind vier und sieben. Fühlen Sie sich durch sie an die eigene Kindheit erinnert?

Smith: Nein. Zum einen, weil sie in einer Mittelschichtfamilie und mit genügend Geld aufwachsen. Allein deshalb führen sie ein anderes Leben als ich damals. Zum anderen sind meine Kinder weiß, und ich bin schwarz. Ich kann mich gar nicht mit ihnen verwechseln. Und das ist gut so. Ich ziehe die Unterschiede zwischen ihnen und mir den Ähnlichkeiten vor.

STANDARD: Weshalb?

Smith: Diese Unterschiede bestehen in jeder Familie. Kinder sind immer anders als ihre Eltern. Aber wenn alle sich ähnlich sehen, neigt man dazu, das zu vergessen. In meiner Familie ist die Sache klar: Mein Vater ist weiß, meine Mutter schwarz, mein Mann ist weiß, meine Kinder sind, was immer die Leute meinen, aber bestimmt nicht wie ich. Sie sind von mir, haben aber ihr ganz und gar eigenes Wesen. Sich dessen bewusst zu sein, halte ich für wichtig.

STANDARD: Um Schwarz und Weiß und alles dazwischen geht es auch in "Swing Time". Aimee lässt eine Schule in Gambia bauen. Was hat es mit all den Reichen, Schönen und Weißen auf sich, die ausgerechnet in Afrika Gutes tun wollen?

Smith: Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Supermodels und Fußballstars dort inzwischen Projekte verfolgen. Madonna war nur eine von vielen. Ich will solche Anstrengungen keineswegs kritisieren. Allerdings glaube ich, dass es für Leute mit den entsprechenden Mitteln leichter ist, sich an einem fernen Ort für eine Sache zu engagieren als zu Hause. Sie fühlen sich wegen ihres Reichtums schuldig und wollen dafür Abbitte leisten. Würden sie sich um die Missstände in ihrem eigenen Land kümmern, wären sie damit sofort mitten in der Politik. In Afrika lässt es sich ganz unpolitisch wohltätig sein – obwohl Afrika natürlich enorm politisch ist. Aber eben nicht für wohlmeinende Menschen aus dem Ausland.

STANDARD: Fänden Sie es besser, wenn Madonna und ihresgleichen sich für Bildungsreformen in den USA einsetzen würden?

Smith: Ich will den Superreichen nicht vorschreiben, wie und wo sie ihre Dollars verteilen. Zu denken gibt mir vielmehr, dass sie inzwischen so superreich sind. Das ist der Aspekt, der mich schockiert. Dass es Leute gibt, deren Vermögen größer ist als das Bruttosozialeinkommen ganzer Nationen. Da existiert ein Klub von Sonnenkönigen, die die Welt nach ihrem Gutdünken umgestalten können, wenn ihnen danach ist. Sie sind niemandem Rechenschaft schuldig. Wie ist es so weit gekommen? Was bedeutet es, wenn eine Gesellschaft sich mehr und mehr darauf verlässt, dass Geldaristokraten Aufgaben übernehmen, für die eigentlich der Staat zuständig ist?

STANDARD: Haben Sie darauf eine Antwort?

Smith: Slavoj Zizek ...

STANDARD: ... der streitbare Philosoph und Kulturkritiker ...

Smith: Ich war gerade mit Zizek in Italien. Er sagt zwar, er sei kein Nihilist, doch ich halte ihn für ziemlich nihilistisch, jedenfalls was seine düsteren Prognosen betrifft. Ich bin keine Freundin apokalyptischer Visionen. Zizek hat natürlich recht, wenn er den Kapitalismus als vergiftetes System bezeichnet, aber mich interessieren solche Theorien nicht. Ich glaube, dass man mit langweiliger parlamentarischer Arbeit Missstände beheben kann. Man kann die Macht von Banken beschränken und die Bürger eines Landes angemessen besteuern. Das sind keine revolutionären Ideen, doch nur so lassen sich Monstrositäten wie das Feuer im Londoner Grenfell Tower verhindern.

STANDARD: Bei dem Hochhausbrand kamen im Juni über 79 Menschen ums Leben.

Smith: Zizek hätte sicher eine Lacan'sche Erklärung dafür, aber damit ist niemandem geholfen. Ich bin in einem solchen Sozialbau aufgewachsen. Meine Mutter, meine Brüder, meine Freunde sind zum Grenfell Tower geeilt, um zu helfen. Die Regierung war nicht einmal in der Lage, die Notrufeinsätze zu koordinieren. Normale Bürger können einander in Krisensituationen unterstützen, aber sie können nicht dafür sorgen, dass 30-stöckige Gebäude über ausreichenden Brandschutz verfügen. Dafür sind Behörden zuständig.

STANDARD: Wie bringt man Behörden dazu, ihre Aufgaben zu erfüllen?

Smith: Ich glaube daran, dass Aktivisten, Anwälte und einsichtige Politiker solche Zustände verbessern können. Es kann nicht sein, dass öffentliche Verantwortung an private Unternehmen delegiert wird, selbst wenn es sich dabei um Nonprofitunternehmen mit den besten Absichten handelt. Schon drei amerikanische Milliardäre könnten das Gesundheitswesen Deutschlands finanzieren. Aber dazu darf es nicht kommen.

STANDARD: In den USA sind Rasse und Klasse enger und offensichtlicher miteinander verknüpft als in den meisten anderen westlichen Nationen. Ta-Nehisi Coates hat in seinem Bestseller "Zwischen mir und der Welt" argumentiert, dass sich dadurch auch der Wert ändert, der einem Menschen beigemessen wird. Was halten Sie vom Begriff des "bedrohten Körpers des Schwarzen", den Coates geprägt hat?

Smith: Ich schätze Ta-Nehisi sehr, aber ich brauche keine Bücher zu lesen, um die Realität zu erkennen, in der ich lebe. Erst gestern saß ich im Taxi eines Fahrers aus Trinidad. Der erzählte mir, als sei es das Natürlichste der Welt, dass sein 19-jähriger Schwiegersohn soeben zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Ich fragte warum. Der Fahrer antwortete: Er hat den Fehler begangen, einen Weißen zu töten. So sieht es aus: Ein Schwarzer, der einen Weißen tötet, landet für den Rest seines Lebens im Gefängnis. Tötet ein Weißer einen Schwarzen, ist es ein Wunder, wenn er überhaupt verurteilt wird. Im Wissen darüber, dass ihr Körper weniger wert ist als der eines Weißen, wachsen Schwarze in diesem Land auf. Es beeinflusst, wie sie sich in der Öffentlichkeit und Autoritätspersonen gegenüber verhalten. Es beeinflusst die Erwartungen, die sie ans Leben stellen.

STANDARD: Sind die Verhältnisse in England anders?

Smith: Ja. Dort werden Körper vor dem Gesetz nicht derart ungleich behandelt. Nicht im selben Ausmaß. Auch meine Brüder, die viel dunkler sind als ich, wurden schon grundlos von der Polizei angehalten. Aber im Gegensatz zu den USA ist der Rassismus in Großbritannien nicht durch und durch systemimmanent.

STANDARD: Wenn Körper schwarzer Männer derart bedroht sind, wie bedroht sind dann die Körper schwarzer Frauen?

Smith: Haben Sie das Video von Sandra Bland gesehen?

STANDARD: Die 28-Jährige wurde vor zwei Jahren wegen eines Verkehrsverstoßes von einem Polizisten in Texas angehalten, verhaftet und 48 Stunden später erhängt in ihrer Gefängniszelle aufgefunden.

Smith: Das Video vom diesem Aufeinandertreffen zeigt, wie viel Geschichte im Verhalten der beiden steckt. Der weiße Polizist spricht Sandra Bland nicht als Frau an, sondern wie ein leichtes Mädchen, das herumgeschubst werden kann. Sie wiederum reagiert darauf automatisch aggressiv, im Stil von: Leg dich nicht mit mir an, Motherfucker. Dieses Verhalten ist so typisch für den Umgang weißer Männer mit schwarzen Frauen – und den von schwarzen Frauen mit weißen Männern. Beide Seiten halten sich unbewusst an immer gleiche Muster. In diesem Fall eskalierte die Situation. Die Schriftstellerin Zora Neale Hurston hat einmal gesagt, als schwarze Frau sei man das Maultier in diesem Land.

STANDARD: Wie erklären Sie dann die kultartige Verehrung, die jemandem wie Beyoncé entgegengebracht wird?

Smith: Die wirkt fast pervers, nicht wahr? Ich glaube allerdings, dass die Vergötterung und die Verachtung von Frauen Hand in Hand gehen und kulturübergreifend sind. Denken Sie an Indira Gandhi. Sie wird in Indien verehrt wie eine Gottheit, dennoch fallen jedes Jahr Tausende von indischen Frauen sogenannten Ehrenmorden zum Opfer. Oder nehmen Sie die Jungfrau Maria. Sie ist auf der Flucht, hat nichts als die Kleider an ihrem Leib und ein Baby im Bauch. Dafür bekommt sie einen Heiligenschein. Ein paar wenige der Niedrigsten unter den Niedrigen schaffen es manchmal in ungeahnte Höhen. Am Leben der Massen, die unten bleiben, ändert sich dadurch nichts.

STANDARD: Die Icherzählerin in "Swing Time" bekommt schon früh zu hören, dass auf den Körper kein Verlass ist und in dieser Welt nur das geschriebene Wort etwas zählt. Sind Sie als Schriftstellerin ähnlicher Ansicht?

Smith: Ich bin zum Glück in einem Haushalt ohne derlei Neurosen aufgewachsen. Dass man von Frauen heute praktisch erwartet, dass sie ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper haben, merkte ich erst, als ich in die Welt hinausging. Dabei war ich als Teenager ziemlich dick. Ich habe mich trotzdem amüsiert. Meine Mutter war nie schön, aber immer umwerfend. Vermutlich hatte ich deshalb nie das Bedürfnis, besonders feminin oder zerbrechlich zu wirken. Im Gegenteil. Schauen Sie sich Toni Morrison an ...

STANDARD: ... die Literaturnobelpreisträgerin ...

Smith: Wenn Toni Morrison einen Raum betritt, ziehen alle den Kopf ein vor lauter Respekt. Manche fürchten sich vor ihr.

STANDARD: Würden Sie den Leuten gern Angst einjagen?

Smith: Ein bisschen schon. Zu fragil wirkenden Frauen gesellt sich auf Partys sofort ein Mann, der sie stundenlang mit Geschwätz berieselt. Ich habe für Smalltalk nichts übrig und suche mir meine Gesprächspartner lieber selbst aus. Nicht dass es mir egal wäre, wie ich aussehe. Aber mein Hirn ist mir wichtiger. Solange mein Hirn funktioniert, bin ich frei. (Sacha Verna, Album, 19.8.2017)

Zadie Smith, geb. 1975, wuchs als Tochter einer Jamaikanerin und eines Engländers in London auf. Ihren ersten Roman "Zähne zeigen" beendete sie noch während ihres Literaturstudiums in Cambridge. Inzwischen gilt Smith als eine der profiliertesten Autorinnen ihrer Generation. Sie schreibt Kurzgeschichten und Essays, u. a. für den "New Yorker" und den "New York Review of Books", und unterrichtet seit 2010 kreatives Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Lyriker Nick Laird, und ihren beiden Kindern in New York City.

Sacha Verna ist in der Schweiz geboren und lebt seit 2001 als freie Kulturjournalistin in New York, wo sie Zadie Smith interviewt hat.