illustration: francesco cioccolella

Gesundheit: Wie gut geht es uns wirklich?

5. Oktober 2017, 09:00

Weichen für die Gesundheit werden in vielen Bereichen der Politik gestellt. Deshalb wäre Health in all Policies eine Strategie, die das Leben insgesamt besser machen würde

Manchmal geht es darum, das ganz große Bild vor Augen zu haben. "Big picture" nennt es der Brite Aaron Reeves, der an der London School of Economics die Zusammenhänge zwischen der wirtschaftlichen Situation eines Landes und den Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung erforscht.

Es ist keine leichte Aufgabe, weil die Einflüsse auf den einzelnen Menschen vielfältig sind. Deshalb braucht er viel Hirnschmalz, um aus vorhandenem Datenmaterial einen validen Fokus zu finden, damit aus Zahlen klare Aussagen werden. Denn nur exakte Daten können Grundlage für Entscheidungen sein. Reeves versucht, die Folgen von wirtschaftlichen Entwicklungen auf die Gesellschaft auf den Boden zu bringen.

Zusammenhänge erforschen

So hat er zum Beispiel untersucht, welche Auswirkungen der Beitritt Vietnams zur World Trade Organization im Jahre 2007 hatte. Bis dahin war es ausländischen Unternehmen verboten, im Land zu investieren. Als diese Bestimmungen fielen, kamen plötzlich Firmen ins Land, die "sugar-sweetened carbonated beverages", also zuckerhaltige Getränke mit Kohlensäure, im ganzen Land vermarkten durften.

Der Konsum dieser Getränke, die nachweislich das Risiko für Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen, stieg um jährlich 12,1 Prozent. Bis die gesundheitlichen Folgen für die Menschen durch die steigenden Krankenzahlen statistisch manifest werden, wird es noch dauern. Doch genau um solche Zusammenhänge geht es dem englischen Soziologen.

Was haben Einkommen und psychische Verfasstheit miteinander zu tun? Wie wirkte sich die Immobilienkrise 2008 auf die Menschen aus? Wann steigen Abtreibungsraten? Warum trinken und rauchen Menschen? Warum werden sie immer dicker?

System, nicht Schicksal

Was Reeves und seine Kollegen auf dem Gebiet der Public-Health-Forschung zeigen: Nicht das Individuum allein bestimmt seine Situation, mindestens genauso entscheidend sind die äußeren Rahmenbedingungen für die Gesundheit eines Kollektivs und jedes Einzelnen. Frei nach: Zuerst muss es dickmachende Lebensmittel im Überfluss geben, erst dann können sie gegessen werden.

"Wenn es Radwege gibt, fahren die Menschen Rad, wenn sie Rad fahren, bewegen sie sich, und Bewegung ist gesund", skizziert Thomas Lackinger, Public-Health-Experte bei der Sportunion Österreich, die kausale Kette einer an sich logischen Dynamik.

Die Crux an der Sache: Ob Radwege gebaut werden, entscheidet niemals das Gesundheitsministerium. "Wir müssen davon wegkommen, Gesundheit als das Gegenteil von Krankheit zu betrachten, diese Polarität hat sich längst überholt, die Übergänge sind fließend", so Lackinger.

Konzept für politische Entscheidungsfindungen

Um diese Vernetztheit des Lebens zumindest mit einem Begriff beschreibbar zu machen, hat sich der Ausdruck "Health in all Policies" (HiAP) immer stärker etabliert. Was zu Deutsch "Gesundheit in allen Politikbereichen" bedeutet, ist ein Konzept für politische Entscheidungsfindungen, in dem Sektoren wie Transport, Landwirtschaft, Wohnen, öffentliche Sicherheit und Bildung direkter miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Gemeinsames Ziel ist die Gesundheit und das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger eines Landes. Ziel dabei ist vor allem auch die Gesundheitsförderung, so wie sie im Jahre 1986 von der WHO in der Ottawa-Charta festgeschrieben wurde. Darin geht es um ganz Grundsätzliches.

Friede, ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Einkommen und Bildung sind die wichtigsten Faktoren: "Wenn Krieg herrscht, denken die Menschen nicht nach, ob sie gesund leben", bringt es Lackinger sehr plastisch auf den Punkt. Auch die Umweltbedingungen und soziale Gerechtigkeit sind Voraussetzungen.

"Wie sich Armut auswirkt und anfühlt, können sich Menschen mit hohem Einkommen und einem sicheren Job oft gar nicht vorstellen", umreißt Lackinger ein Grundproblem.

Nachhaltigkeit

Eine Weiterentwicklung der Ottawa-Charta war die Vienna Declaration 1993. "Es geht um Menschenrechte", betont Lackinger. Die große Schwierigkeit in Public-Health-Fragen sei es letztlich, aus bestehendem Wissen Programme abzuleiten, die die Situation nachhaltig zum Besseren verändern.

"Wir wissen, dass Bewegung gesund ist, wie wissen aber nicht, wie wir es schaffen, diejenigen Menschen, die sich gar nicht bewegen, zur Bewegung zu motivieren. Das sei die wahre Herausforderung. In England, so Lackinger, habe man die Fußballleidenschaft zum Vehikel gemacht und übergewichtigen Männern die Chance gegeben, in Proficlubs unter Anleitung von professionellen Trainern zu trainieren, dadurch haben sie tatsächlich abgenommen.

Der HiAP-Gedanke ist auch die Grundlage für die zehn "Gesundheitsziele Österreich", die von insgesamt 40 Institutionen erarbeitet und 2012 von der Bundesgesundheitskommission und dem Ministerrat verabschiedet wurden. Derzeit werden in Arbeitsgruppen konkrete Maßnahmenpakete und Strategiekonzepte erstellt.

HiAP-Vorbildländer sind laut Lackinger Dänemark ("die setzen die tägliche Turnstunde um"), Finnland ("haben 900 Mitarbeiter in der staatlichen Gesundheitsförderung") und Australien ("nutzen Leistungssport, um Breitensport zu fördern").

Gemeinsame Anstrengung

"Wichtig ist das politische Bewusstsein, Gesundheit ist kein Silo", sagt Karin Kadenbach, seit 2009 für die SPÖ im Europäischen Parlament und Mitglied im Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Sie sieht es als positives Zeichen, dass die Kommissäre anderer Fachbereiche die in Artikel 168 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU festgehaltene Gesundheitsförderung auch aktiv in ihren Argumentationen einbringen.

Ein krasses Beispiel für alle war die Wirtschaftskrise in Griechenland, "innerhalb von nur drei Jahren hatte sich die Zahl der psychisch Kranken dramatisch erhöht, die Säuglingssterblichkeit stieg, und die Zahl der Suizide wuchs an", so Kadenbach.

Health in all Policies kann, so Kadenbach, allein schon durch die wirtschaftliche Vernetzung keine nationale Angelegenheit sein. Sie nennt Regulatorien bei chemischen Stoffen und die Antibiotika-Resistenz als wichtige Themen, die in der EU nur in gemeinsamer Anstrengung zu bewältigen sein werden. (Karin Pollack, CURE, 5.10.2017)