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Bei der Stange bleiben: Muskeltraining auf Asphalt

1. Oktober 2017, 10:55

Laufen, heben, schwitzen und schwatzen: Der Wunsch, fit zu sein, treibt viele an. Trainiert wird in Fitnessstudios und an vielen öffentlichen Plätzen. STANDARD-Autor Manfred Rebhandl hat sich auf sportliche Spurensuche begeben

Als die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel ihr zweites Buch Fitness nannte, war das als Persiflage auf einen inszenierten Körperkult gedacht. Sie setzte sich als kettenrauchendes und dauerbesoffenes Pummelchen in Opposition zu einem insgesamt gesunden Leben, das dann automatisch auch erfolgreich sein würde.

So jedenfalls die Versprechungen der Influencerinnen und Youtube-Girls, die im Internet ihre makellosen Körper zeigen. Selbst Frauen, die auf die 50 zugehen, scheuen sich heute nicht, ihre Dating-App-Profile mit Bikinifotos aufzupeppen oder hunderte Fotos von sich auf Instagram zu zeigen: in engen Shorts, beim Climbing, beim Crossen, beim Schwitzen.

Diese Form der Selbstdarstellung scheint notwendig, um auf dem Markt der Erotik und Partnersuche überhaupt noch eine Chance zu haben.

Riesenindustrie

Auch Männer tragen in solchen Foren ihre gestählte Brust zur Schau, neuerdings sogar gewaxt. Sie machen dann Liegestütze mit Lastwagenreifen hinten drauf, und ein gewisser Helmut Strebel reklamiert auf Youtube "Lowest bodyfat ever in a human being – zwei Prozent!" für sich. Sein Anblick erinnert dabei aber schon mehr an die Körperwelten des Gunther von Hagens, der dort Leichen ohne Haut ausstellt, man sieht jede Faser seines Muskelgewebes.

"How to get in shape" heißen solche Clips, "Workout fitness routine" oder "So fit wirst du in 30 Tagen – Selbstexperiment!" Die, die das machen, haben "Skills", von denen Normalsterbliche nur träumen können, und eine Riesenindustrie verdient am Wunsch nach perfektem Aussehen Milliarden.

"Viele Chips aus den Dosen"

Vergleichsweise entspannt geht es im Vogelweidpark im 15. Bezirk in Wien zu, dem Vorzimmer der Lugner City. Der Park ist ein Sammelpunkt der sogenannten prekär Lebenden, der Flüchtlinge, der Trinker, derer, die keine große Wohnung mit Dachterrasse haben.

Mina, 19-jährige gebürtige Afghanin, und Tiba, 14-jährige gebürtige Irakerin, sind an diesem Vormittag seit sechs Uhr auf den Laufbeinen. Sie tragen Kopftuch und Sportkleidung und arbeiten sich so gerade an Station zwei einer Free-Gym-Anlage ab, die Beine tun ihnen weh. Vorher waren sie bereits laufen, nun machen sie noch Zirkel.

Westliche Musik läuft aus Minas Handy, "Eins! Zwei! Drei!", zählen sie ihre Übungen mit. "Wir wollen es für uns tun", nennen die beiden überraschend selbstbewusst einen modernen westlichen Grund für ihre Anstrengungen. "Der Körper fühlt sich einfach besser an, und man ist gut drauf", sagt Tiba. Die Ernährung zu Hause wäre nämlich, na ja ... "Viele Chips aus den Dosen, das ist schon ein Problem."

Im öffentlichen Raum

Free Gym war eine Idee des österreichischen Kaufmanns Erwin Fried (51), der zehn Jahre seines Lebens an New Yorks Upper East Side verbrachte, wo das Leben mit drei Kindern aber "finanziell sehr aufwendig wurde", also ging er zurück nach Wien. Das Geschäft, das er dort betrieb, ließ sich nicht hierher transferieren, daher gründet er vor sechs Jahren diese Firma.

Zusammen mit einem Partner bietet er öffentlichen Einrichtungen ihre Idee der Fitness im öffentlichen Raum an, Käufer der mittlerweile 28 Anlagen in Wien ist jeweils die MA 42, das Stadtgartenamt. In anderen Städten sah der Weitgereiste, der selbst ein Fitnessmuffel ist und höchstens mal Rad fährt, "alle 500 Meter öffentliche Fitnessparks, die gut frequentiert waren". Der entscheidende Vorteil: "Man muss sich nicht umziehen. Die Hemmschwelle ist gering. Es lacht einen keiner aus, wenn man sich dort draufsetzt. Denn man kann auch mal so tun, als mache man nur ein Päuschen. Und es ist gratis."

Warum ist niemand vor ihm darauf gekommen? "Niemand verlangt ein dreieckiges Ei, wenn er es nicht gesehen hat. Man muss es den Leuten zeigen", erklärt Fried. Als es in die Planung ging, sagte ihm Paul Haber, Sport und Leistungsmediziner am AKH: "Sie brauchen gar keine Studien, um den Nutzen zu belegen. Alles, was dazu beiträgt, dass die Leute sich bewegen, nützt der Volksgesundheit." Und auch den angespannten Gesundheitsbudgets.

Noch lange keine Marktsättigung

Eine Marktsättigung, ist Fried überzeugt, werde so bald nicht eintreten, im Gegenteil: Gerade erweitern sie das Segment in Richtung Barrierefreiheit und Crossfit-Anlagen. Die Geräte entsprechen dabei den Anforderungen eines normalen Fitnessstudios, sie sind aus Stahl und pulverbeschichtet, halten hohe Beanspruchung sowie Wind und Wetter stand.

Was sie noch nie gehört haben von Politikern oder Gesundheitsmedizinern: das sonst übliche "Das brauchen wir nicht! Das bringt ja nichts. Das ist doch ein Blödsinn!". Was den Preis ihrer Anlagen angeht, hören sie hingegen immer den gleichen Satz: "Da schau her, das schreckt mich jetzt gar nicht!" Tatsächlich sind 25.000 bis 30.000 Euro für so eine Anlage eine Okkasion im Vergleich zu anderen Ausgaben, welche die öffentliche Hand tätigt.

Fitnessstudios und der Verdrängungswettbewerb

Über 1000 Fitnessstudios gibt es laut WKO in Österreich insgesamt, rund die Hälfte davon in Wien und Niederösterreich. Der Gesamtumsatz heimischer Fitnesscenter belief sich laut einer Analyse von Deloitte im Jahr 2015 auf rund 440 Millionen Euro, das Geld wird von 740.000 Mitgliedern in die Kassen gespült.

Klingt nach viel, obwohl die Österreicher im europäischen Vergleich hinterherhecheln, immerhin 68 Prozent haben laut einer Studie des Instituts für Freizeitforschung noch nie ein Fitnesscenter besucht. Der durchschnittliche Monatspreis für Mitgliedschaften ist in den letzten zwei Jahren um 15 Prozent gesunken und beträgt momentan circa 50 Euro.

Geiz ist eben immer noch geil, und so ist der Umsatz pro Fitnessgast zum fünften Mal in Folge auch wegen des Verdrängungswettbewerbs geschrumpft.

Moderner Zehnkampf

"Stronger, faster, better" lautet der Slogan beim Fitnessstudio Cross Zone, das sich über sieben Stadtbahnbögen im 19. Bezirk als Riesencenter einquartiert hat. "Crossfit", erklärt ein Trainer, sei "eine Art moderner Zehnkampf". Teils im Freien, teils indoor arbeiten die Teilnehmer der Turnstunde hier mit Kettlebells, Medizinbällen, Lang- oder Kurzhanteln an ihren Muskeln, machen dazwischen aber auch Gymnastik- oder Cardio-Einheiten. Für die nächste Stunde harten Zirkeltrainings steht heute mit Kreide an die Tafel geschrieben:

16 muscle up
7 Meter HS Walk (Handstand walk)
10 DL (Dead lifts = Langhantel heben)
7 Meter HS Walk
16 muscle up

Wer hier herkomme, sei schlicht gesundheitsbewusst, sagt der Trainer. Es kämen sehr gute Athleten, aber weniger die wirklichen Bodybuilder. Die olympische Gewichtheberin trainiere hier, aber auch Paula, eine 21-jährige Studentin mit beeindruckenden Schultern, die irgendwann an Wettbewerben teilnehmen möchte.

Ihnen allen steht ein riesiges "Rig" zur Verfügung, ein Gerüst, an dem man Hanteln oder Seile befestigen oder seine Klimmzüge machen kann. Solche Trainingsgeräte heißen im Internet auch "Barbarian Warrior Rig Package", und es gibt sie ab 7995 Pfund aufwärts.

Drei Marktpositionen

Ohne scharfes Leistungsprofil werde ein Fitnessanbieter vom Kunden gar nicht mehr wahrgenommen, heißt es bei der WKO. Dabei gebe es im Wesentlichen drei klar abgegrenzte Marktpositionen: All-in bietet den Gästen großflächige Multifunktionsstudios inklusive medizinischer und therapeutischer Beratung.

Dem gegenüber stünden die Fitness-Diskont-Anbieter, die in Österreich stark boomen. Dort erwartet die Besucher ein standardisiertes Trainingsangebot zu einem monatlichen Flat-Fee-Betrag, oft müsse sogar die Dusche extra bezahlt werden.

Der jüngste Trend würde von der stark wachsenden Gruppe von Fitnessstudiobetreibern getragen, die sich speziellen Kundengruppen verschrieben hätte. Senioren, aber auch Frauen zum Beispiel werden gezielt umworben. "Für Frauen hat der Besuch einer Fitnesseinrichtung auch eine soziale Komponente", weiß die WKO. Außerdem sei ihre Bereitschaft ausgeprägter, einmal etwas Neues zu wagen.

Women only

Davon profitieren auch die Studios von Mrs. Sporty, die schon mit ihrer Corporate-Identity-Farbe Pink allen klarmachen: Hier trainieren nur Frauen! 200.000 Mitglieder hätten sie zurzeit österreichweit, sagt Daca, Chefin der Filiale in der Hütteldorfer Straße in Wien-Fünfhaus, vor der bunte Luftballons hängen, die Jüngste hier sei 14 Jahre alt und komme wegen ihrer Wirbelsäulenprobleme ("Infolge verkürzter Bauchmuskeln!"), die Älteste sei 86.

Der Altersdurchschnitt liege bei 49, und Frauen aus 30 Nationen seien hier angemeldet. Komme eine Frau nicht mehr, werde sie angerufen oder erhalte ein Briefchen, in dem dann steht: Was ist los? Komm wieder!

Sommerfest oder das Feiern von Geburtstagen erzeugen ein Gemeinschaftsgefühl, das alle sehr schätzen. Daca gibt sogar Tipps zum gesunden Kochen zu Hause, kranke Mitglieder werden auch mal im Krankenhaus besucht "Es gibt keine Konkurrenz", nennt Daca einen weiteren Grund für den Erfolg der Kette, und das sei bei Anwesenheit von Männern schon anders. Männer müssten nämlich immer die Stärksten und Größten sein. Hier aber wirkten die anderen Frauen eher motivierend, im Sinne von: "Das muss ich auch noch zusammenbringen, was sie kann!"

Das Bäuchlein wird nicht weniger

Wichtig sei es, sich ein erreichbares Ziel zu stecken, sonst sei man schnell frustriert und höre bald wieder auf. Christine (60) ist wegen "Fatburning" hier. Sie hat schlanke Beine und ein Bäuchlein, das allerdings, wie sie zugibt, nicht weniger wird. Ihr Ziel ist aber genau das: keine Gewichtszunahme. Sie kommt dafür zwei- bis dreimal in der Woche hierher und macht nebenbei auch noch Zumba.

Nun nimmt sie ihre Mitgliedskarte und hält sie vor einen der sieben Monitore, die im Raum stehen – sofort erscheint ihr persönlicher virtueller Couch, der ihr das auf sie zugeschnittene Programm vormacht. Heute stärkt sie ihren Rumpf: "Ich will nicht mit 60 die Treppe hinunterfallen", sagt sie.

Rasanter Muskelabbau

Muskeln würden vor allem bei Frauen spätestens ab dem Wechsel rasant abbauen, eigentlich schon mit Ende 20, weiß Eliza, die Trainerin. Sie selbst ist 40 und sieht zehn Jahre jünger aus, einst war sie Leistungsturnerin in Rumänien, kam ein Jahr nach Nadia Comanecis famoser Stufenbarrenkür in Montreal 1976 auf die Welt.

Als Eliza nach Österreich kam, gab es hier nichts Vergleichbares, also ließ sie das Turnen bleiben und machte eine Kindergartenausbildung, später noch unzählige Fitnessausbildungen inklusive Hormongymnastik. Den Spagat schafft sie noch, aber den Flickflack mittlerweile leider nicht mehr.

Eine andere Christine und Lucinda nehmen zum Gespräch Platz, sie waren beide schon mal Miss Sporty des Monats, aber das ist lange her. "Was mir hier taugt, ist die Musik", sagt Christine, und Lucinda ergänzt: "Vormittags laufen immer Oldies but Goldies." Gerade ist "I'm just a gigolo" von Luis Prima zu hören. Kommen sie wegen der Figur hierher, wollen sie abnehmen? "Geh bitte, wegen wem denn? In unserem Alter!", lacht Christine, sie ist in ihren 60ern.

Biologisches und tatsächliches Alter

Lucinda (71) ist aus Connecticut gebürtig, sie wohnt fünf Minuten von hier und versorgt zu Hause ihren kranken Mann. Nach dem Frühstück geht sie wegen ihrer Osteoporose trainieren. "Der Mann ist dann froh, wenn ich weg bin", sagt sie. "Bei mir ist es umgekehrt", lacht Christine. Ihr Robert will gar nie ohne sie sein. Aber sie hatte schwere Bronchitis und ständigen Husten, und ihr Arzt empfahl ein Fitnessstudio und versprach ihr, dass sie mit Training ihr Leben "um zehn Jahre verlängern" würde.

Bis dahin hatte sie nichts gemacht außer zu Fuß gehen und das Kind großziehen. Nun geht sie jeden Montag, Mittwoch und Freitag hierher, jeweils ein Tag Pause dazwischen sei üblich, denn die Muskeln müssten sich auch erholen.

Lucinda weiß, dass ihr biologisches Alter um 15 Jahre unter ihrem tatsächlichen liegt und das von Christine um zehn. Unlängst belegte eine Studie, dass sogar die positive Selbsteinschätzung ("Ich bin fit!") lebensverlängernd wirke.

Christines Robert wartet schon draußen auf der Bank, eifersüchtig sei er zwar nicht, aber alleine lasse er sie trotzdem nicht gerne. Nach dem Training gibt es das tägliche große Essen um 15 Uhr, heute eine kalte Platte. Abends würden sie dann zusammen einen Liter Tee trinken. Nun wird sie noch ein bisschen Kraft trainieren, damit sie ihren Robert "auf Händen tragen kann".

In den Muckibuden

Würde Christine ihren Robert aber doch mal auf den Mond schießen wollen, dann müsste sie dafür anders trainieren – und sich vor allem anders ernähren. Sportnahrung ist ein immenser Markt. Was Bodybuilder zu sich nehmen, ist nicht immer ganz legal und eventuell auch nicht wirklich gesund. "Proteine", "Aminosäuren", "Weight Gainer Pump Booster" oder "Spezialprodukte" lauten die Kategorien, nach denen Muskelbesessene einkaufen.

Die Zufuhr von ein paar Bananen, die Sportler früher zu sich nahmen, kann nämlich nicht mehr helfen, den Trizeps oder Bizeps so zu formen, wie es der "Super Mass Gainer" oder der "Serious Mass Gainer" im 2,6-Liter-Kübel oder im 5,4-Kilo-Sackerl versprechen.

Auch Arnold Schwarzenegger mischt in diesem Markt mit, 171 Gramm seines "Revolutionary All-in-One Weight Gainers Arnold" gibt es um 39,90 Euro. Ohne die Steirische Eiche, die einst ausgezogen ist, um Hollywood und die Welt zu erobern, würde es die vielen aufgepumpten Kerle vielleicht gar nicht geben.

Sie träumen womöglich denselben Traum wie er, der gerade 70 geworden ist, dessen biologisches Alter aber mit Sicherheit noch ein paar Jahrzehnte unter dem von Lucinda und Christine liegt. (Manfred Rebhandl, CURE, 22.8.2017)