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Kanada: Kurioses aus dem zweitgrößten Land der Welt

25. August 2017, 06:00

Im zweitgrößten Land der Welt sind Schiffskollisionen per Gesetz unmöglich, Reiter bekommen leichter ein Hotelzimmer, und Cocktails werden mit dem Zeh getrunken

Landesnamen

Schön, wenn Missverständnisse zu Landesnamen führen – so geschehen im Fall von Kanada. Als sich der französische Entdecker Jacques Cartier 1534 anschickte, in die Neue Welt aufzubrechen, stieß er in Neufundland auf einen Ureinwohner. Der höfliche Mi’kmaq-Indianer wies ihm den Weg ins nächste Dorf – in seiner Sprache "Kanata" genannt.

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Cartier war so naiv zu glauben, es handle sich um den Namen des Landes und übernahm die Bezeichnung. Die Québecer scheinen ihm die Fehlleistung nicht übelzunehmen – der höchste Berg der Provinz und unzählige Straßen im frankofonen Teil Kanadas heißen Cartier. Peinlich für den Entdecker: Die Mi’kmaq wissen heute sehr wohl, dass sich diese Ortsnamen nicht von einem Schmuckhersteller ableiten.

Gesetze

Kanada ist berüchtigt für seine skurrilen Gesetze – und gar nicht wenige davon haben Relevanz für Reisende. Da die allermeisten mit dem Flugzeug kommen, sollten diese wissen: Fluggästen ist es per kanadischem Gesetz verboten, während des Fluges die Maschine zu verlassen. Machen es widrige Umstände dennoch zwingend erforderlich, ist dabei ein "lebenssicherndes Gerät" vorgeschrieben. Wer also ohne Fallschirm auf kanadischem Territorium aufschlägt, hat mit einer Verkehrsstrafe zu rechnen. Per Schiff Anreisende sind dagegen in kanadischen Hoheitsgewässern sogar gesetzlich vor Kollisionen geschützt. Besagt doch ein Bundesgesetz, dass "zwei verschiedene Schiffe nie zur selben Zeit dieselbe Position haben können".

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Wer mit dem Mietwagen bis zur Hudson Bay im hohen Norden weiterreist, merkt rasch, dass sich Kanadier nicht vor Autodiebstahl fürchten – aber vor Eisbären. In Churchill ist es gesetzlich verboten, sein Auto abzusperren, weil eine lokale Popu lation von 1200 Bären die Einwohner bedroht. Ein offener Wagen ist da oft der einzige Zufluchtsort. Autofahrer müssen sich auch darauf einstellen, dass in Teilen des Landes veränderliche Geschwindigkeits begrenzungen gelten. In manchen Kleinstädten in Alberta ist es Autofahrern nämlich verboten, schneller als ein Pferd oder eine Kutsche unterwegs zu sein. Sollte man da nicht besser gleich umsatteln?

Unbedingt, denn mit einem Pferd sind in Kanada auch Unterkunftsprobleme gelöst: Je nach Region sind Hotelbesitzer noch unter Androhung von Gefängnisstrafen dazu verpflichtet, einem Gast mit Pferd immer Unterkunft zu gewähren. Nur bezahlen sollten Reiter ihr Zimmer auch. Tun sie das nicht, haben Hoteliers in Ontario das Recht, das Pferd des Gastes zu verkaufen.

Höflichkeit

Die Höflichkeit der Kanadier ist für Ungeübte beinahe beängstigend. Das Wort "sorry" fällt praktisch in jeder Situation – wird jemand im Bus angerempelt, wird sich dieser jemand garantiert beim Aggressor dafür entschuldigen.

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Und weil Busfahren für Kanadier offensichtlich keine Selbstverständlichkeit ist, sagen sie stets beim Aussteigen laut und deutlich "Danke" zum Chauffeur.

Ahorn

Rund 35 Millionen Liter Ahornsirup (siehe Test) mit einem Gesamtwert von mehr als 300 Millionen Euro werden jährlich in Kanada produziert. Der Saft, der durch Anbohren des Stammes gewonnen wird, lässt sich nicht von jedem Ahornbaum gewinnen. Nur der Zucker-Ahorn und seltener der Schwarze Ahorn liefern den begehrten Rohstoff, doch diese Bäume wachsen in nur vier Regionen des Landes.

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Zuletzt bedrohte der Asiatische Laubholzbockkäfer Ahornbäume, was zu einer deutlichen Verknappung des Rohstoffes führte. Da verwundert es nicht, dass einer der spektakulärsten Diebstähle der kanadischen Geschichte Ahornsirup betrifft: 2012 zweigten Unbekannte 2,5 Millionen Liter um knapp 15 Millionen Euro ab. Bleibt zu hoffen, dass der symbolträchtige Baum nicht ganz verschwindet. Das weltbekannte Ahornblatt ziert erst seit 1965 die kanadische Flagge.

Erfindungen

Die Kanadier sind ein innovatives Völkchen – Reisende haben ihnen viele nützliche Dinge zu verdanken. So geht die Erfindung des Kerosins auf den kanadischen Arzt und Geologen Abraham Gesner zurück. Mitte des 19. Jahrhunderts experimentierte er in Nova Scotia mit Kohle und Erdöl, dabei entstand als Nebenprodukt Flugbenzin.

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Das erste für alle Schneebedingungen ausgelegte Schneemobil baute übrigens Joseph-Armand Bombardier aus Québec, er gründete später die gleichnamige Firma für Schienenfahrzeuge und Flugzeuge. Nur der "Kanadier", ein offenes Kanu, ist ziemlich sicher keine kanadische Innovation. Zwar nähten auch nordamerikanische Indianer solche Boote aus Birkenrinde, doch die ältesten Funde stammen vom Euphrat.

Essen & Trinken

Hummer haftet in Kanada nichts Luxuriöses an. Überschüsse wurden früher zum Düngen karger Böden verwendet, heute werden sie zerkleinert als Fastfood verfüttert. Die Québecer geben sich in vielen Belangen "französischer" als die Franzosen – außer in der Küche. Ausgerechnet sie sollen das kanadische Nationalgericht Poutine erfunden haben: mit Bratensaft gatschig gemachte Pommes frites, auf denen weicher Käse pickt.

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Auch bei der Trinkkultur sieht es nicht viel besser aus: Um in den exklusiven Sourtoe Cocktail Club aufgenommen zu werden, gilt es erst die Spezialität des Hauses zu leeren: einen Whiskeycocktail mit eingelegtem menschlichem Zeh. Derzeit besteht keine Gefahr, Mitglied zu werden – der Zeh wurde von einem Gast gestohlen.

Hausregeln

Klingt nicht logisch in einem Land, in dem schon minus 63 Grad Celsius gemessen wurden, ist aber unbedingt erwünscht: Schuhe ausziehen. Wie in den meisten Ländern Asiens lassen Eingeladene ihre Straßenschuhe vor der Haustür stehen – in Kanada gilt das manchmal sogar in Büros und Arztpraxen.

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Größe

Kanada ist nach Russland das flächenmäßig zweitgrößte Land der Welt. Zehn Prozent der Waldfläche unseres Planeten und zwanzig Prozent der globalen Trinkwasserreserven befinden sich dort. Wer meint, das riesige Land durchqueren zu müssen, kann das auf der längsten nationalen Autostraße der Welt tun. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h verbringt man auf dem 7.604 Kilometer langen Trans-Canada-Highway demnach knapp 80 Stunden.

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Geld

Die Kanadier haben ein eigenartiges Verhältnis zu ihrem Geld, dem Kanadischen Dollar: Das Fünf-Cent-Stück ehren sie mit einer neun Meter hohen, tonnenschweren Nachbildung in Ontario, während sie die Ein- und Zwei-Cent-Münzen als Wechselgeld ganz gestrichen haben. Preise sind in dem Land relativ, weil sie immer ohne – sehr unterschiedliche – Steuern ausgewiesen sind.

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In der ölreichen Provinz Alberta wird wie in allen Provinzen eine fünfprozentige Bundessteuer erhoben, aber keine Mehrwertsteuer, während die Prince-Edward-In sel zehn Prozent Provinzsteuer aufschlägt.

Politik

Justin Trudeau, der im Jahr 2012 gegen einen konservativen Senator im Boxring antrat, gewann nicht nur dieses Duell. Drei Jahre später verhalf er der Liberalen Partei Kanadas bei der Unterhauswahl 2015 zur absoluten Mehrheit. Kurz danach wurde der heute 45-Jährige Premierminister.

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Der bekennende Feminist und Bewunderer Fidel Castros setzt sich für eine vollständige Legalisierung von Cannabis ein und macht sich in der Klima- sowie der Flüchtlingspolitik stark. Innerhalb weniger Monate nahm Kanada 25.000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien auf und richtete dafür sogar Luftbrücken ein. Trudeau wird von der eigenen Partei als Rockstar gefeiert. Das US-Magazin Rolling Stone dürfte das übrigens ähnlich sehen – der kanadische Premier ziert das Cover der August-Ausgabe 2017. (Sascha Aumüller, Rondo, 25.8.2017)

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