Wie Werte die Wissenschaft prägen

Rezension |
24. September 2017, 14:17

Forschung strebt zwar nach objektiven Ergebnissen, ist aber von subjektiven Entscheidungen getrieben, wie ein neues Buch aufzeigt

Nikolai Iwanowitsch Wawilow leistete als hochangesehener russischer Botaniker und Genetiker im Russland der 1920er und 1930er Jahre wichtige Beiträge zur Pflanzenzucht und letztlich zur Frage, wie sein Land und die Welt ernährt werden kann. Doch schließlich fiel er aus politischen Gründen mit dem sowjetischen Regime in Ungnade und als er am 26. Januar 1943 im Alter von 55 Jahren im Gefängnis von Saratow starb, war es vermutlich durch Hunger.

Es ist dieses tragische Schicksal eines Forschers, das der US-amerikanische Wissenschaftsphilosoph Kevin C. Elliott als Einstieg in sein kürzlich erschienenes Buch "A Tapestry of Values – An Introduction to Values in Science" wählt, um aufzuzeigen, auf welch vielfältige Weise Werte die Wissenschaft prägen. Im Fall von Wawilow handelt sich um einen Werte-basierten Eingriff in die Wissenschaft, der im Wissenschaftsverständnis der westlichen Welt heute überwiegend negativ angesehen wird. Doch wie auch Elliotts Arbeit zeigt, sind Werte in der Wissenschaft nicht nur abzulehnen, sondern leisten mitunter wichtige Dienste – um Forschungsprioritäten festzusetzen und sich auf ethische Maßstäbe in der Forschungspraxis zu einigen.

Zwei Lücken

Kevin Elliott hat in der bestehenden Literatur zu Werten in der Wissenschaftsforschung zwei Lücken identifiziert, die er mit seinem Buch zu schließen versucht: Einerseits werde zwar häufig betont, dass die Wissenschaft von Werten bestimmt ist, doch die Analyse gehe selten tiefer als diese allgemeine Bestandsaufnahme. Genau das gelingt Elliott über weite Strecken durchaus überzeugend. Andererseits würde die bisherige Literatur die Rolle von Werten in der Wissenschaft allgemein betonen, ohne aber zu analysieren, in welchen Fällen dies gut, in welchen abzulehnen ist.

Elliott bietet zu dieser Frage einen differenzierten Zugang und deckt mit seiner Analyse fünf verschiedene Bereiche ab, wie Wissenschaft von Werten beeinflusst wird: erstens die Entscheidung, welche Themen beforscht werden, zweitens die Art und Weise wie bestimmte Themen erforscht werden, drittens die Ziele bestimmter Forschungstätigkeiten, viertens die Art und Weise, wie Wissenschafter mit Unsicherheiten umgehen und fünftens die Sprache, mit der die Resultate beschrieben werden.

Transparenz und Partizipation

So tiefreichend und überzeugend sich Elliotts Analysen über weite Strecken lesen, so banal wirken dagegen an einigen Stellen seine Schlussfolgerungen: Er tritt zwar nicht dafür ein, zu versuchen, Werte aus der Wissenschaft vollkommen zu verbanden. Er plädiert dagegen für mehr Transparenz im Umgang mit Daten, Methoden, Modellen und Annahmen, damit der Einfluss von Werten geprüft werden kann. Weiters sollten Wissenschafter und politische Entscheidungsträger seiner Meinung nach anstreben, Werte miteinzubeziehen, die repräsentativ für wichtige soziale und ethische Prioritäten sind. Außerdem fordert Elliott, dass passende Formen der Partizipation an Wissenschaft gefördert werden, damit die relevanten Entscheidungsträger dazu beitragen können, werte-basierte Einflüsse zu identifizieren und zu reflektieren.

Ob im Falle von Wawilow tatsächlich mehr Transparenz im Umgang mit Werten oder Partizipation der Öffentlichkeit die massive politisch Einflussnahme letztlich unterbunden hätten, darf freilich bezweifelt werden. (Tanja Traxler, 23.9.2017)