Foto: Jens Ziehe

"Tidalectics": Wenn einer eine Reise tut, könnte er was erzählen

24. August 2017, 09:00

Die letzte Ausstellung der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary im Wiener Augarten zielt auf ein relevantes Thema – unsere Beziehung zum Meer –, bleibt am Ende aber ziemlich seicht

Wien – Gar bezaubernde Fantasien über Erkundungen der Ferne, wie Forscher vergangener Zeiten sie unternahmen, können einen im Ausstellungsraum der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) im Augarten ereilen. Die aktuelle Schau der Kunststiftung von Francesca Habsburg – und die letzte an diesem Ort – beruht auf Reisen, die Künstler und Wissenschafter auf einem Forschungsschiff namens Dardanella unternahmen. In pazifische Regionen ging es, aber auch gen Island, Nordamerika oder Karibik.

Hinter dem Unterfangen steht die 2011 gegründete "TBA21-Academy", ihm zugrunde lag der Anspruch, "soziale, ökologische und wirtschaftliche" Fragen zu bearbeiten, die sich mit den Ozeanen verbinden. Dem künstlerischen Part des Großprojekts widmet sich nun die Ausstellung Tidalectics, die nach einem Begriff des aus Barbados stammenden Poeten und Historikers Kamau Brathwaite benannt ist. Sie will die "Welt aus der Perspektive der Meere" betrachten, um "alternative Formen der Auseinandersetzung mit ozeanischen Lebensräumen" zu finden. So weit, so Katalogtext.

Seichte Kunsterlebnisse

Man stellt sich nun vor, dass die Expeditionen den Künstlern sicherlich spannende Erkenntnisse und (hoffentlich) Freude bereiteten. Und gewiss ist es ehrenwert und hochrelevant, ökologische Probleme in den Blick zu nehmen, ebenso wie das Reflektieren über die Verschmelzung der Kulturen. Allein: Die Kunsterlebnisse, mit denen wir Landeier im Augarten nun einer "im Festland verankerten Denk- und Seinsweise" enthoben werden sollen, bleiben bei aller tiefschürfenden Recherche, jenseits der Konzepte, seicht.

Nehmen wir eine Installation Em'kal Eyongakpas, einen raumgreifenden Bretterboden, der dank hydraulischer Stützen sanft schwankt, wenn Besucher ihn betreten. Es soll hier "der Boden unter unseren Füßen ins Wanken gebracht werden", auch, damit wir zu neue Perspektiven auf ein von der Decke hängendes Geflecht aus Netzen und Treibgut bzw. Plastikmüll finden. Und ja, gewiss kann einen ein leichtes Schwindelgefühl im Kunstraum über alles Mögliche nachdenken lassen, auch über die Verschmutzung der Meere. Letztlich ist der Erkenntnisgewinn durch diese Installation – auf einer rein sinnlichen Ebene, abseits der Entstehungsgeschichte – aber enden wollend.

Mit Kreol- und Pidginsprachen sowie den Tauschsystemen fremder Kulturen befasste sich Newell Harry. Nun zeigt er etwa einen Tisch mit allerhand auf Reisen gefundenen Gegenständen. Die sind schön anzuschauen, ebenso wie die tongaischen Stoffe, auf die er Anagrammgedichte druckte, also solche, die durchs Vertauschen (!) von Buchstaben eines Wortes entstehen. Am Ende fühlt man sich dann aber doch im Hintertreffen gegenüber dem Künstler: Wie gerne käme man näher an seine Beschäftigung mit zweifellos spannenden Topoi heran.

Was man der Ausstellung zugutehalten kann, ist, dass sie letztlich mehr ist als die Summe ihrer Teile. Die großzügige Einbindung von Anschauungsmaterial, seien es dokumentarische Landschaftsaufnahmen, Bilder, die das Leben in einer pazifischen Bucht zeigen oder ein Tank voller (echter) Quallen, stiftet eine verführerische, weltentrückte Atmosphäre. Besonders gelungen, ja zum Darin-Versinken, ist in dieser Hinsicht ein Video Julian Charrières, das in aller schönen, schrecklichen Beruhigtheit eine Unterwasserarchitektur erkundet, in der Atomwaffentests stattfanden.

Angenehm verschwommen

Sofern ein verschwommenes Gefühl für eine Sache und Andeutungen das sind, was man sich von forschenden Künstlern erwartet, ist man im Augarten gut aufgehoben. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man sich hier – wie in so manch anderer Schau der "künstlerischen Forschung" zuvor – irgendwann wünscht, man bekäme statt poetisch-verschwurbelter Artefakte einfach eine solide Dokumentation der Recherche serviert. Das Thema von Tidalectics, so viel spürt man ja, müsste doch einiges hergeben.

Unbenommen bleibt es einem freilich, selbst weiterzurecherchieren – und zum Beispiel Italo Calvinos Erzählung Das Blut, das Meer zu lesen. Ausgehend von einer wissenschaftlichen Vermutung, wonach die Konsistenz menschlichen Blutes weitgehend identisch mit der von Meerwasser sei, entfaltet Calvino eine Liebesgeschichte rund um unsere evolutionäre Verwandtschaft mit den Ozeanen. Es kann dann allerdings passieren, dass einen diese Erzählung doch nachhaltiger beeindruckt als jene hübschen, Wissenschaft und Poesie vermengenden Zeichnungen, für die sich Janaina Tschäpe und David Gruber Calvinos Titel entlehnten. (Roman Gerold, 24.8.2017)

TBA21-Augarten, bis 19.11.