"Dark Knowledge" wächst: Immer mehr Wissen wird unzugänglich

25. August 2017, 16:38

FWF-Präsident Tockner ortet "massiven Umbruch im gesamten Wissenschaftsbereich"

Alpbach – Einen "massiven Umbruch im gesamten Wissenschaftsbereich" ortet FWF-Präsident Klement Tockner. Ein Indiz dafür sei die zunehmende private Finanzierung von Forschung. Das habe einen immer größeren Anteil an nicht zugänglichem Wissen, sogenannter "dark knowledge", zur Folge. Diesem Thema widmete sich ein von Tockner geleiteter Arbeitskreis bei den Alpbacher Technologiegesprächen.

Wachsende Kluft

"Wir haben einen unglaublichen Anstieg an Daten und Information", verweist Tockner auf jährlich 2,5 Millionen Publikationen in rund 35.000 begutachteten Fachjournalen. Doch das öffentlich verfügbare Wissen bleibe relativ gleich, zudem gebe es Evidenz dafür, dass das Allgemeinwissen vieler Menschen abnehme und sich Wissen bei weniger Personen stärker konzentriere.

Ein Grund für das Auseinanderklaffen von vorhandenem und öffentlich verfügbarem Wissen ist für Tockner die zunehmende "Privatisierung der Wissenschaft", während der relative öffentlich finanzierte Anteil abnehme. Der Chef des Wissenschaftsfonds FWF verweist auf Daten aus den OECD-Ländern 2015, wonach mehr als zwei Drittel der gesamten Forschungsausgaben von der Industrie kommen, nur rund ein Fünftel wird für zivile öffentliche Zwecke investiert. Alleine VW investiere fast das Vierfache dessen, was die öffentliche Hand Österreichs in Forschung und Entwicklung (F&E) stecke. Ganz zu schweigen von den hohen Investitionen weltweit in die militärische Forschung.

"Oligopolisierung des Wissens"

"Da wird Wissen generiert, aber es gibt keinen Zugang dazu", so Tockner, der gemeinsam mit Jonathan Jeschke von der Freien Universität Berlin und Partnern wie dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin ein Programm zu "dark knowledge" entwickelt. "Wer kontrolliert diese Forschung, wer hat Zugang zu den Daten, welche ethischen Standards werden angewandt?" sind Fragen, die die beiden Wissenschafter stellen. Dass immer weniger Menschen das vorhandene Wissen teilen, bezeichnen sie als "Oligopolisierung des Wissens".

Zusätzliches Futter bekomme "dark knowledge" für Tockner durch "biased information", also tendenziöse Informationen und jenes Wissen, "das wir eigentlich bräuchten, es aber nicht gibt, weil daran kein ökonomisches oder ideologisches Interesse besteht".

Die Frage sei, wie die Gesellschaft damit umgehe. "Der immer lautere Ruf nach 'Open Science' und 'Open Data' darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass es diesen Trend zum 'knowledge in the dark' gibt und ein Großteil des Wissens nicht verfügbar ist bzw. gemacht wird", so Tockner.

Wenn sich die Geister scheiden

"Dark knowledge" sei aber nur eine von vier großen Entwicklungen, die nach Ansicht Tockners zu dem von ihm postulierten Umbruch in der Wissenschaft führen. Er sieht auch ein "Auseinanderdriften zwischen wissenschaftlichem Konsens und gesellschaftlicher Einschätzung". Das zeige sich etwa an Themen wie genetisch modifizierte Nahrungsmittel, Impfungen oder Klimawandel.

"Das sollte uns sehr zu denken geben. Wir müssen verstehen, warum das so ist und wo die Verantwortung liegt", so der FWF-Chef. Er sieht "natürlich eine Bringschuld der Wissenschaft, den Dialog zu verstärken". Gleichzeitig ortet Tockner aber auch "eine ganz klare politische Verantwortung, die unabhängige Wissenschaft als vierte Säule der Gesellschaft zu akzeptieren, weil evidenzbasierte Information grundlegend ist, um Entscheidungen zu treffen, die gesellschaftlich sinnvoll sind".

Als weiteres Umbruchsignal wertet Tockner eine "massive geografische Verschiebung in der Wissenschaftslandschaft". Speziell in den Ingenieur-, Material- oder Computerwissenschaften würde mittlerweile Südostasien massiv dominieren, "also ganz strategisch in jenen Bereichen, wo ökonomischer Gewinn erzielt werden kann".

Einfluss der Rankings

Schließlich ortet Tockner eine Art "Matthäus-Effekt" durch die Macht der Zahlen und Rankings. Die Wissenschaftslandschaft würde zunehmend durch die Bewertung von Leistung anhand weniger Performance-Indikatoren geprägt. Das System reagiere darauf opportunistisch, man beschränke sich auf wenige Themen, die Diversität in der Forschung nehme ab. "Zudem kommt es zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse innerhalb von Institutionen hin zu den administrativ höheren Managementebenen mit Strategen, Spin-Doktoren, etc.

Die größte Gefahr dieser Entwicklungen sieht der FWF-Präsident darin, dass es in der Wissenschaft "zu einer Verlagerung weg von intrinsischer hin zu extrinsischer Motivation kommt". Drittmittel und Publikationen seien durchaus wichtig, dürften aber nicht zulasten von Neugier und der Bereitschaft zu risikoreichen Projekten gehen. "Das primäre Ziel muss es bleiben, Wissen zu schaffen und vermeintliches Wissen zu hinterfragen", sagte Tockner. (APA, red, 25. 8. 2017)