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"Erasmus+": Großbritannien will bis 2020 bleiben

27. August 2017, 13:00

Auch nach dem Brexit wollen die Briten an EU-Hochschulprogrammen teilnehmen – in welcher Form, ist aber offen

Sechs Jahre waren geplant, und sechs Jahre sollen es bleiben: Bis 2020 will Großbritannien Mitglied von Erasmus+ bleiben. Das Austauschprogramm für Studierende wurde 2014 eingeführt und ist das größte seiner Art. Bis zu vier Millionen Menschen sollen bis 2020 finanziell dabei unterstützt werden, ihre Ausbildung, Arbeit oder Freiwilligentätigkeit im Ausland zu absolvieren. Dafür hat die Europäische Union rund 14,7 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt.

Ein Land könnte die Vorzüge von Erasmus+ allerdings möglicherweise nicht bis zum Ende des Programms auskosten: Mit dem Austritt aus der Europäischen Union können Briten ab 2019 eine der elementaren Voraussetzungen für eine Teilnahme nicht mehr erfüllen – Staatsangehörige eines EU-Landes sein. Für EU-Bürger, die im Vereinigten Königreich studieren wollen, könnte das ebenfalls ein Problem darstellen. In Alpbach in Tirol trafen dieser Tage 16 Mobilitätsagenturen zusammen, darunter der British Council, um die Zukunft des Programmes zu diskutieren. Auch der Brexit war Thema.

Klare Stellung des British Council

Vonseiten des British Council ist klar, welches Ziel verfolgt wird: "Wir wollen, dass Großbritannien bis zum Ende des Programms 2020 regulär teilnehmen kann. Wir sind ein sehr internationales Land, und so soll es bleiben", sagte Ruth Sinclair-Jones, Direktorin der Nationalagentur Erasmus+ im British Council, zum STANDARD. Die britische Regierung stehe hinter diesem Vorhaben, ebenso die Universitäten. Letztere hatten mit der Kampagne "Universities for Europe" bereits vor dem Referendum, das am 23. Juni 2016 stattfand, ihre Stellung verdeutlicht. Auch der British Council war Unterstützer der "Remain"-Kampagne.

Europaweit ist das Vereinigte Königreich mit rund 30.000 "Erasmus+"-Studenten pro Jahr das drittgrößte Ziel – nur Spanien (rund 42.000) und Deutschland (rund 33.000) heißen jährlich mehr internationale Studenten willkommen. Für die Universitäten sei die Regelung der Zukunft von Großbritannien und Erasmus+ ein dringliches Anliegen, erklärte Sinclair-Jones. Schließlich würde der Ausschluss aus dem Programm vermutlich sowohl wirtschaftliche Schäden mit sich bringen als auch die kulturelle Vielfalt an den Universitäten verringern. Einen leichten Rückschlag mussten Großbritanniens Hochschulen bereits ein halbes Jahr nach dem Referendum verkraften: Für das Studienjahr 2016/2017 bewarben sich 7,4 Prozent weniger EU-Studenten als im Jahr davor.

Großbritannien in Zukunft nur Partnerland?

Zu den 33 fixen Mitgliedsländern von Erasmus+ zählen fünf Staaten, die nicht Teil der EU sind – Mazedonien, Island, Norwegen, Liechtenstein und die Türkei. Weiter Teil des Programms zu sein, ist also nicht unmöglich. Es werden aber wohl Neuverhandlungen nötig werden, die möglicherweise nicht alle Vorstellungen und Wünsche erfüllen. Beispielsweise könnte Großbritannien in Zukunft zu einem "Partnerland" herabgestuft werden – ein Schicksal, das die Schweiz vor drei Jahren ereilte.

Nachdem die Schweizer im Februar 2014 mit einer knappen Mehrheit von 50,3 Prozent für die Masseneinwanderungsinitiative der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) gestimmt hatten, die eine Einschränkung der Personenfreizügigkeit mit sich brachte, wurden sie umgehend aus dem Austauschprogramm suspendiert. Als Partnerland ist die Schweiz nur bedingt und unter bestimmten Kriterien in Erasmus+ eingebunden. Seit dem Ausschluss versucht das Land wieder ein vollwertiges Mitglied zu werden – die Verhandlungen ziehen sich bereits seit drei Jahren hin und waren bisher vergeblich. Eine solche Situation will Großbritannien vermeiden.

Erweiterung des Programmfokus

Neben dem Brexit waren die Mobilitätsagenturen bei ihrem Zusammentreffen auch darauf bedacht, in der Programmperiode bisher weniger beachtete Punkte zu thematisieren. "Das Programm Erasmus+ konzentriert sich momentan stark auf Studierende, wir wollen den Fokus jetzt zusätzlich stärker auf Schüler und Lehrlinge richten", erklärte Stefan Zotti, Geschäftsführer der Österreichischen Austauschdienst-Gesellschaft (OeAD) dem STANDARD. Zu Großbritannien habe man zwar viel besprochen, jedoch noch keine konkreten Ergebnisse. Aber: "Wir hoffen, dass es bald effiziente Lösungsvorschläge gibt. Es kann kein ernsthaftes Interesse bestehen, die Beziehungen nicht so beizubehalten wie bisher." (Carla Márquez, 28.8.2017)