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Helga Rabl-Stadler: "Salzburg war Epizentrum des Besonderen"

Interview |
26. August 2017, 12:00

Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, seit 22 Jahren im Amt, zieht positive Bilanz. Ein Gespräch über politisch relevante Festspiele, Budget, Sponsoring und Elend für Eliten

Salzburg – Gute Laune im Festspieldirektorium: Der Kartenverkauf an der Tageskasse war so gut wie nie zuvor; ausverkaufte Opern; auch die von Regisseur Michael Sturminger in nur drei Monaten realisierte Neuinszenierung des Jedermann mit Tobias Moretti in der Hauptrolle ging restlos ausverkauft über den Domplatz. 79 Prozent, also mehr als zwei Drittel des Festspiel-Budgets (insgesamt 61 Millionen Euro), speisen sich aus privaten Mitteln, der Rest, 12,81 Millionen Euro, kommt aus öffentlichen Töpfen,

STANDARD: Auf meine Interviewanfrage antworteten Sie, heuer würden Sie besonders gern über die Festspiele reden, weil sie so einzigartig waren. Aber das sagen Sie eigentlich jedes Jahr.

Rabl-Stadler: (lacht) Ich glaube, jeder an der Spitze eines Unternehmens muss voll und ganz hinter dem stehen, was gemacht wird – auch dann, wenn es vielleicht nur streckenweise gelungen ist. Man muss ja zugeben: Festspiele, bei denen drei von sechs Opern sehr gut sind, wären schon ein sehr gelungener Sommer. Dieses Jahr waren meines Erachtens alle sechs ausgezeichnet: Salzburg war tatsächlich ein Epizentrum des Besonderen, wie es Markus Hinterhäuser durchaus selbstbewusst angekündigt hat.

STANDARD: Wer auf der Homepage nachschaute, sah, dass zunächst nur "Aida" mit Anna Netrebko und "Jedermann" ausverkauft waren, für fast alle anderen Veranstaltungen gab es noch bis zuletzt Karten. Andererseits standen dann abends viele mit einem "Suche Karte"-Schild vorm Eingang.

Rabl-Stadler: Das stimmt. Lady Macbeth von Mzensk war ausverkauft, aber erst ganz am Schluss, La clemenza di Tito ebenso. Insgesamt liegen wir bei den Kartenverkäufen rund eine Million Euro über Plan. Wir haben jeden Tag Rekordverkäufe im Kartenbüro, täglich werden Karten um 100.000 Euro verkauft. Früher war man bei der Hälfte schon überglücklich, das Gros der Karten wurde damals vorbestellt. Die heutige Situation hat allerdings zwei Nachteile: Erstens ist die Planungssicherheit nicht mehr so gegeben, denn der Verkauf hängt, zweitens, sehr von den Kritiken ab. Rose Bernd beispielsweise lief im Vorverkauf gar nicht gut. Aber dank guter Kritiken war sie letztlich ausverkauft.

STANDARD: Was sagen Sie zu Michael Sturmingers unter großem Zeitdruck entstandener Neuinszenierung des "Jedermann"?

Rabl-Stadler: Mir gefällt, dass diese Inszenierung das Zeitgemäße so gut getroffen hat. Auch der Eingriff in die Sprache ist zu verantworten, ebenso die blasphemische Idee, dass Jedermann sagt, er werde den Dom zu seinem Lusthaus machen. Genau das ist ja die Hybris der Superreichen, die vor nichts und niemandem Respekt haben. Ich war unlängst in London in eine ehemalige anglikanische Kirche zum Essen eingeladen. Sehr behagt hat mir das nicht.

STANDARD: Wie wurden die nötigen Zusatzkosten des "Jedermann" gedeckt?

Rabl-Stadler: Als Bettina Hering erkannte, dass es unüberbrückbare Auffassungsunterschiede zwischen dem alten Regieteam und Tobias Moretti als neuem Jedermann gab, sagte ich: "Konzentriert ihr euch darauf, wie wir in der kurzen Zeit zu einer befriedigenden künstlerischen Aussage kommen. Ich kümmere mich um das Finanzielle." Es ist mir gelungen, für den neuen Jedermann 500.000 Euro aus rein privaten Quellen aufzustellen.

STANDARD: Dieses Jahr wurden "Strategien der Macht" verhandelt. Peter Sellars' Interpretation von Mozarts "La clemenza di Tito" ist ein Plädoyer, auch islamistischen Terroristen zu vergeben. Wie politisch sollen, dürfen Festspiele sein?

Rabl-Stadler: Das ist eine ewige Diskussion. Im Feuilleton herrscht die Meinung vor, sie müssten, ich glaube, sie dürfen politisch sein. Dieses Jahr waren es im besten Sinne politisch relevante Festspiele, weil die Zeit danach ist. Sellars ist ein hypersensibler Künstler, mir geht sein Verständnis für Terroristen allerdings zu weit. Aber es zur Sprache zu bringen ist, denke ich, richtig.

STANDARD: Shirin Neshat engagierte für die Videoeinspielungen ihrer "Aida"-Inszenierung echte Flüchtlinge. In einem Essay in der "Zeit" wird dazu die Frage aufgeworfen, ob man mit dem Elend der Ärmsten die Elite unterhalten dürfe.

Rabl-Stadler: Das ist eine sehr gemeine Unterstellung, aber ein typischer Gedanke: Hier sitzen nur Reiche und Schöne, die sich das Elend nicht vorstellen können. Im Gegenteil: Unser Publikum sucht, statt am Meer zu urlauben, die mitunter sehr fordernde Konfrontation mit den Werken und den darin abgehandelten Werten.

STANDARD: Wie geht es den Festspielen finanziell?

Rabl-Stadler: Wir bekommen von der öffentlichen Hand 10,8 Millionen Euro extra für die Modernisierung des Brandschutzes im Großen Festspielhaus. Im Zuge der Arbeiten sind wir leider draufgekommen, dass viel mehr gemacht werden muss, auch den Zuschauerraum werden wir in den nächsten Jahren modernisieren. Die Mehreinnahmen aus dem Kartenverkauf fließen in diese baulichen Investitionen und reichen nicht einmal für die dringendsten Sanierungsmaßnahmen. Bei den auf uns zukommenden Zusatzausgaben ist auch der neue kaufmännische Direktor Lukas Crepaz gefordert. Ich bin froh, dass nicht mehr alles auf meinen, sondern zum Großteil auf seinen Schultern ruht und ich mich auf das Sponsoring konzentrieren kann. Ein anspruchsvolles Programm wie jenes von Markus braucht private Unterstützung.

STANDARD: Allerdings war das Sponsoringaufkommen unter Intendant Alexander Pereiras (2012-2014) deutlich höher, oder?

Rabl-Stadler: Pereira und ich waren die kulturellen Europameister im Sponsoring. 2014 waren es elf Millionen, heuer sind es mit zusätzlichem Sponsoring für den Jedermann 9,5 Millionen Euro. Auch das ist schön – und im Vergleich weit mehr als alle Bundestheater zusammen haben.

STANDARD: Was wurde eigentlich aus der Idee, das Direktorium um die Chefs von Schauspiel und Konzert zu erweitern?

Rabl-Stadler: Eine gute Zusammenarbeit beruht vor allem auf dem Verhalten der Persönlichkeiten, weniger auf Strukturen. Laut Struktur nach dem Festspielgesetz 1950 hat der Präsident "die organisatorische und künstlerische Leitung". Natürlich war ich nie so vermessen, die künstlerischen Aufgaben an mich zu reißen. Ich wäre schlecht beraten, würde ich bestimmen wollen, in welcher Konstellation ein Stück aufgeführt werden soll. Aber man darf nicht vergessen, was es heißt, ein Haus mit 210 Mitarbeitern während der Festspielzeit auf mehr als 3000 hochzufahren. All diese unterschiedlichen Menschen darauf einzuschwören, die besten Festspiele der Welt zu machen, ist eine Stärke von mir. (Andrea Schurian, 26.8.2017)

Helga Rabl-Stadler (69) ist seit 1995 Präsidentin der Salzburger Festspiele. Auf ausdrücklichen Wunsch des neuen Intendanten Markus Hinterhäuser bleibt die studierte Juristin bis 2020 in dieser Funktion. Zwischen 2011 und 2016 war die ehemalige Journalistin, Unternehmerin und Politikerin auch kaufmännische Direktorin.

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