Foto: Matthias Heschl

Jazzfestival Saalfelden: An der Steckdose der Impulsivität

27. August 2017, 15:47

Dieses Jahr gab es Kanzlerbesuch und impulsive Musik: Innere Monologe verstorbener Jazzgrößen, finnische Mythengesänge und konzeptuelle Raffinesse sorgten für Vielfalt

Saalfelden – Im Wahlkampf werden die Reden episch. Wenn ein Bundeskanzler bei der Eröffnung des Jazzfestivals in Saalfelden vorbeischaut, wirkt es jedoch immerhin im Sinne der Abwechslung. Es plaudert Christian Kern ja auch über das Konzept "offene Gesellschaft" und würzt seinen Werteappell mit ihm zugetragenen Thesen eines Ostbahn-Kurti. Zum Zwecke der Verinnerlichung von Blueswahrheit wäre das Erleben gewisser Wiener Bezirke unerlässlich, so Kern. Dabei seien Besuche von Lokalen wichtig, "die einem ein Raucherbein bescheren, bevor man sie überhaupt betreten hat".

Salzburgs Landeshautmann Wilfried Haslauer widersprach nicht. Einst mitverantwortlich für die Reaktivierung des Festivals, das schon verblichen war, beschwor er eher die Internationalität Saalfeldens und schloss mit der Anregung, den Festivalruhm wortreich in die Welt zu tragen – "schreiben Sie, damit wir lesen, was wir hören".

Es war nicht die letzte Ansprache. Die anschließende kam aber quasi schon aus dem Inneren eines verstorbenen Genies. Bassklarinettist Michael Riessler gruppierte bei Kryptographie eine Band um den inneren Monolog einer (im gelähmten Körper gefangenen) Existenz, die Charles Mingus sein könnte. Der verzweifelten Rede, die das Einzelschicksal des einer Nervenerkrankung erlegenen Bassisten und Komponisten poetisch überhöht, lieh Helmut Stenke seine kernige Stimme.

Wunde Seele

Riessler durchwandert um die hitzigen Worte improvisierend das in Flammen stehende weite Land dieser Seele – mit origineller Virtuosität. Sein Melodram wird zu einer Art Exzess der Inspiration, zu in Töne gesetzten Extremsituationen. Solch Impulsivität blieb nicht Einzelfall. Die norwegische Formation Møster! begab sich auf Zeitreise zu jenem Punkt der Geschichte, an dem sich die frühen Pink Floyd in epischen Soundspielen ergingen. Dabei wuchtete Kjetil Møster auch jene Saxofonemphase hinzu, die von John Coltrane herrühren könnte.

Eine edle Fusion-Reminiszenz, die bei Cortex keine Rolle spielte. Das norwegische Quartett (das Land hatte heuer einen Schwerpunkt) legte bei seiner "Avant-Garde Party Music" aber gleichfalls deftig los: Es klang wie ein Faustkampf zwischen Hardbop und Improvisationen, die in die Steckdose des Free Jazz hineingeraten waren. Expressive Musiktänze also – zu einer Party, deren Gastgeber wohl die komplette Neumöblierung seines Domizils in Erwägung ziehen müsste.

Gerald Preinfalks Prine – Zone – mit der delikaten Sängerin Savina Yannatou – geizte ebenfalls nicht mit exzessiven Momenten und robustem Themenmaterial. Als Nonett angelegt, vermittelte das Ensemble um den fulminanten Saxofonisten nebst solistischen Ausritten auch Elegisches in surrealer Form eines mikrotonal klingenden Keyboards und schummriger Streichersounds: Nervöse Strukturen schnitten mitunter eine Art dahinwabernde Trauermusik, als wären sie ein vorbeirasender Zug, während Yannatou in Fantasiesprache Geschichten erzählte. Etwas mehr solcher massiven Überlagerungen der Instrumente und Stile hätte das Potenzial dieser Besetzung voll ausgeschöpft.

Verliebt in Ton

Konnte Preinfalks Zugang mitunter für asketisch gehalten werden, wurde das Ohr durch The Necks (mit Pianist Chris Abrahams) dann einer echten Diät unterzogen. Mit meditativer Verliebtheit in einen zauberhaften Ton, der in einem langsamen Crescendo zu wuchern begann, ereignete sich eine Stunde Geduld fordernder Romantik, der immerhin der Vorteil innewohnte, angesichts der vielen impulsiven Festivalbeiträge als tönende Pause wirken zu dürfen.

Die Ausflüge der Sängerin Sinikka Langeland in mythologische Regionen von Finnskogen (Region in Norwegen) waren ebenfalls von poetischer Faktur. Um die rau deklamierende Dame aber, die die Kantele, eine Kastenzither, harfenartig zupfte, gruppierte sich Jazziges, das die Lieder quasi atmosphärisch übermalte.

Gänzlich andere – aber auch kontemplative – Ansätze durch die Formation 5K HD bei And To In A: Rund um die zierliche Stimme von Mira Lu Kovacs gruppierten sich suggestive Poplandschaften, deren Trompetenfärbung (Martin Eberle) Erinnerungen an die Musikmalerei von Nils Petter Molvær weckten. Insofern war das eine Art farbintensiver heimischer Beitrag zum norwegischen Schwerpunkt des Festivals. (Ljubisa Tosic, 27.8.2017)