Wie lange Viren überleben können

29. August 2017, 09:00

Viren, die durch Tröpfcheninfektion übertragen werden, überstehen meist nur wenige Stunden. Noroviren überleben mitunter sogar Wochen

Grippe, Erkältung, Durchfall – niemand ist vor typischen Viruserkrankungen wie diesen gewappnet. Die kleinen Krankheitserreger können uns oft Wochen lang aus dem Verkehr ziehen. Dabei sind Viren nicht einmal eigene Lebewesen, da sie keinen Stoffwechsel haben. Sondern: "Viren sind nichts anderes als genetische Information, die in eine Proteinhülle verpackt ist", erklärt Monika Redlberger-Fritz, Virologin an der Medizinischen Universität Wien.

Um sich vermehren zu können, benötigen Viren deshalb stets eine Wirtszelle. Diese wird dazu verwendet, sich selbst fortzupflanzen, danach wird sie in vielen Fällen zerstört. Die Folge: Je nachdem, in welchem Teil des Körpers die Wirtszelle beheimatet ist, kommt es zu unterschiedlichen Symptomen wie Schnupfen oder Durchfall.

Wie schnell sich Viren verbreiten, hängt von mehreren Faktoren ab. Der Antwort kommt man am nächsten, wenn man den Übertragungsweg – direkter Kontakt, Luft oder Blut – genauer betrachtet. "Viren, die über Aerosole oder Schmierinfektion übertragen werden, können sich viel schneller ausbreiten als Viren, die über Blutkontakt weitergegeben werden – denn dieser ist ja nicht ständig gegeben", sagt Heribert Stoiber, Virologe an der Sektion für Virologie der Medizinischen Universität Innsbruck.

Slow Virus Infektion

Eher selten halten sich Viren im Körper versteckt und beginnen erst Jahre später, sich zu verbreiten. Dieser Fall tritt ein, wenn die Wirtszelle nicht abstirbt, sondern die Viren an die Tochterzelle weitergibt. "Es braucht immer eine Erstinfektion, die man aber aufgrund ausbleibender Symptome nicht unbedingt bemerkt", erklärt Stoiber.

Diese so genannte Slow Virus Infektion kann zum Beispiel bei Masern auftreten: Bei einer Infektion zieht sich das Masernvirus in die Gehirnzellen zurück, bleibt über Jahre hinweg versteckt und beginnt von dort aus, sich zu replizieren – was zu Komplikationen führt. Ähnlich ist der Vorgang beim HPV-Virus (Humanes Papillomavirus), das viele Jahre braucht, bis es Gebärmutterhalskrebs auslösen kann. Eine typisches Beispiel für eine so genannte latente Infektion ist Herpes simplex: Die kleinen Fieberbläschen durch HSV kommen und gehen in unregelmäßigen Abständen, da das Virus im Körper bleibt.

Von Stunden bis Wochen

Auch wie lange Viren an der Oberfläche überleben, ist nicht allgemein zu beantworten. Fest steht: Nicht sehr lange, weil sie eine Wirtszelle brauchen, um lebensfähig zu sein. Entscheidend ist die Struktur des Virus. "Es gibt so genannte behüllte und nicht behüllte Viren", erklärt Stoiber. Hülle meint in diesem Fall, dass die Viren außen eine zusätzliche Lipidschicht haben. Jene Viren, die nicht von dieser Fettschicht umhüllt sind – also quasi nicht behüllt sind – sind widerstandsfähiger gegen Umwelteinflüsse.

Auch die Temperatur spielt eine Rolle. "Generell gilt eine Pi-mal-Daumen-Regel, die besagt: Je kälter es ist, desto länger können Viren an der Oberfläche infektionsfähig bleiben", erklärt Virologin Redlberger-Fritz. Darin liegt wahrscheinlich auch der Grund, dass Grippe und Erkältungskrankheiten im Winter leichter übertragen werden. Im Umkehrschluss heißt das: Je höher die Temperaturen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Viren überleben. Das Wissen um die Wärmeempfindlichkeit von Viren nutzt man bei der Arbeit im Labor, wo man Viren zu Forschungszwecken bei minus 70 oder 80 Grad Celsius Jahrzehnte lang aufbewahren kann, um sie funktionsfähig zu halten.

Lebensdauer hängt von Virusart ab

Die Lebensdauer von Viren hängt darüber hinaus von der Virusart und dem Übertragungsweg ab. Bei respiratorischen Viren, also durch Kontakt- oder Tröpfcheninfektion übertragbare, häufig die Atemwege betreffende Viren, liegt die Lebensdauer im Bereich von wenigen Stunden. Genaue Zahlen gibt es dazu nicht. Magen-Darm-Beschwerden verursachende Noroviren hingegen können über längere Zeiträume überleben. Auf bestimmten Oberflächen auch mehrere Tage oder Wochen lang, zum Beispiel auf Teppichen.

Weil es über die Überlebensdauer von Viren keine genauen Erkenntnisse gibt, ist es wichtig, sich so gut wie möglich zu schützen, raten Experten. Denn: Ist das Virus einmal eingefangen, gestaltet sich die Behandlung schwierig. Das liegt daran, dass Viren keinen eigenen Stoffwechsel haben und Medikamente immer auch die Körperzellen schädigen.

Daher werden oft nur die Symptome behandelt und gewartet, bis das Immunsystem selbst den Erreger vernichtet. Für einige wenige Virusinfektionen wie Hepatitis B und Hepatitis C, HIV oder Herpes Simplex gibt es heute antivirale Medikamente, so genannte Virustatika. Diese gehen gezielt gegen Viren vor. Resistenzen gegen diese Präparate treten bislang nur in relativ geringem Ausmaß auf.

Richtig vor Viren schützen

Wie schützt man sich nun vor Viren? Virologen plädieren nach wie vor an eine ausreichende Hygiene wie häufiges und gründliches Händewaschen, zum Beispiel nach dem Toilettengang. Grund dafür ist, dass sich Gastroenteritis-Viren sehr lange halten und bereits kleine Mengen für eine Infektion ausreichen.

Vor Viren, die über Tröpfcheninfektion übertragen werden, kann man sich mit Mundmasken schützen. Gegen durch sexuellen Kontakt übertragbare Viren beugt man mit Kondomen und antiretroviralen Medikamenten vor. "Bei vielen Viren in der Umwelt wird durch Impfungen vorgebeugt", sagt Stoiber und weist gleichzeitig auf die zunehmende "Impfmüdigkeit" in Österreich hin. Dabei ließen sich Krankheiten wie Masern oder Hepatitis B-Infektionen nur auf diese Weise vermeiden. (Maria Kapeller, 29.8.2017)