Foto: Matthias Heschl

Jazzfestival Saalfelden: Faustschlag aus Tönen

28. August 2017, 17:02

Brutales und Poetisches zum Finale eines exzellenten Musikfestivals

Saalfelden – Es war einst – im Jazzrock – virtuose Sitte, unter thematischem Material einer Komposition die schier endlose Kette von Linien zu verstehen, deren Hervorbringung protzig Wirkung entfaltete. Chick Coreas Band Return To Forever (etwa das Album Romantic Warrior) liefert Belege; die Notenorgien mündeten dann aber doch oft – zum Luftholen für Musiker und Ohr – in groovender Entspannung und in Improvisationen, die für Kontraste sorgten.

Das japanische Duo Sax Ruins lässt all dies Luftholen und Grooven zu 98 Prozent weg. Schlagzeuger Tatsuya Yoshida und Saxofonistin Ono Ryoko verschmelzen zu einer Art musika lischem Maschinegewehr, das unterbittlich feuert. Pausen werden quasi nur eingelegt, um – während für das nächste Stück "nachgeladen" wird – ein schüchternes "Dankeschön!" zu hauchen.

Es ist Musik, deren Umsetzung Respekt verdient: Allein die Gedächtnisleistung, diese endlosen mit kurzem Stop-and-go-Spiel unterbrochenen Linien zu memorieren, lässt staunen – wie auch die unerbittliche Exaktheit und Rasanz des Spiels. Daneben stellt sich allerdings auch die Frage nach dem höheren Musiksinn des Unterfangens.

Schließlich offenbart sich in dieser Notenfülle – paradoxerweise – Monotonie. Die Fixierung auf eine Ausdrucksfarbe – mag sie noch so intensiv sein – wirkt dabei wie eine rasante Fahrt an vielem vorbei, was musikstrukturell bereichert hätte.

Charme der Worte

Sax Ruins war zweifellos allerdings ein Beitrag, der in Saalfelden ein Rufzeichen setzte – wie auch das Projekt Weiße Wände. Um die vokale Sprechemphase von Christian Reiner herum, der Bilder und Charaktere evozierte, entluden sich geräuschhaft zuckende Gitarrenideen von Karl Ritter: Es wurde ein hitziges Plaudertrio, bei dem der Gesprächsfaden auch dank Drummer Herbert Pirker nie abriss.

Angenehm dennoch, dass zwischendurch auch eher Sanfteres seine Stimme erhob. Saxofonist Wolfgang Puschnig führte für sein Projekt Songs with Strings das Koehne Quartett mit Bassist Achim Tang und Perkussionist Patrice Héral zusammen. Als smart-sensiblem Musiker, der Wesentliches mit wenige Noten auszudrücken vermag, gelingen ihm etwa Bluesarrangements von raffinierter Einfachheit wie auch inter essante Überlagerungen von In strumentalfarben bei Balladen.

Der Einsatz des Streicherquartetts wirkt am stringentesten aber dort, wo Puschnig komplexe Notengeflechte ersinnt und Koehne sein Können dynamisch ausspielen darf. Alledem war aber Puschnigs instrumentale Erzählkunst der trostvoll melancholische Kompass durch das Dickicht der Jazzgeschichte. Wobei: Der singende Perkussionist Héral war ein munterer Gegenpol, dem das Festival getrost einmal eine Solostunde gewähren sollte. (Ljubiša Tošić, 28.8.2017)