Häupls Sabotageakt gegen Kern

Kommentar |
28. August 2017, 18:03

Zur fehlenden Wahlkampfmotivation kommt offenbar Mutwilligkeit hinzu

Christian Kern tourt derzeit in unterschiedlichen Trachtenkostümierungen durch die Bundesländer und versucht sich und seine Funktionäre für den Wahlkampf zu motivieren. Das ist kein ganz einfaches Unterfangen, weniger wegen der Trachten als viel mehr wegen der Motivation: Die SPÖ liegt in allen Umfragen beharrlich und deutlich hinter der ÖVP auf Platz zwei, und es zeichnet sich kein Thema, kein Umstand und keine Idee ab, was darauf schließen ließe, dass sich das in den verbleibenden sieben Wochen noch ändern sollte.

Ausgeschlossen ist es freilich nicht, aber man muss aus Sicht der SPÖ schon eine ausgesprochene Frohnatur und ein unbeirrbarer Idealist sein, um hier noch an die Kraft der Veränderung und einen glücklichen Ausgang dieser etwas müde geratenen Aufholjagd zu glauben. Kern bemüht sich redlich, aber sein Team und seine Anhänger stolpern ihm eher mürrisch hinterher, als dass sie ihm begeistert den Weg ebnen würden.

Zumal alles auf einer schiefen Ebene läuft. Der Wahlkampf der SPÖ war von Pleiten, Pech und Pannen gekennzeichnet, die Kampagne stottert. Bei der ÖVP hingegen läuft alles wie am Schnürchen, schnurrt die Wahlkampfmaschinerie, klappt die Planung und das Team, auch Spitzenkandidat Sebastian Kurz hat sich bisher keine Aussetzer erlaubt. Hier noch Optimismus zu schöpfen und Energien für die verbleibenden Wochen zu schöpfen fällt nicht allen in der SPÖ leicht. Am wenigsten offenbar den Funktionären in Wien.

Die sind von dem lange währenden, auch ideologisch geprägten Richtungsstreit, von dem die Landesorganisation noch unter der Kanzlerschaft Werner Faymanns ergriffen wurde, und von dem schwelenden Streit um die Führung der Wiener Partei schon so zermürbt, dass es ihnen besonders schwerfällt, sich für einen euphorischen Wahlkampf mit wehenden Fahnen aufzuraffen. Ganz offensichtlich fehlt gerade den Funktionären in Wien der Glaube an den Wahlsieg. Michael Häupl, noch Bürgermeister und noch Parteivorsitzender in Wien, hat soeben zugesagt, einen "ordentlichen und akzeptablen Beitrag für die Nationalratswahl zu leisten". Ja, eh. Mehr geht nicht?

Mit Christian Kern hat die SPÖ einen überzeugenden und kompetenten Kanzlerkandidaten wie schon lange nicht, aber gerade ihm gelingt es nicht, den Parteiapparat in die Höhe zu bringen und für den Wahlkampf zu begeistern. Die Wiener Genossen sind in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Und da gibt ihnen Michael Häupl genug zu tun, indem er mitten im Wahlkampf einen Parteitag für Jänner ankündigt, um die Frage seiner Nachfolge zu klären. Als ginge es jetzt nicht um etwas anderes. Die SPÖ ist drauf und dran, das Kanzleramt an die ÖVP zu verlieren, aber Häupl schwört die Genossen auf Spekulationen zu seiner Ablöse ein. Ein seltsames Manöver.

Dabei würde Kern die Mobilisierungskraft der Wiener Partei dringend benötigen. Diese Kraft scheint aber nur noch eine Ahnung ihrer selbst zu sein. So ist es logisch, den Spekulationen zu folgen und Kern als Nachfolger Häupls ins Spiel zu bringen. Sollte Kern nämlich nicht mehr Kanzler sein, und das scheint in der Logik der roten Wahlkampfaufstellung ja nicht ganz denkunmöglich, dann brauchte er einen Job, der ihm in der Oppositionsrolle ein wenig Beschäftigung bringt – zumindest bis Dienstagmittag im Wiener Rathaus. Und er wäre ein Konsenskandidat, ganz im Ernst. (Michael Völker, 28.8.2017)