Foto: Museum of London/Krakowka

London war der gewalttätigste Ort im mittelalterlichen England

29. August 2017, 14:52

Untersuchungen an sechs Friedhöfen zeigen, dass junge arme Männer am stärksten von Gewalt betroffen waren

Oxford – Im Vergleich zum Leben im mittelalterlichen London nimmt sich "Game of Thrones" vermutlich wie eine Kindersendung aus: Britische Wissenschafter haben bei der Untersuchung von jahrhundertealten Friedhöfen nachgewiesen, dass insbesondere junge Männer der Unterschicht in der englischen Metropole extremer Gewalt ausgesetzt waren.

"Wer im mittelalterlichen London von Gewalt betroffen war, dürfte großteils eine Frage des Geschlechts und des sozialen Status gewesen sein", erklärt Kathryn Krakowka von der University of Oxford. Die Archäologin hat mit ihrem Team 399 Schädelknochen aus sechs Londoner Friedhöfen aus der Zeit zwischen 1050 und 1550 genauer analysiert.

Schwere Schädelverletzungen

Die Wissenschafter stellten dabei fest, dass fast sieben Prozent aller untersuchten Schädelknochen Verletzungen aufwiesen. Bei rund einem Viertel der Opfer waren die Traumata so schwer, dass sie daran starben. Ein derart hoher Anteil konnte in keiner anderen Region Englands festgestellt werden, wie die Forscher im "American Journal of Physical Anthropology" berichten.

Einige der Begräbnisstätten waren Teil eines Klosters. Da die Beisetzungen dort Geld kosteten, dürfte der Anteil vermögender Bürger auf diesen Friedhöfen höher gewesen sein. Gemeindefriedhöfe hingegen waren frei und wurden daher mehrheitlich von Mitgliedern der Unterschicht genutzt.

Faustrecht unter den Mittellosen

Hier zeigte sich, dass der Anteil an Verletzten in den Gemeindefriedhöfen gegenüber jenen aus den Klosterfriedhöfen signifikant höher war. Krakowka schließt daraus, dass die vermögende Schicht im Mittelalter Zugang zu einem einigermaßen funktionierenden Rechtssystem hatte, während die weniger begüteten Mitglieder der Bevölkerung ihr Recht wohl selbst in die Hand nehmen mussten und andere, gewalttätigere Wege beschritten, um Konflikte beizulegen.

Untermauert wird das von den Aufzeichnungen von Totenbeschauern aus dem Mittelalter. Diese zeigen nämlich, dass eine unverhältnismäßig hohe Zahl an gewaltsamen Todesfällen in der Nacht von Sonntag auf Montag auftrat. Diese Zeit verbrachten viele Männer trinkend in Tavernen und Wirtshäusern. (red, 29.8.2017)