Foto: Amy Harris/Invision/AP

LCD Soundsystem: Das Leuchten ferner Himmelskörper

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30. August 2017, 07:00

Im Zenit war Schluss. Auf den perfekten Abgang folgt mit dem Album "American Dream" nun ein perfektes Comeback. James Murphy hat die New Yorker Band wieder hochgefahren – und gedenkt David Bowies

Wien – Ohne die Kunst David Bowies würde jener des James Murphy ein Bein fehlen. Oder zwei. Der Einfluss des verstorbenen Popgiganten auf LCD Soundsystem ist immens. Die drei Studioalben, die die New Yorker Band zwischen 2005 und 2010 veröffentlicht hat, legen davon Zeugnis ab. Man höre nur All I Want auf dem oft unter Wert gehandelten Album This Is Happening. Das klingt, als hätte man ein Outtake aus Bowies Lodger entdeckt, ein Traum.

James Murphys Stern strahlt wieder. Am Freitag erscheint das Comebackalbum "American Dream" des LCD Soundsystem. Alles ist wieder gut, nur David Bowie fehlt immer noch.
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Das LCD Soundsystem war eine der wichtigsten Bands der Nullerjahre. Die Formation des Pop-Nerds Murphy vermengte Dancefloor und New Wave zu einer aufregend neuen Musik: zitatreich, witzig, infizierend, eine Weltkarriere war die Folge. Murphy, ein Tourmuffel mit Polsterfrisur und Gemütlichkeit verströmender Physis, verkündete 2011 das Ende der Band, der finale Auftritt im Madison Square Garden wurde auf Film und als Livedokument in einem Boxset festgehalten. Ein perfekter Abgang am Zenit.

Doch im Vorjahr fanden erste Reunionskonzerte statt, diesen Freitag erscheint das Comebackalbum American Dream. Wieder ist David Bowie omnipräsent.

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Sogar das Cover, ein blauer Himmel mit einer gleißenden Sonne, korrespondiert mit dem von David Bowies finalem Werk Blackstar. Platzierte Bowie dort einen seinen nahen Tod erahnenden schwarzen Stern auf dem Weg ins Dunkel, sieht Murphy in ihm ein ewiges Licht, eine immerwährende Inspiration. Murphy war in den letzten Jahren mit Bowie befreundet und bediente auf Blackstar bei zwei Songs die Perkussion. Doch sein Respekt vor Bowie war so groß, dass er ihm nicht auf den Sack gehen wollte und immer die Distanz wahrte, obwohl er ihn als Vaterfigur und Freund beschrieben hat. Diese Zurückhaltung bereut er heute.

Bowies Output zur Zeit der New Wave ist Murphys Nährgebiet. Ebenso wie das Werk der Talking Heads. Nirgendwo zeigt sich das auf American Dream so schön wie im Lied Change Your Mind. Wäre der Rest des Albums Mist, allein dieser Song würde die Anschaffung rechtfertigen. Gitarrensounds wie aus Tony Viscontis Klanguniversum, dazu der schlafwandlerische Gesang, den Murphy dem großen David Byrne nachempfindet, ergeben eine Popperle am Rande süßer Trance.

Gepflegte Heldenverehrung

Damals wie heute gilt: Murphy übertreibt es mit seiner Heldenverehrung nicht. Dazu ist der 47-Jährige selbst viel zu inspiriert. Doch während er auf den frühen Alben deutlich seine Begeisterung und Neigungen unterstrich, scheint er mittlerweile selbst in diesen Sehnsuchtsorten aufgegangen zu sein. Das führt jetzt zu einem Rückgang augenscheinlicher Referenzpunkte zugunsten einer Intensivierung der LCD-Soundsystem-Ästhetik. Call The Police zeigt das deutlich.

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Wieder eine Dosis Bowie, doch vor allem diese himmelsstürmende Euphorie, zu der Murphy an guten Tagen imstande ist, tragen den Song in lichte Höhen. Dabei bleibt er dreckig genug, um ihn vor dem Pathos des Hymnischen zu bewahren. Murphys andere Prägungen waren schließlich Punk und Hardcore.

Daraus erwuchs ein skeptischer Zynismus, der sich im Titellied American Dream niederschlägt, einer von analogen Synthesizerklängen getragenen und verwischten Ballade, die die Katerstimmung des Erzählers übersetzt. Man kann den Song als persönlich gehaltene Fortsetzung der selbstkritischen Nabelschau North American Scum deuten, die Murphy unter George W. Bush veröffentlicht hatte, ohne gleich die Weltpolitik zu diskutieren.

Lässig nachlässig

Die Pause vor American Dream hat Murphy gutgetan. Immer noch glänzt die Musik ob der Kreativität ihres Schöpfers. Gleichzeitig reibt der sein Tausendsassatum dem Publikum nicht mehr ganz so deutlich unter die Nase. Dafür nimmt er sich mehr Zeit. Kein Song ist unter fünf Minuten lang, die meisten erstrecken sich über mehr, zwei Ausreißer erfordern neun oder zwölf Minuten Aufmerksamkeit. Von gestochen scharf bis zu lässig nachlässig spannt er dabei den Bogen.

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James Murphy hätte mit American Dream an den eigenen vergangenen Großtaten scheitern können. Tut er aber nicht. Er setzt einfach an, wo er aufgehört hat. Bowie soll ihm gesagt haben, sein Rückzug sei Blödsinn gewesen. Das musste er ernst nehmen. Am Ende verneigt er sich deshalb noch einmal vor dem dahingegangenen Freund und Mentor. Mit der zwölfminütigen Eloge Black Screen. Murphy starrt umsonst auf den Bildschirm, von David kommen keine Nachrichten mehr. Murphy memoriert zerknirscht: "I should have tried more."

Ein letzter Gruß des einen Großen an den anderen. (Karl Fluch, 30.8.2017)