Übersetzer zwischen Mensch und Maschine

2. September 2017, 10:00

In Hagenberg werden Möglichkeiten zur intuitiven Interaktion mit Computersystemen erforscht

Hagenberg – Pinch-to-zoom hat fast jeder schon einmal gemacht. Auf einem Touchdisplay bewegt man Daumen und Zeigefinger voneinander weg, und das Bild vergrößert sich. Wie ein Gummiband, das man zwischen den Fingern spannt und aufzieht, sodass das Fenster dazwischen immer größer wird. Ganz intuitiv, selbsterklärend. Ganz natürlich, würde Hans-Christian Jetter sagen.

Jetter (40) ist Informatiker. Und er beschäftigt sich gerne mit Menschen, wie er betont und lacht, schließlich eilt den Angehörigen seiner Branche nicht gerade der Ruf eines ausgeprägten Sozialverhaltens voraus. Als Professor für User-Experience und Interaktionsdesign am Studiengang Human-Centered Computing der FH Oberösterreich in Hagenberg untersucht er seit 2015, wie Menschen und Computer natürlicher interagieren können. Wobei "natürlich" nicht "naturbelassen" oder "nichtkünstlich" bedeutet, sondern intuitiv, logisch, benutzerfreundlich. Zuvor hat Jetter an der Universität Konstanz promoviert und bei Microsoft Research Cambridge, Intel und am University College London gearbeitet.

Interaktionsdesign

Interaktionsdesign, was ist das genau? "Es geht darum, vertraute Konzepte, auf die ich aus Erfahrung zurückgreifen kann, in die IT zu übertragen." Es gehe um Vorwissen, das in verschiedensten Kulturen gleich sei. "Ein Beispiel: Ein Baby lernt in der Wiege, dass das Mobile über seinem Kopf sich bewegt, wenn es es mit der Hand berührt." Kinder lernen, dass das Stofftier Gewicht habe. Dass eine Murmel, die sie in eine Schachtel legten, noch da sei, obwohl sie sie nicht mehr sehen. Solche Erfahrungen aus der physischen Welt versucht Jetter zu reproduzieren, genauso wie die Regeln für soziale Interaktionen, für Kommunikation und Kooperation.

Je natürlicher die Anwendungen eines Computersystems, desto leichter der Einstieg des Benutzers. Der klassische Desktop von Microsoft ist ein Beispiel dafür: Ein Schreibtisch, auf dem Ordner, Blätter und ein Papierkorb stehen, dazu eine Diskette, auf der man Daten speichert – die frühere Bürowelt als Metapher für Datenverarbeitung machte die Arbeit am PC einfach und verständlich.

Kognitive Belastungen reduzieren

"Wie groß ist unser Arbeitsgedächtnis? Wie erfassen und verarbeiten wir Informationen am schnellsten? Was zieht unseren Blick auf sich, was erkennen wir schnell, was übersehen wir?" Für die natürlichere Bedienung interaktiver Produkte wie Smartphones oder die Visualisierung großer Datenmengen braucht Jetter auch kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse. Lange Zahlenreihen, die der Nutzer sich merken müsse, oder geringe farbliche Unterschiede in der Darstellung zum Beispiel wären dabei hinderlich, sich Informationen zu merken oder sie herauszulesen. "Kognitive Belastungen müssen reduziert werden", so Jetter. Die Computernutzung sei schließlich kein Selbstzweck, sondern diene primär dazu, Aufgaben zu erledigen.

Widerspruch und Ironie

Doch ein Grundproblem bleibt immer: "Computersysteme und Menschen denken völlig unterschiedlich", sagt Jetter. Menschen sind sprachlich unpräzise, widersprüchlich, ironisch, was nichts macht, weil Mitmenschen ihre Absichten aus dem Kontext interpretieren können. Computer hingegen verarbeiten Informationen präzise, mathematisch genau, eindeutig. Sie brauchen exakte Angaben, die ihr Bediener häufig nicht liefert. Diese Welten zu vereinen ist Jetters Herausforderung im Interaktionsdesign. Jetter sieht sich als Übersetzer. Und er mag den Gedanken, an Technik zu arbeiten, die nicht Selbstzweck ist, sondern die Bedienung erleichtert, Bedürfnisse stillt, die Nutzung fördert. Das Interesse an Benutzerfreundlichkeit sei heute viel größer als noch vor 15 Jahren. "Damals musste ich der Industrie noch erklären, warum sie wichtig ist", sagt Jetter. Heute heiße es nur: "Wir hätten das gerne so einfach bedient wie ein Smartphone."

Derzeit entwirft er Werkzeuge für Gruppen, die große Datenmengen interaktiv visualisieren und analysieren wollen, und forscht im Bereich intuitiver Interaktion mit Computern oder computergesteuerten Maschinen für die Fertigung. Dass er künftig nur noch die Interaktion von Computern mit anderen Computern untersuchen könnte, hält Jetter "für sehr unwahrscheinlich bis unmöglich. Computer bleiben letztlich ein Werkzeug für den Menschen."

Denn trotz der zunehmend smarten künstlichen Intelligenz sei kreative Arbeit schwer automatisierbar. Selbst die banalsten Eingabegeräte wie Mäuse oder Tastaturen, glaubt Jetter, werde die Computerindustrie noch sehr lange brauchen. (Konstanze Faßbinder, 2.9.2017)