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"Nero": Der singende Surrealist auf Roms Kaiserthron

31. August 2017, 15:00

Mit der Neuherausgabe von Dezsö Kosztolányis Künstlerroman wird ein Schlüsseltext der Epochenkritik wiederum zugänglich. Der Autor wirft durch das Brennglas der Antike Blicke auf die Schrecken der Moderne

Wien – Mit den unsterblichen Göttern verfährt Nero, der Dichter auf dem Kaiserthron, wie mit seinesgleichen. Seinen hässlichen roten Bart lässt er schneiden, die Haare in eine Perlenschatulle stecken. Das Kleinod macht er Jupiter in dessen Tempel zum Geschenk. Eine Gefälligkeit unter Gleichgestellten.

Als exzentrischer Herr über Rom ist Nero (37-68 n. Chr.) für buchstäblich jeden Unfug zu haben. Er zermartert sich nicht etwa den Kopf darüber, wie er seinem Reich dessen Fortbestand sichern könnte. Er verspürt in sich lebhaft die Berufung zum Dichter. Als antiker Poet stellt Nero sich und anderen hochmoderne Fragen. Seinen berühmten Lehrmeister Seneca verblüfft er mit folgender Feststellung: "Die Menschenköpfe sind den Nüssen ähnlich. Findest du nicht? Oder vielleicht Eiern. Man müsste sie aufbrechen und nachsehen, was in ihnen steckt."

Hier ist natürlich der Moment gekommen, an Büchner zu denken, an den gescheiterten Radikalen Danton, an das Drama des menschlichen Selbsthasses in der Morgenröte der Revolution. Der Roman Nero, der blutige Dichter ist ein wahres Wunderwerk des ungarischen Prosaikers Dezsö Kosztolányi (1885-1936), das den Dachshaarpinsel der Epochenmalerei vermissen lässt. Freunde des gehobenen Sandalenromans nehmen besser mit Henryk Sienkiewiczs Quo vadis? vorlieb.

Wahnsinniger auf dem Thron

Kosztolányi bestreitet gar nicht, dass mit Nero, der historisch verbürgten Figur, ein Wahnsinniger über die Stadt von Romulus und Remus geherrscht haben könnte. Er wechselt nur den Blickwinkel. Neros sprunghafter Ehrgeiz besteht darin, die Mitwelt durch Originalität zu verblüffen. Als Rhapsode an der Leier verzapft er hanebüchenen Unsinn. Doch steht dieser dicke Jüngling unter dem Zwang, alles bisher Dagewesene übertreffen zu müssen.

Die auf Ebenmaß und Harmonie gegründete Kunst der Antike verliert ihre Mitte, ihre göttergewollte Autorität. Ihrer moralischen Maßstäbe beraubt, schrumpft sie zum bloßen Reizmittel, zum frivolen Gegenstand des seiner Sicherheit beraubten Bewusstseins.

Nero fängt an, mit den Versatzstücken der Wirklichkeit zu jonglieren. Es hat den Anschein, als wolle er vornehmlich sich selbst verblüffen. Also "singt" er, was so viel bedeutet wie: Er deklamiert Verse. Er versucht sich aber parallel auch als Wagenlenker, als Bettler, Säufer, als personifizierte Schicksalsgewalt. Anonyme Passanten sticht dieser Agent der Do-it-yourself-Methode im Häuserschatten nieder. Auf die ersterbende Frage "Warum?" antwortet Nero sinngemäß und gar nicht unfreundlich: aus Interesse.

Seneca, selbst als Dichter eigentlich ein glatter Nachahmer der Stoiker, schüttelt über seinen aufgewühlten Zögling den Kopf. Von Angesicht zu Angesicht gebietet er dem Kaiser jedoch keinen Einhalt, sondern reüssiert als Speichellecker. Er ist meistens unabkömmlich, schützt Schreibarbeiten vor, während Nero seinen Halbbruder Britannicus meuchelt, den im Gegensatz zu ihm selbst hochbegabten Poeten.

Keine kunstvoll drapierte Toga verhüllt den Hergang eines psychologischen Skandals. Kosztolányis Roman erschien im ungarischen Original 1922. Die damalige Übersetzung Stefan Isidor Kleins, heute neu durchgesehen von Akos Doma, vibriert vor analytischer Anstrengung. Ihre Parallele findet diese Prosa in gewissen Schöpfungen des deutschen Expressionismus, freilich ohne dessen Bürgerschreckattitüde zu teilen. Ein Wurf, der ehedem auch Thomas Mann den Atem benahm. Kein Wort über die Christenverfolgungen; eine vage Andeutung nur über den verheerenden Brand der Stadt Rom.

Wurmzerwühlte Erde

Nero nimmt ein verhältnismäßig schmähliches Ende. Auf der Flucht in den Staub gestreckt, rätseln die letzten Getreuen über das Charisma dieses manischen Modernisten, der akut unfähig war, Kunst und Leben voneinander zu unterscheiden. "Alle Dichter sind fruchtbar", sinniert ein Hinterbliebener. "Aus ihnen wachsen Schönheit und Blumen. Der Blumen Wurzel aber steckt in der feuchten, wurmzerwühlten Erde." Man möchte nach der Lektüre des Romans "Bruder Nero" spontan in die Arme schließen. Doch prallt man auch angeekelt vor ihm zurück. (Ronald Pohl, 31.8.2017)

Dezsö Kosztolányi, "Nero, der blutige Dichter". Roman. Aus dem Ungarischen von Stefan Isidor Klein. Mit einem Nachwort von Lothar Müller. € 24,- / 336 Seiten. Rowohlt, Berlin 2017