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The War On Drugs: Kindheitstrauma auf dem Mittelstreifen

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31. August 2017, 11:00

Die US-Band nimmt auf ihrem Album "A Deeper Understanding" Musik aus den 1980ern ihre Ecken und Kanten. Was übrig bleibt, klingt nicht schlecht, hinterlässt aber kaum Eindruck

Wien – Kindheitstraumata zeigen sich oft erst im Erwachsenenalter. Adam Granofsky muss in seiner Kindheit in den 1980ern dem Einfluss von Mainstream-Radiostationen ausgesetzt gewesen sein. Auf langen Fahrten mit Mum und Dad war er Alben von Bob Dylan (Empire Burlesque), den Dire Straits, Bob Seger, Supertramp, dem Electric Light Orchestra oder Tom Petty ausgesetzt. Das ergibt, wie der Arzt sagt, keine günstige Prognose.

Immer schön auf dem Mittelstreifen fahren. Die US-Band The War On Drugs veröffentlicht mit dem Album "A Deeper Understanding" ein einlullendes Mainstream-Album für Autofahrer unterwegs.
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Der sich Adam Granduciel nennende Chef der aus Philadelphia stammenden Band The War On Drugs nahm sein Schicksal an. Seit 2008 verarbeitet er diese Prägung, so gut er kann, eben ist das vierte Album seiner Gruppe erschienen. Es heißt A Deeper Understanding. Nach drei Alben beim Independent-Label Secretly Canadian und einer rasch wachsenden weltweiten Gefolgschaft ist es das erste Album bei einem Großverlag. A Deeper Understanding ist ein vielschichtiges, gefälliges Middle-of-the-Road-Album geworden.

Vielschichtig vor allem deshalb, weil die sechsköpfige Band Klangflächen übereinanderschichtet, als wäre es 1985. Zwar klingt das heute etwas fetter als die dünnen 1980er-Jahre-Produktionen mit ihren rachitischen Synthesizern, doch der Gestus ist derselbe geblieben. Mit einem wesentlichen Unterschied: Alle erwähnten Einflussnehmer auf Klein Adams musikalische Geschmacksnerven vermochten exzellente Hooklines zu schreiben. Also Melodien oder Textzeilen, an denen das Ohr der Hörer hängenbleiben konnte und die ein wesentliches Merkmal erfolgreicher Popmusik sind. Darauf verzichten The War On Drugs.

the war on drugs

Ob das ein freiwilliger oder ein dem Unvermögen geschuldeter Verzicht ist, bleibt im Dunkeln, ein "deeper understanding" stellt sich in dem Fall nicht ein. Zwar werden in den meist fünf- bis sechsminütigen Songs melodische Nettigkeiten angetäuscht, für eine richtige Hookline reicht es nicht.

Lieder wie Up All Night oder Nothing To Find marschieren zwar forsch. So, dass es bei einer Überlandfahrt niemanden stört, wenn das aus dem Autoradio plätschert und Granduciel dazu näselt wie ein Vorzeigeschüler Bob Dylans. Am Ende bleibt aber kaum etwas zurück, nicht einmal Abneigung. Man fühlt sich vielleicht zart sediert, kann aber selbst nach vielfachem Hören keinen Song besonders hervorheben. Außer vielleicht Knocked Down.

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Nicht weil der Titel das Gefühl des Hörens dieses Albums gut beschreibt, sondern weil er der langsame hier ist. Dann gibt es noch einen sehr langen, Thinking Of A Place, elf Minuten. Und dennoch ergibt das alles ein stimmiges Gesamtbild. The War On Drugs erschaffen mit ihrer Musik eher einen Zustand als so etwas wie ein klassisches Popalbum. Von Rock wollen wir nicht reden, obschon der Band Vergleiche mit Led Zeppelin, Crazy Horse oder Jimi Hendrix angedichtet werden.

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Doch der wie körperlos klingende Gesang Granduciels legt sich als jeweils oberste Schicht auf all diese Synthie-Schlieren wie die Stimme eines ermatteten Märchenonkels. Er könnte genauso gut gerade von einer After-Hour-Party kommen und sich die Wirkung des letzten eingeworfenen Ecstasy mit Gutenachttee aus dem System waschen. Mehr weich als wach wirkt diese Musik, so als hätte jemand Smokie einen Synthie untergejubelt und ihre Songs dermaßen in die Länge gezogen, um alle Spitzen zu plätten. Das muss man mögen.

Kein Getupfe oder Gezirpe

Immerhin ersparen The War On Drugs einem das ansonsten in diesem Segment oft auftauchende Gezirpe und fragile Getupfe, wie es beispielsweise Grizzly Bear gerne tun, die mit Painted Ruins ebenfalls gerade ein neues Album ins Regal gestellt haben.

The War On Drugs hingegen besetzen groß- und breitspurig den Mittelstreifen und weichen allem aus, was die Gleichmäßigkeit ihres Cruisens stören könnte. Die Geschwindigkeit wird schön zwischen dem vierten und fünften Gang gehalten, Automatik, versteht sich. Und wenn jemand dabei einschläft – kein Problem. Es gibt natürlich einen Airbag. Safety first. (Karl Fluch, 31.8.2017)