Foto: Joel Ryan/Invision/AP

"Downsizing": Ins Puppenhaus der Ökologie wegen

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30. August 2017, 22:45

Das Filmfestival Venedig eröffnete mit Alexander Paynes satirischer Komödie

Die Zeiten, in denen auf der Leinwand immer alles teurer werden muss, um die angeblich nötige Aufmerksamkeit zu erzielen, sind auch für die traditionsreichen Filmfestivals nicht eben einfacher. Die Anzahl der für solche Großereignisse infrage kommenden Produktionen ist überschaubar, und ob ein Film nun entweder in Venedig oder in Cannes seine Premiere feiert oder mit Blick auf den amerikanischen Markt lieber doch mit Toronto liebäugelt, dahinter steckt ausreichend taktisches Kalkül.

Wenig Glamour

Dass am Mittwochabend die Festspiele am Lido mit Alexander Paynes vergleichsweise weniger glamourösen Komödie Downsizing eröffnet wurden (vergangenes Jahr landete man mit La La Land einen Coup), könnte man also auch auf diesen Wettkampf der Festivals übertragen: Es muss nicht immer geklotzt, sondern es darf durchaus auch einmal ein wenig gekleckert werden.

Downsizing beginnt in einem norwegischen Labor, in dem sich die Ratten wie die Menschen aneinanderdrängen. Eigentlich haben es Erstere sogar besser, weil noch mehr Platz zum Leben: Die Erde krankt an Überbevölkerung. Doch mit dem gelungenen Experiment und dem bald entsprechend vermarkteten Projekt ist die Lösung in Sicht: Wer möchte, der lässt sich auf eine Körpergröße von knapp 13 Zentimeter verkleinern. Zum Wohle der Welt, für die der ökologische Fußabdruck des Menschen eindeutig zu groß geworden ist.

Auch der ORF berichtete über den Start des Filmfestivals von Venedig.
orf

Dass sich für diese europäische Idee das US-Mittelstandspaar Paul (Matt Damon) und Audrey (Kristen Wiig) erwärmt, hat jedoch weniger ideelle denn ökonomische Gründe. Lustvoll spielt Downsizing die scheinbaren Vorteile der Verkleinerung durch, wenn sich das Paar auf die Reise nach Liliput, das hier übrigens "Leisureland" heißt, begibt, um in seinem Puppenhaus im Luxus leben zu wollen. Wer winzig ist, der ist nämlich auch reich, weil alles Kleine spottbillig zu haben ist.

Die ersten dunklen Wolken und bösen Überraschungen bleiben natürlich nicht aus, dafür sorgt vor allem das Drehbuch von Paynes langjährigem Autor Jim Taylor (About Schmidt, Sideways), mit dessen wohlfeilem Zynismus sich Christoph Waltz als hedonistischer Nachbar an der Seite von Udo Kier sichtlich wohlgefühlt hat.

Satirische Balance

Mit einer erträumten Utopie zu brechen, die ohnehin nicht hält, was sie verspricht, das stellt man sich leichter vor, als es ist. Also startet auch der kleine Paul nach der Selbstfindung einen Neubeginn. Downsizing lässt seinen Helden dabei zwar sein humanitäres Gewissen entdecken, hält aber stets die nötige satirische Balance. Und hat in Matt Damon, der immer ein bisschen dümmer aussieht, als er sicher nicht ist, seinen perfekten, rundum überzeugenden Darsteller gefunden.

Wenn Paul in Leisureland ankommt und Richtung Eigenheim unterwegs ist, das sich natürlich als viel zu groß herausstellt, kann man die unter einem gewaltigen Zelt errichtete Miniaturwelt sehen: Riesenräder, putzige Häuser und Straßen. Und irgendwo dazwischen venezianische Kanäle, Kuppeln und Gondeln. In diesem zauberhaften Moment erinnert man sich, dass man hier am Lido in üblicher Größe nur im Kino sitzt. (Michael Pekler, 30.8.2017)