Foto: Johann Nagel

Was ein Hund, der nichts tut, alles tun kann

3. September 2017, 10:00

Ein Tierheim-Obmann hat viel zu erzählen – etwa über Halbstarke, die sich mit Kampfhund "wie Schwarzenegger fühlen"

"Die Leute? Sind natürlich nicht einfach", sagt Johann Nagel, 67 und Obmann des Tierheims Trieben in der Obersteiermark. Stellt er einen Zaun um die Wiese auf, auf der seine Hunde herumlaufen, regen sich die Leute auf, die gegen Zäune für Hunde sind. Gibt er den Zaun wieder weg, dann regen sich die Leute auf, die gegen frei herumlaufende Hunde sind.

Wer als Mensch mit Hunden zu tun hat, der hat immer etwas zu erzählen, und wer wie Nagel 360 Stunden im Monat mit Hunden und ihren Herrchen und Frauchen zu tun hat, der noch viel mehr.

Zurzeit haben sie 14 Hunde im Heim, vor drei Wochen waren es noch 26, was für die Mitarbeiter sehr belastend sei. "Es gibt ja unter den Hunden auch welche, die sich nicht verstehen", da wären die Hunde nicht anders als die Menschen. Immer wieder stehen Familien vor ihm und bringen ein Hundsi: "Zugelaufen! Gefunden! Was weiß ich!" Wenn Nagel ein Tier übernimmt, dann muss er es kastrieren, impfen und untersuchen lassen, das kostet.

Kurze Zeit später steht die Familie dann wieder da und fragt, ob "der Hund" noch bei ihm wäre, sie würden ihn jetzt gern selbst nehmen. Für solche Fälle hat Nagel einen fiesen Trick auf Lager, er sagt, dass er den Hund "gerade gestern vergeben hat". Wenn die Kinder anfangen zu weinen, hat er wieder mal welche überführt, die sich Geld für den Tierarzt sparen wollten.

Loses Mundwerk

Aber das ist harmlos im Vergleich zu dem, was er sonst schon alles erlebt hat. Jahrelang war er auf Montage für Siemens unterwegs, immer Crash-Einsätze, bei denen es hieß: "Wo ist der Hans?" Bis ihm eines Tages der abgetrennte Kopf eines Kollegen vor die Füße rollte, Arbeitsunfall. Da ließ er das Montieren bleiben und nahm in Trieben einen Job als Schulwart an. Nebenher half er Frau Bacher, die auf einem kleinen Grundstück das Tierheim aufgebaut hatte, "eine Bruchbude".

2002 übernahm er es als Obmann des Vereins und baute alles selbst um, nun haben sie 230 Mitglieder, die zwischen drei Euro und 50 Euro pro Monat spenden. Das Heim braucht aber 15.000 Euro im Monat, wie soll sich das ausgehen? "Geht sich eh nicht aus!", sagt Nagel, gerade verhandelt er wieder mal mit dem Land, was aber immer ein bisschen schwierig ist, weil er auf Montage gelernt hat, wie man andere beleidigt, bevorzugt "Großkopferte".

Stolz ist er nicht auf sein loses Mundwerk, aber brauchen tut er es immer wieder, zum Beispiel, wenn eine Frau aus der Umgebung Hunde aus Griechenland daherschleppt: Im ersten Jahr einen, im zweiten schon drei, im dritten Jahr stand sie mit fünf vor der Tür des Heims und schnauzte ihn an: "Wo sind Sie denn? Da sind die Hunde, kümmern Sie sich!"

So viele Tragödien

Ja, die Leute. Ein großes Problem wären "die Halbstarken mit den Schultern einer Hoffliege, die einen Kampfhund wollen und sich dann wie Schwarzenegger fühlen." Solche kriegen bei ihm natürlich keinen, aber beim Züchter im Ausland schon.

Oder bei Nagels Spezialfreunden, den sogenannten Tierschutzvereinen: "Die machen einen Aufruf, dass 300 Tiere getötet werden müssen, falls sie keinen Platz finden, weil der Verein keine Spenden kriegt, das Übliche." Dann melden sich die Leute und kaufen "reinrassige Mischungen um 350 Euro, die aus Rumänien kommen. Die Leute bedenken nicht, dass dahinter eine Mafia steckt."

So wie neulich eine Familie aus Goisern. Die ließ sich auf dem Karlsplatz in Wien eine Mischung andrehen, und als sie zu Hause waren, ließ der Hund nur noch die Frau ins Haus, den Mann und die Kinder nicht mehr. Nagel ist für den Bezirk Liezen zuständig, aber sie rufen ihn von überallher an, also was tun?

"Zurück zu den sogenannten Tierschützern!", sagte er. Die hatten der Frau schon geraten, "dass sie einen anderen Platz für den Mann und die Kinder suchen soll"! Die "Tierschützer" hat er also gefressen. Dabei ist Nagel ein warmherziger Menschenfreund. "So viele Tragödien", erzählt er, "Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot." Einmal fuhr ein Mann im umgebauten Postbus vor, der nach der Scheidung mit drei Kindern und zwei Hunden unterwegs war, die Ex, die Mutter, wollte weder die Hunde noch die Kinder.

Sie mussten die Hunde bei ihm abgeben, die Kinder weinten Rotz und Wasser. Da versprach er, die Tiere vier Monate nicht zu vergeben, "und wenn ihr was gefunden habt, dann ruft's mich an". Nach vier Monaten bekamen sie ihre Tiere zurück, und was die angefallenen Kosten anging, sagte er dem Vater: "Wenn du dich erfangen hast, schick uns eine Spende."

Gewalt gegen Hunde

Andererseits die vielen Familien, die sich schon um die Kinder nicht kümmern können, die dann aber auch noch einen Hund wollen. "Da sitzt dann ein Herdenhund mit fünf Kindern in einer 35-Quadratmeter-Wohnung!", regt er sich auf und weiß, Enge erzeugt Reibung, also Thema Gewalt gegen Hunde: "Gibt es ständig!", sagt er. Mit "Ich bin dein Herr!" reagierten sich viele am Hund ab.

"Einmal einer, in einem Sozialberuf tätig, der hatte eine total liebe Rottweiler-Hündin, aber er wollte einen schärferen Hund." Auf dem Abrichtplatz hatte er dann ein Barett auf und eine Militärjacke an. Dort machte er den Hund scharf wie eine Rasierklinge, eines Tages biss der seine Frau. "Da fuhr er nach Hause und schoss ihm mit dem Gewehr dreimal in den Kopf."

Unwissenheit der Leute

Ein aggressiver Hund kriegt bei Nagel ein halbes Jahr eine Chance, dann muss er sich geändert haben. Er selbst wurde schon achtmal schwer gebissen, aber das ist ihm wurscht. "Mein Hund tut ja nichts!" ist ein Satz, den er nicht mehr hören kann. "Er stimmt einfach nicht!", schreit er. "Die Leute sollen in der Zeitung lesen, was ein Hund, der nichts tut, alles tun kann! Daran sei nicht immer der Hund schuld. Zum Beispiel Kinder. Ja, sind eh lieb, natürlich, er hat ja selbst drei erwachsene und einen Achtjährigen, der sein Ein und Alles ist.

Nagel kennt aber auch Kinder, die fahren dem Hund mit dem Bobbycar über den Schwanz, und dann ruft der Vater an, dass der Hund so aggressiv ist. Das Unwissen der Leute sei himmelschreiend. Einmal in der Tauplitz-Gegend ein Notfall: "Fünf Hundewelpen im Wald gefunden!" Als er dort ankommt, öffnet ein Kind seine Hand, und Nagel sieht – "fünf Eichhörnchenbabys!"

Sind es richtige Hunde, die man ihm anvertraut, haben sie oft Flöhe oder Wunden und wurden geschlagen, so wie sein Lieblingshund, der Aris. Es kam ein Anruf von der BH Leoben, dass der scharfe Dobermann eingeschläfert werden muss, wenn er ihn nicht nimmt. Nagel sagte, dass er ihn holen würde, wenn sie ihm einen Beißkorb anlegen. Kaum stieg er aus dem Auto, lag er schon auf dem Rücken, und die Zähne vom Aris waren hinter dem Beißkorb an seiner Gurgel.

Im Tierheim sperrte er ihn ein, aber irgendwie entkam er. In heller Panik machten sich alle Mitarbeiter auf, das gefährliche Tier zu suchen, aber wo war es? Saß seelenruhig auf der Ladefläche seines Busses! Dort setzte sich Nagel neben ihn: "Wennst mich jetzt beißt, wirst erschossen." Er nahm dem Aris den Beißkorb ab, und sie wurden beste Freunde. Aber Vorsicht: nicht zur Nachahmung empfohlen! (Manfred Rebhandl, 3.9.2017)