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Polytechnische Schulen: Wer übrigbleibt, besucht das Poly

4. September 2017, 07:00

Die Polytechnische Schule soll das letzte Jahr der Schulpflicht "abrunden". Das gelingt nicht. Die Defizite der Schüler seien enorm, sagt der Lehrer Michael Fellner

Wien – Die Polytechnische Schule ist bereits seit ihrer Gründung ein Lückenfüller. Die Bundesregierung beschloss 1962 in einer Schulreform, die Schulpflicht von acht auf neun Jahre zu verlängern. Für das neue, zusätzliche Jahr wurde ein neuer Schultyp erfunden. Die Idee: Das letzte Jahr soll die Schulpflicht abrunden und eine Orientierung für die Berufswelt liefern. Geklappt hat das nicht. Die Polytechnische Schule, umgangssprachlich auch Poly genannt, leidet unter Schülerschwund und ist zur Restschule geworden.

"Es kommen die, die nichts anderes finden", sagt Michael Fellner, der in den vergangenen zwei Schuljahren im Rahmen der Privatinitiative "Teach for Austria" an einem Wiener Poly als Lehrer mit Sondervertrag unterrichtet hat. Das Hauptproblem, vor allem in Wien: Viele der Schülerinnen und Schüler sprechen nicht ausreichend Deutsch. In der Hauptstadt haben an dieser Schulform 73 Prozent eine andere Umgangssprache, insgesamt sind es wienweit fünfzig Prozent über alle Schulformen hinweg.

Unterschiedliche Niveaus

Im Schuljahr 2015/16 verließen 20 Prozent das Polytechnikum ohne eine weitere Ausbildung, in Wien waren es sogar 28 Prozent "Die Niveaus sind extrem unterschiedlich", sagt Fellner. So habe er etwa eine Serbin in der Klasse gehabt, die eine super Mathematikerin war, aber die Angaben nicht verstehen konnte. Andere sprächen zwar Deutsch, könnten aber nicht rechnen. Wieder andere hätten massive familiäre oder ökonomische Probleme.

"Für zwei Jahre hab ich Vollgas geben können, ich habe ja gewusst, dass ich danach studiere. Aber Lehrer, die das dreißig Jahre lang machen sollen, müssen sich selbst Grenzen setzen, sonst brennen sie aus", sagt Fellner. Der 26-Jährige wird demnächst ein Masterstudium in Schweden beginnen.

Laut Lehrplan ist es die Aufgabe der Polytechnischen Schulen, die Schüler auf die Berufsentscheidung vorzubereiten und die Allgemeinbildung der Schüler "in angemessener Weise zu erweitern". Nach einer Orientierungsphase können sie sich für einen Fachbereich entscheiden, den sie vertiefen. Je nach Schule ist das zum Beispiel der Bereich Metall, Bau, Büro oder Tourismus.

"Nur Absagen"

Laut Fellner ist diese Orientierungsphase von wenigen Wochen viel zu kurz. "Die Schüler haben keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben machen wollen." Er hat sich in seinem Unterricht deshalb auf die Berufsorientierung und das Verfassen von Bewerbungsschreiben für Lehrstellen konzentriert. Für viele Schüler sei das frustrierend. "Sie schreiben siebzig, achtzig Bewerbungen und bekommen nur Absagen." Da sich die Betriebe auf das Schulsystem nicht verlassen, haben sie selbst Tests konzipiert. Die meisten von Fellners Schülern sind bei diesen Überprüfungen durchgefallen. "Viele gehen nach der Schule zum AMS." Überhaupt seien Absolventen von Polys in Wien bei Unternehmen eher unbeliebt, sagt der Lehrer.

Das ist ein Grund dafür, dass manche Schülerinnen und Schüler das letzte Schuljahr in einer mittleren oder höheren Schule absolvieren. Für jene, die sich im regulären Unterricht schwertun, gibt es Übergangsklassen. An den Handelsakademien (HAKs) gibt es in Wien zwei solche Gruppen, an den Höheren Technischen Lehranstalten (HTLs) eine.

Ein Direktor eines Polytechnikums, der anonym bleiben will, kritisiert diese Klassen. Nur wenige Schüler schafften den Sprung in die reguläre Schulform. "Nach dem einen Jahr stehen die Schüler völlig ohne Orientierung und ohne Lehrstelle da. Die Polytechnische Schule mit ihrem breiten Angebot wäre das Richtige für sie."

Dem widerspricht Fred Burda, Landesschulinspektor für die kaufmännischen Schulen. 75 Prozent der Schüler in den Übergangsklassen an der HAK würden danach die reguläre Schule besuchen, auch bei der Lehrstellensuche würde geholfen. Bernadette Frauscher, Inspektorin für die HTLs, sieht das ähnlich, bestätigt aber, dass viele die Übergangsklassen als "Überbrückung bis zum Ende der Schulpflicht" nutzen. "Die Abneigung der Eltern gegenüber dem Poly ist groß."

Neos wollen Poly aufwerten

Die Lösung liegt für Christoph Wiederkehr, Wiener Gemeinderat der Neos, in einer Aufwertung des Polytechnikums und in der Abschaffung der Übergangsklassen. "Das jetzige System funktioniert nicht, es gibt zu viele Defizite." Man müsse dem Trend entgegenwirken, dass das Poly zur Restschule werde. Er schlägt deshalb vor, die Polytechnischen Schulen um ein Jahr auf zwei Jahre zu verlängern. "Dann gebe es ein Jahr, um die Bildungsdefizite aufzuholen, und eines für die Berufsorientierung."

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) kann dem auf Nachfrage nicht viel abgewinnen. "Diese Überlegung ist für uns nicht ganz nachvollziehbar", heißt es aus dem Ministerium. Es gebe ab der neunten Schulstufe eine Reihe von Schultypen, die entweder eine weitere Bildungslaufbahn ermöglichen oder den Einstieg in das duale Ausbildungssystem.

Schulversuch läuft

Derzeit läuft der Schulversuch "Poly 2020", mit dem der Lehrplan geändert werden soll, damit schließlich auch die Schulform aufgewertet wird. Die Evaluierung ist zwar schon fertig, das Ministerium müsse diese aber erst aufarbeiten und Schlüsse daraus ziehen, heißt es aus Ministerin Hammerschmids Büro.

Bis dahin müssen sich die Schüler am Poly mit der Hoffnung auf engagierte Lehrer begnügen. Fellner ist besonders stolz auf einen serbischen Schüler, mit dem er eine Lehrstelle als Kellner in einem Hotel am Ring gefunden hat. "Er weiß jetzt genau, was er will, und deshalb hat er es geschafft." (Lisa Kogelnik, 4.9.2017)