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Mitgeschriebenes merken: Stift schlägt Laptop

8. September 2017, 11:50

Das Gehirn ist beim Aufschreiben aktiver, zeigt eine neue norwegische Studie

In den vergangenen Jahren fanden immer mehr Tablets und Laptops Einzug in die Hörsäle und Klassenzimmer. Aber wird Information wirklich gleich gut gemerkt, wenn man sich digital Notizen macht? Das untersuchten Forscher der norwegischen University of Science and Technology. Was sich dabei zeigte: Beim Aufschreiben ist die Merkfähigkeit höher.

Inspiriert worden, sagt Studienautorin Audrey van der Meer, sei man von einer US-amerikanischen Studie, in der die Probanden TED-Talks zuhören sollten – während die eine Gruppe handschriftlich mitschrieb und die andere mittippte. Als die Inhalte drei Wochen später abgefragt wurden, habe sich gezeigt, dass sich die Mitglieder jener Gruppe, die sich handschriftlich Notizen gemacht hatte, weit besser erinnern konnten.

"Wir waren daran interessiert, was im Gehirn passiert", sagt van der Meer, die die von Microsoft finanzierte Studie gemeinsam mit Ruud van der Weel durchführte. Also schlossen die Forscher 20 Probanden an ein EEG an. Während ihre Gehirnaktivität gemessen wurde, zeigte man ihnen Wörter – und bat sie, diese abzutippen, zu beschreiben oder mit dem digitalen Stift aufzuzeichnen.

Mehr Aktivität im Gehirn

Das Ergebnis der Untersuchung, das im Fachjournal "Frontiers in Psychology" veröffentlicht wurde: "Werden die Worte geschrieben oder gezeichnet, sind weit mehr und auch andere Bereiche im Gehirn aktiv", sagt van der Meer zum STANDARD. Das liege daran, dass beim Aufschreiben oder Aufzeichnen weit mehr Sinne im Spiel sind, man mehr Feinmotorik einsetzt. "Und: Sind mehr Bereiche aktiviert, kann man die Information wiederum in weit mehr Bereichen abspeichern."

Warum handschriftliche Notizen im digitalen Zeitalter noch nicht obsolet sind: Stefan Kerr. Sich handschriftlich Notizen zu machen, sagt Kerr, sei, "wie mit seinem Zukunfts-Ich" zu kommunizieren. Es sei viel intuitiver, direkter, kreativer.
tedx talks

In Schulen nur mehr auf Elektronik zu setzen – "wie es bereits in vielen europäischen Ländern gemacht wird" – sei also der falsche Schritt, schlussfolgern die Forscher. "Schüler und Schülerinnen sollten zunächst gut Schreiben lernen", sagt van der Meer.

In Meetings mitkritzeln

Ob die Studienergebnisse ebenso für das Mitschreiben in der Vorlesung oder beim Meeting gelten können? Auch hier könnten handschriftliche Notizen oder kleine Zeichnungen die Aufmerksamkeit steigern. Van der Meer: "Ein Stift erlaubt, Wichtiges hervorzuheben, Seitennotizen zu machen, gewisse Stellen mit Symbolen zu versehen."

Entscheidende Vorteile hätten digitale Geräte jedoch, wenn es darum geht, Mitschriften zu versenden, zu organisieren und damit weiterzuarbeiten, sagen die Wissenschafter – die ihre Forschung keinesfalls als den Versuch verstanden wissen wollen, "ins Mittelalter zurückzukehren".

Und lassen sich die Ergebnisse auf das Lesen übertragen? Liest man analog aufmerksamer? Das sei noch nicht ausreichend erforscht worden. "Aber ich denke nicht, dass es viel Unterschied macht, ob man auf einem Tablet oder in einem Buch liest", sagt Co-Autor van der Weel. "Nur, dass es praktisch ist, dass man das Tablet überallhin mitnehmen kann." (lib, 8.9.2017)